Porträt Polarstern – „Eine Energiewende kann nur eine weltweite sein“
Die Gründer Simon, Jakob und Florian (v.l.) (© Polarstern)

Porträt Polarstern – „Eine Energiewende kann nur eine weltweite sein“

Was tut man, wenn man die Zukunft aktiv mitgestalten will? Wenn man viele Chancen erkennt und Impulse setzen möchte, die bestehenden Verhältnisse dafür aber nicht geeignet sind?  Genau, man stellt selbst etwas auf die Beine. Das haben sich auch die Gründer vom Ökoenergieversorger Polarstern gedacht. Und einfach mal gemacht.

Jakob Assmann, Simon Stadler und Florian Henle hatten eine Vision: Sie wollten die Energiezukunft mitgestalten. Selbst als Energieversorger auf den Markt zu gehen, war zunächst überhaupt nicht der Plan:

„Wir haben uns zunächst auf den Ökogasmarkt fokussiert und ein Produkt entwickelt, das auf 100 Prozent organischen Reststoffen basiert und dennoch wettbewerbsfähig ist. Damals wie heute gab es weniger als eine Handvoll Ökogasangebote aus 100 Prozent erneuerbaren Energien. Die Mehrheit sind Mischprodukte, die aus vor allem fossilem Erdgas und einem kleinen Anteil erneuerbaren Rohstoffen bestehen, sowie Klima- oder Kompensationsprodukte.“

Selbst gründen als logischer Schritt

Ihre echte und  preislich wettbewerbsfähige Alternative zu den  vorhandenen grünen „Scheinprodukten“ auf dem Markt boten die drei Münchner  bestehenden Energieversorgern an. Doch keiner hatte  Interesse, das neue Produkt in sein Portfolio aufzunehmen. Es blieb also nur ein logischer Schritt: selbst gründen.

„Wir haben Polarstern mit dem Ziel gegründet, nur glaubwürdig grüne Energieprodukte anzubieten, die alle auf 100 Prozent erneuerbaren Energien basieren. Auch stand für uns fest, dass wir ein verantwortungsvolles Handeln als Maxime für unser gesamtes Unternehmen verstehen.“

Mit Polarstern wollen Simon, Jakob und Florian also nicht nur einen Beitrag zur weltweiten Energiewende leisten, sondern auch zum  Gemeinwohl beitragen,  Stichwort: Social Business.   Das bedeutet, dass aus Unternehmenssicht nicht nur finanzielles Wachstum im Fokus steht,  sondern auch soziale und nachhaltige Aspekte berücksichtigt werden müssen. Oder wie Florian es ausdrückt:

 „Wir nehmen der Gesellschaft nichts weg, sondern versuchen, ihr etwas zu geben. Das verantwortungsvolle, gemeinwohlorientierte Handeln ist ein Grundsatz, der unser gesamtes Unternehmen, unsere Produkte genauso wie unsere Beziehungen zu Mitarbeitern, Partnern und Kunden prägt.

Dass  es sich dabei nicht nur um leere Worte handelt, lässt sich in der Gemeinwohlbilanz des Unternehmens nachvollziehen. Und zeigt sich ganz praktisch im Büro-Alltag. So wird der Büro-Kaffee für die mittlerweile 20 Mitarbeiter  aus Fair Trade Handel bezogen, der wöchentliche Einkauf im Bio-Supermarkt erledigt, gebrauchte Computer gekauft und viel Wert auf ein fast papierfreies Büro gelegt. Außerdem soll sich die Arbeitszeit als sinnvolle Lebenszeit anfühlen, die mehr als reiner Gelderwerb ist. Homeoffice ist nichts exotisches, sondern Teil der Büro-Kultur.

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Wasserkraftwerk Feldkirchen (© Polarstern)

Umwelt- und Tierschutz auch bei der Stromerzeugung

Genauso nachverfolgen lässt sich  aber auch die Herkunft des Polarstern-Ökogas aus organischen Reststoffen und des Polarstern-Stroms aus Wasserkraft: Denn der stammt aus dem Innkraftwerk bei Feldkirchen. Es ist das einzige Kraftwerk in Deutschland, dessen Strom von EKOenergy, dem ersten internationalen Ökostrom-Label, zertifiziert ist. Das Label legt großen Wert auf nachhaltige Kraftwerke. Wasserkraft darf hier beispielsweise nur aus Kraftwerken kommen, die nach der Konsultierung lokaler Umweltorganisationen vom EKOenergie-Board akzeptiert wurden.

Florian erklärt, warum sie sich genau für dieses Kraftwerk entschieden haben:

Das Innkraftwerk hat uns mit seinen Maßnahmen zum Umwelt- und Tierschutz überzeugt. Mit Fischtreppen und speziellen Maßnahmen zu Fischwanderzeiten werden die Tiere im und am Wasser geschützt. Das ist gerade bei Fließwasserkraftwerken, wie sie etwa in Deutschland und Österreich verbreitet sind, sehr wichtig, um die natürlichen Wanderwege der Fische nicht zu behindern. Hierbei helfen auch Umgehungsgerinne. Daneben wurden Hochwasser-Rückzugsgebiete geschaffen. Regelmäßig besuchen wir – auch gemeinsam mit Kunden – das Kraftwerk und informieren uns über die aktuellen Entwicklungen und Pläne.

