Porträt ProGlove oder: Der Handschuh, der mitdenkt
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Porträt ProGlove oder: Der Handschuh, der mitdenkt

Mark könnte in Zukunft der treuste Freund vieler Werker in Industrieunternehmen werden. Warum? Weil mit Mark gerade der erste intelligente Handschuh für die Industrie 4.0 auf den Markt gebracht wurde. Grund genug, uns mit den Köpfen hinter Mark, den Gründern von ProGlove, zum Gespräch zu treffen.

Aufregende Zeiten für ProGlove:  Vor kurzem wurden die neuen Büroräume am Ostbahnhof  bezogen, das Team erweitert sich stetig und wird dabei noch internationaler und – last but sicherlich noch least –  wurde gerade eben das erste Produkt des Unternehmens, der intelligente Handschuh Mark, offiziell gelauncht. Die Vorserie wurde allerdings schon seit einiger Zeit unter realen Bedingungen von Kunden wie BMW oder Skoda eingesetzt  und getestet.

ProGlove Mark Handschuh

Der erste intelligente Handschuh von ProGlove: Mark (© ProGlove)

Was kann Mark?

Mark scannt durch einen, mit dem Daumen ausgelösten Knopfdruck einen Barcode ab und gibt direkt optisches, akustisches und haptisches Feedback an den Handschuhträger. Dieser weiß somit unmittelbar, ob der Arbeitsschritt korrekt ausgeführt wurde. Der Blick auf einen Bildschirm wird dadurch genauso unnötig wie ein externes Scangerät an sich.

Das System des ProGloves-Handschuhs besteht aus einer zentralen Computereinheit und einem Arbeitshandschuh mit integrierter Elektronik. Der Integrationsaufwand in bestehende Systeme ist — laut ProGlove —  sehr gering.

„Ziel musste es sein, den Handschuh intelligent zu machen“

Doch beginnen wir von vorne. Wie kamen die Gründer von ProGlove,  Thomas Kirchner,  Paul Günther,  Jonas Girardet und Alexander Grots eigentlich auf die Idee, Wearables für die Industrie zu entwickeln?

Ausschlaggebend dafür waren zwei Faktoren, die gemeinsam den Impuls für einen intelligenten Handschuh setzten: Zum einen der Ideenwettbewerb „Intel Make it Wearableim Silicon Valley, der  mit einer halben Millionen Dollar dotiert  war und an dem die Gründer teilnehmen wollten. Als sie sich mit der Frage beschäftigten, für welchen Bereich sie Wearables entwickeln wollen, spielte  Pauls Industriewissen  die andere wichtige Rolle:  Denn als Student leitete er Werksführungen bei BMW und gewann dort  erste Einblicke in die Fließbandarbeit. Beispielsweise wie  groß die Wirkung einer scheinbar minimalen Taktverbesserung sein kann. Und  dass die meisten Werker standardmäßig Arbeitsschuhe,  Kittel und eben auch Handschuhe tragen.   Warum also nicht die Arbeitskleidung der Werksarbeiter zur Prozessoptimierung nutzen? Schnell fiel die Entscheidung auf den Handschuh, der jetzt nur noch eines werden sollte: Intelligent. Paul erklärt, warum:

„Wenn ich dort eine Kleinigkeit im Ablauf optimiere, dann ist das ein großer Hebel: Denn einen Handgriff mache ich als Werker nicht nur einmal, sondern 500 oder 1000 Mal am Tag.“

Die Idee war geboren und der erste Prototyp im Zuge der Intel Challenge entwickelt. Tatsächlich schaffte es das Team mit Platz 3 auf das Siegertreppchen und sicherte sich damit 150.000 Dollar.  Das darauffolgende positive  Echo aus Presse und Industrie veranlasste die vier schließlich, die Idee weiterzuverfolgen. ProGlove war geboren.

ProGlove Bild

Damit im Büro auch niemand vergisst, worum es geht… (© Munich Startup)

Und damit auch der erste intelligente Handschuh. Allerdings in einer etwas abgespeckteren Version. Denn bereits in den ersten Monaten und beim Test von über 70 Prototypen  merkten die Macher, dass einige der anfänglichen Features nicht  unbedingt notwendig waren.

Das erste Produkt  Markt konzentriert sich  deswegen jetzt  primär auf den Faktor Geschwindigkeit  in Produktions- und Logistikprozessen. Und das funktioniert wie folgt: Der Werker scannt direkt mit seinem  ProGlove-Handschuh, auf dem ein Barcode-Scanner befestigt ist, jedes einzubauenden Einzelteil ab.   Er spart  sich dabei jedes Mal  den Griff zum Scanner – und damit pro Scanvorgang ca. 3 Sekunden. Geht man davon aus, dass in der Regel pro Auto 1000 Mal gescannt wird, kann man erahnen, wie hoch das Einsparungspotential an  Zeit – – und damit auch an Geld — ist.

