Angela Kesselring im Gespräch: „Ich will Frauen sichtbarer machen“

Angela Kesselring im Gespräch: „Ich will Frauen sichtbarer machen“

Sie stellt sich viele Fragen. Warum Frauen in der Wirtschaft so schlecht vernetzt sind zum Beispiel. Oder weshalb auf den wichtigsten Kongressen immer nur Männer vertreten sind. Das bringt Angela Kesselring, die Geschäftsleiterin von SZ-Publishing, auf die Idee, ein Wirtschaftsmagazin für Frauen zu entwickeln:  SZ PLAN W – Frauen verändern Wirtschaft. Im Interview mit dem Mediennetzwerk Bayern erzählt Kesselring, wie ein Magazin zu einer Bewegung werden kann und wieso ihr Angela Merkel einen Gefallen getan hat. Die nächste Ausgabe der SZ PLAN W erscheint am 4. Juni 2016.

Frau Kesselring, PLAN W erzählt Geschichten von erfolgreichen Frauen, die ungewöhnliche Wege gehen. Wie sind Sie zur SZ gekommen?

Angela Kesselring. Foto: Frank Bauer

Angela Kesselring. Foto: Frank Bauer

Angela Kesselring: Die Wahrheit ist: durch Schwangerschaft. Ich war in einem mittelständischen Bildband-Verlag Pressechefin, habe jahrelang wahnsinnig gern und viel gearbeitet. Dann bin ich schwanger geworden und die Verleger sagten zu mir: Gut für sie, schön für Deutschland, aber ihre Leitungsposition müssen sie jetzt abgeben. Ich konnte das gar nicht glauben! Bei einem Abendessen im kleinen Kreis mit dem damaligen Chefredakteur des SZ-Magazins, Dominik Wichmann, hab ich dann etwas getan, was man eigentlich nicht tun sollte – mit privaten Ärgernissen einen Journalisten belämmern. Ich schimpfte ordentlich, weil ich trotz jahrelang aufgebauten Netzwerken und Erfahrungen einfach so ins Off geschoben wurde. Nur weil ich ein paar Monate nicht am Arbeitsplatz sein konnte. Zu meiner großen Überraschung folgte auf meine Wutrede eine Einladung zum Vorstellungsgespräch.

Sie waren also wütend und schwanger. Allein deshalb wird er Sie aber nicht eingestellt haben, richtig?

Kesselring: Nein, er schätzte meine kreative Herangehensweise beim Vermarkten von Inhalten. Ich hatte nie ein großes Budget, aber gute Ideen und starke Kooperationspartner wie Gruner & Jahr, das Goethe-Institut oder die SZ. Ich traf Wichmann zwei Mal im Jahr geschäftlich, um ihn für die Inhalte meines Verlages zu begeistern – und so die Bücher ins SZ-Magazin zu bringen. Als unsere Tochter Ricarda vier Monate alt war, habe ich angefangen, zu Hause erste Ideen zu entwickeln, und ab und zu in die Redaktion zu gehen. Wichmann war ein toller Chef. Er hat Bedingungen geschaffen, die es mir ermöglichten, mit Baby zu arbeiten – und mir für das Operative zwei Praktikanten an die Seite gestellt.

Wie sind Sie auf die Idee zu PLAN W gekommen?

Kesselring: Alexandra Borchardt, die Chefin vom Dienst der SZ, stand in der Mittagspause beim SZ-Wirtschafsgipfel, der einmal im Jahr in Berlin stattfindet, neben mir – und wir haben uns gewundert, dass wir fast nur Männer gesehen haben. Das war nicht deckungsgleich mit unseren Erfahrungen, denn wir kennen persönlich sehr viele Frauen in leitenden Positionen: Sie sind Partnerinnen in Anwaltskanzleien, führen mittelständische Unternehmen oder sind fast ganz oben in DAX-Konzernen. Die waren nur alle nicht auf diesem Kongress. Das wollte ich unbedingt ändern. Denn die Bilder, die man als Zeitung aussendet, beeinflussen die Leser. Und wenn der wichtigste Wirtschaftsgipfel in Deutschland zu über 90 Prozent in Männerhand liegt, ist das nicht gerade ansprechend für Frauen. Im Gespräch mit der Wirtschaftsredaktion war dann schnell klar, dass sich etwas ändern muss. Ich wollte Frauen sichtbarer machen.

