Neue Gräben: Der Zündfunk Netzkongress
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Neue Gräben: Der Zündfunk Netzkongress

Mind the Gap — In seiner vierten Ausgabe stellt der Netzkongress des BR-Magazins Zündfunk die digital-analoge Lücke ins Zentrum des Interesses.

Zwischen Digital Natives und digitalen Analphabeten, urbanen Kosmopoliten und abgehängten Analogen, virtuellen und bürgerlichen Identitäten klafft eine Lücke — behauptet zumindest der diesjährige Zündfunk Netzkongress. Mit Vorträgen und Diskussionen bot der Kongress am vergangenen Wochenende anderthalb Tage lang eine Reflexionsfläche zu den (spaltenden) Auswirkungen der Digitalisierung auf Gesellschaft und unser alltägliches Leben.

BR-Intendant Ulrich Wilhelm eröffnete den Digitalkongress mit einem Impulsvortrag am Freitag. Bis Samstagabend beleuchteten 51 Redner in unzähligen Sessions unterschiedliche Aspekte des digitalen Wandels auf den beiden Bühnen des Volkstheaters und in zwei Konferenzsälen des angrenzenden Haus des Fußballs.

Netz-Politik und -Praxis

Durch ein breites thematisches Feld der Speaker wurden möglichst viele Perspektiven auf das Digitale versammelt. Netzkritiker Evgeny Morozo erläuterte seinen höchst politischen Begriff der „technological sovereignty“ und fordert mehr Misstrauen gegenüber der Verarbeitung unserer Daten durch Unternehmen. Seine politische Forderung: Mehr staatliche Regulierung für Big-Data-Unternehmen.

Spannende Impulse für Social-Media-Praktiker gab der Vortrag von Anna-Mareike Krause, ihres Zeichens Social-Media-Koordinatorin der Tagesschau. Gemeinsam mit ihrem Team sichtet Krause täglich rund 12.000 Kommentare und versucht, den von einigen Usern verbreiteten Hass  im Zaum zu halten. Ihr Team hat sich dazu selbst eine klare Linie gegeben:

„Bei uns schlägt Menschenwürde die Meinungsfreiheit.“

Sprich: Hate speech wird gelöscht, Wiederholungstäter werden gesperrt und dies wird offen kommuniziert. Ansonsten, so Krause, würden die wenigen Hater und Trolle jede Diskussion unmöglich machen:

„Wenn wir nicht eingreifen, profitiert eine laute Minderheit.“

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Krause wünscht sich aktive Nutzer, die hasserfüllten Kommentaren  widersprechen. Facebook selbst hält sie im Gegensatz zu vielen Politikern übrigens nicht für die Inhalte verantwortlich. Sie wünscht sich vom sozialen Netzwerk jedoch technische Features, die ihre Arbeit erleichtern würden: Zum einen wäre es hilfreich, verhindern zu können, dass Überschriften und Teaser geteilter Inhalte bösartig manipuliert werden. Und außerdem die Möglichkeit, Diskussionen unter Posts nach einer Weile schließen zu können.

Eine Erfahrung des Social-Media-Profis, die viele Nutzer teilen können: Die netteste Community findet sich auf Instagram.

Lernen wie der Terminator

Ein Roboter leitete den Vortag von TUM-Professorin Dongheui Lee ein und dann zur Speakerin über. Lee beschäftigt die Frage, wie Roboter von Menschen lernen können. Sie bringt ihren Robotern neue Fähigkeiten so bei, wie auch Menschen lernen: durch Imitation des Gesehenen und Korrektur durch den Lehrer.  Das Ziel ihrer Arbeit sind Roboter, die mit Menschen leben und mit denen wir intuitiv interagieren. Ihr Best-Practice-Beispiel: Im Film Terminator 2 lehrt der jugendliche Protagonist John Connor dem Kampfrobotor ein High-Five — ohne das Geringste von Robotern zu verstehen.

Die Datenjournalisten Vanessa Wormer und Frederik Obermaier berichteten von ihrer Analyse der Panama Papers für die  Süddeutsche Zeitung. BR-Journalist und Herausgeber des Gaming-trifft-Feuilleton-Bookazines WASD Christian Schiffer diskutierte  mit seinem Kollegen Christian Alt und den VR-Expertinnen Sara Lisa Vogl und Katharina Tillmanns über das Hype-Thema Virtual Reality. In einer Ecke des Volkstheater-Foyers konnten Besucher derweil die virtuelle Erfahrung ausprobieren.

Die Reflexion geht weiter

Die Botschaft des Kongresses: Kaum ein gesellschaftlicher Bereich bleibt von der Digitalisierung unberührt. Jenseits der großen Bühnen griff der Kongress im angrenzenden Haus des Fußballs viele weitere Verschiebungen auf: Journalistin Laura Gehlhaar erzählt, wie das Internet ihre Behinderung sichtbar machte. Eine anderen Session behandelte unter dem hervorragenden Titel „Opa hat Krebs — WTF?“ den Schrecken von Familienchats. Workshops befassten sich mit Bitcoin und Biohacking.

Der Netzkongress hatte schon vorab angekündigt, die erwähnten neuen Gräben nicht zuschütten zu können. So bleibt uns also nur, weiter zu diskutieren und zu reflektieren. Es gibt Schlimmeres.

Ein Artikel von

Munich Startup

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