Mark bringt aber auch noch weitere Vorteile mit sich: Er überprüft, ob die richtigen Teile verbaut werden, Stichwort Qualität. Außerdem wird dokumentiert, wo welches Teil eingebaut wurde, Stichwort Dokumentation. Und auch der Träger profitiert von dem intelligenten Handschuh: Durch freihändiges Arbeiten können die Arbeitsabläufe ergonomischer gestaltet werden.

Und wo kann der intelligente Handschuh überall eingesetzt werden? Thomas meint dazu:

„Wir haben mit der Automobilindustrie angefangen, weil da einfach der größte Pain war. Mittlerweile sind wir aber auch in vielen anderen Industrien, wie beispielsweise im Logistik-Bereich.  Denn auch hier geht es um schnelles und ergonomisches Scannen.“

Viele weitere Einsatzbereiche sind in der Zukunft noch denkbar, wie beispielsweise auch der Pflegebereich. Die große Vision: Alle professionell eingesetzten Handschuhe sollen intelligent werden!

„Wenn ich als Gründer mich in München nicht unterstützt fühle, bin ich einfach doof“

Den Firmen-Standort München gegen einen amerikanischen einzutauschen  — dieser Gedanke stand für kurze Zeit auch bei ProGlove im Raum. Aber nicht, weil die vier Gründer sich in München nicht gut aufgehoben fühlen. Vielmehr das Gegenteil trifft zu, wie Thomas erklärt:

„Wenn ich als Gründer mich in München nicht unterstützt fühle, bin ich einfach zu doof. Es gibt so viele Angebote. Wir haben beispielsweise alles mitgenommen, was es in München an Entrepreneurship Centern gibt, wie beispielsweise die UnternehmerTUM, das SCE, das LMU EC und die Techfounders.“

ProGlove Paul

ProGlove-Mitgründer Paul Günther mit einer umfunktionierten Wassertonne zum Spritzwassertest. (© Munich Startup)

Wenn es um das Thema Finanzierung geht, wird es für ein Hardware-Startup in München — und ziemlich sicher in Deutschland generell — dagegen etwas schwieriger.  Denn die deutsche Finanzierungsszene fühlt sich  im  Softwarebereich gerade sehr wohl und scheut die risikoreichere Hardwareszene — so sehen es zumindest die ProGlove-Gründer:

„Bei Hardware brauche ich einfach mehr Geld, da die Entwicklungszyklen deutlich länger sind. Und auch in der Zusammenarbeit mit der Industrie muss mehr investiert werden: Denn diese Kundschaft braucht deutlich mehr Überzeugungsarbeit und zahlt in der Regel auch erst später.“

Anders die Investoren in Amerika:   Hier ist die Bereitschaft, ein finanzielles Risiko einzugehen, deutlich höher. Und da der Glaube in „German Engineering“ im Ausland trotz einiger Skandale durchaus groß ist,  konnte ProGlove auch einen Deal mit  zwei amerikanischen Investoren an Land ziehen, nämlich mit Intel Capital und  GettyLab. Dritter in der Investoren-Runde ist  Bayern Kapital. Insgesamt sammelte das Münchner Startup bei dieser ersten Finanzierungsrunde 2,2 Millionen US-Dollar ein. Und ist auch zu der Entscheidung gekommen, in München zu bleiben:  Die Manufacturing-Bedingungen seien hier einfach deutlich besser als in den Staaten.

Was ist der Plan?

Mark ist nun auf dem Markt und wie geht es bei ProGlove weiter?

„Da wir VC-Geld im Unternehmen haben, geht es jetzt natürlich primär darum, zu skalieren. Wir müssen Umsatz machen und wollen möglichst viele Kunden bedienen. Und dann fangen wir parallel an, an unserem zweiten Produkt zu arbeiten.“

ProGlove Katharina Handschuh

Der nächste Schritt: Handschuh „Katharina“ mit Display (© ProGlove)

Dabei handelt es sich um den intelligenten Handschuh Katharina, der zusätzlich über ein integriertes Display verfügen wird.

Außerdem ist auch der Sprung auf den amerikanischen und asiatischen Markt geplant. Dafür müssen noch weitere Lizenzen eingeholt werden, denn bis jetzt ist Mark nur auf dem europäischen Markt zugelassen.

Mitte 2017 soll dann bereits die nächste Finanzierungsrunde aufgenommen werden. Und da sich die Bewertung dafür am Umsatz orientieren wird, gilt es bis dahin, Mark zum treusten Freund aller Werker zu machen!

 

Ein Artikel von

Munich Startup

Munich Startup ist das offizielle Startup Portal für München
und die Region, das von der Stadt München, der IHK für München und Oberbayern und dem Zusammenschluss 4Entrepreneurship entwickelt wurde. Träger ist die Münchner Gewerbehof- und Technologiezentrum GmbH (MGH). Unterstützt wird die Initiative u.a. vom Freistaat Bayern.