Sie beschreiben PLAN W auch als eine Art Bewegung. Wie kann ein Magazin zu einer Bewegung werden?

Kesselring: Es geht darum, Frauen zu ermutigen, sich in das Abenteuer Wirtschaft zu stürzen – mit tollen Geschichten über Biografien von Frauen aus der ganzen Welt. Die Leserinnen dazu inspirieren, selbst aktiv zu werden. Es soll das Gefühl entstehen: Wir schaffen das gemeinsam. PLAN W ist momentan das einzige Magazin in Deutschland, das Frauen und Wirtschaft zusammendenkt und zusammenbringt. Wir veranstalten zusätzlich Netzwerk-Treffen. Karriere macht man ja nicht nur, weil man besonders gut oder fleißig ist – das sind Grundvoraussetzungen – man braucht auch ein machtvolles Netzwerk – und das knüpfen wir gerade.

Wieso sind Frauen so schlecht vernetzt?

Kesselring: Wenn ich das wüsste… Ich habe mich schon immer gefragt, was diese Glasdecke soll. Ich habe mich nie benachteiligt gefühlt und mich immer gefragt, warum kommen andere nicht weiter. Ich habe eine Mutter, die eine selbstbewusste Unternehmerin war, und bin mit dem Gefühl groß geworden, dass Frauen dasselbe schaffen können wie Männer. Ich muss es aber wollen und ich muss es mir zutrauen. Frauen sind sehr ungnädig sich selbst gegenüber. Wir sind selbst unsere schlimmsten Behinderer. Wir blicken nicht selbstbewusst auf unsere Stärken, sondern ständig auf die Fehler.

Sind die Frauen selbst schuld?

Kesselring: Nein, Schuld nicht. Es ist ein Mangel an Selbstverständlichkeit. Das sind tradierte Verhaltensweisen – und Verhalten zu ändern, ist schwer. Gucken Sie Filme, lesen Sie Bücher: Es ist immer der Prinz, der geheiratet werden soll und dann wird das Leben gut. Ich finde es ja gut, wenn ich einen Prinzen habe. Aber es ist ganz toll, wenn ich den Prinzen nicht ständig fragen muss, ob ich mir ein Paar Schuhe kaufen darf. Das sind wahnsinnig mächtige, alte Bilder. Die haben wir im Kopf, solange wir ihnen keine neuen entgegensetzen.

Und diese neuen Bilder finden wir jetzt in PLAN W?

Kesselring: Genau. Deswegen ist mir das Magazin so ans Herz gewachsen und nach jeder Ausgabe gefällt es mir besser, weil es ungewöhnliche Wege von Frauen nachzeichnet, die eines gemeinsam haben: Sie haben ihr Leben eigenständig selbstbewusst in die Hand genommen und nach ihren eigenen Vorstellungen gestaltet. PLAN W nimmt den  Druck raus, perfekt sein zu müssen. Wenn man andere Frauenmagazine liest, bekommt man ganz oft das Gefühl, dass man sich selbst optimieren muss. Die PLAN-W-Leserin soll lieber was ausprobieren und auch mal sagen: Mist, hat nicht geklappt, biegen wir halt woanders ab. Es geht darum, neue Bilder aufzuzeigen und zu sagen: Es funktioniert.

Wie ist denn die typische Leserin von PLAN W?

Kesselring: Als ich mir Leserforschungsdaten angesehen habe, bin ich auf etwas Interessantes gestoßen: Die Abonnentinnen der SZ interessieren sich fast vier Mal mehr für Wirtschaftsthemen als der Durchschnittsleser. Das ist auch bei den Themenfeldern Geldanlagen, Aktien, Politik, Wissenschaft und Architektur so. Das fand ich sehr ermutigend, weil es gezeigt hat, dass ich mit meiner Idee für ein neues Magazin richtig lag. Wir haben ein sehr genaues Bild von der Leserin, für die wir PLAN W machen: gut ausgebildet, ambitioniert, offen für Neues und wissbegierig. Das Alter spielt dabei keine große Rolle. Wir sprechen Frauen an, die etwas bewegen wollen – das trifft auf 20- und 60-Jährige gleichermaßen zu.

Hier findet Ihr das vollständige Interview mit Angela Kesselring.