Und schaffen so ein Strombewusstsein beim Verbraucher. Denn der ist sich laut Polarstern oftmals gar nicht im Klaren darüber, a) welche immense Bedeutung Strom in unserem täglichen Leben hat und b) wie wir verantwortungsvoll damit umgehen können.   Strom aus der Steckdose wird als selbstverständlich hingenommen – so wie Leitungswasser aus dem Hahn. Dass er das aber nicht ist, zeigt ein Blick über den eigenen Tellerrand.

Eine Wende kann nur eine weltweite sein

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Kochstelle in Kambodscha (© Polarstern)

Vor diesem Hintergrund engagiert sich Polarstern auch in Kambodscha. Denn hier haben weniger als 10 Prozent der Menschen auf dem Land Zugang zur öffentlichen Stromversorgung: Sie nutzen Holz aus den Wäldern zum Kochen und Kerosinlampen. Das schadet der Umwelt und dem Klima. Denn durch die offenen Feuerstellen im Raum kommt es zu Augen- und Atemwegserkrankungen. Die Internationale Energieagentur spricht von weltweit 3,5 Millionen vorzeitiger Todesfälle pro Jahr durch diesen gesundheitsschädlichen Rauch. Um etwas an dieser Situation zu ändern, hat sich Polarstern ein Tandem-Prinzip überlegt:

Indem wir für jeden Kunden in Deutschland eine Familie in Kambodscha beim Bau einer eigenen Mikro-Biogasanlage unterstützen, verändern diese ihr Leben: Sie erzeugen nicht nur sauberes Biogas mit dem sie kochen und das ihnen Licht gibt. Sie sparen sich Geld für Feuerholz und Kerosin und auch künstlichen Dünger für die Felder. Denn bei der Biogaserzeugung fällt natürlicher Dünger an. Mit diesem steigern sie ihre Erträge auf den Feldern und damit letztlich ihr Einkommen. Ihre ganze Lebensqualität verbessert sich spürbar durch die saubere Energiegewinnung.

Sprich: Wer in Deutschland auf nachhaltigen Strom von Polarstern umsteigt, fördert dadurch auch gleichzeitig sauberen Strom in einem anderen Teil der Erde. Denn: Eine Wende kann nur eine weltweite sein.

Klingt alles einleuchtend. Nichtsdestotrotz galt es auch für Polarstern einige Herausforderungen zu meistern. Denn als junger  Energieversorger mit einem sozialen Unternehmensansatz sind sie nach wie vor ein Exot in der Branche,  die hart umkämpft ist und eine starke Lobby hat:

„Als Querdenker und -macher passen wir einfach nicht in die klassischen Schubladen und stoßen dadurch immer wieder auf Widerstand. Ich erinnere nur an die Anfänge unseres Unternehmens. Da muss man sich einfach durchkämpfen, an sich und an seine Ziele glauben. Aber wir brennen für Polarstern und auch unsere Mitarbeiter und Partner sind Feuer und Flamme. Das schweißt zusammen und die Widerstände erscheinen auf einmal nur noch halb so groß .“

meint Florian.

„Wir schreiben schwarze Zahlen“

Spiegelt sich diese Euphorie auch in den Geschäftszahlen wider? Die Gründer zeigen sich mit der Entwicklung ihres Startups zufrieden. Laut eigener Auskunft wächst der Kundenstamm kontinuierlich. Auch neue Geschäftsfelder werden bespielt, wie beispielsweise die dezentrale Energieerzeugung, um die Energiewende weiter voranzubringen.

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Zufrieden mit der Entwicklung von Polarstern: Gründer Simon und Florian (© Polarstern)

Konkrete Zahlen werden dagegen nicht kommuniziert.  Aus Überzeugung – wie uns Polarstern wissen lässt:

In unseren Augen geht es darum, was ein Unternehmen für jeden Kunden bewirkt und wie verantwortungsvoll es handelt. Kundenzahlen zu kommunizieren weckt hingegen den falschen Eindruck, Größe hätte etwas mit Qualität zu tun. Ich nutze aber doch auch nicht die Anzahl verkaufter Handtaschen oder Fahrradhelme, um ihre Qualität zu bewerten. Aber um Eure Neugierde etwas zu stillen: Wir schreiben schwarze Zahlen und haben schon mehr als 20.000 Menschen in Kambodscha zu einem besseren Leben verholfen.

Und Polarstern ist sich sicher: Ein Gemeinwohlorientierter Ansatz  wird zukünftig noch mehr von den Verbrauchern wahrgenommen werden — und die Kaufentscheidung entscheidend beeinflussen.

Ein Artikel von

Munich Startup

Munich Startup ist das offizielle Startup Portal für München
und die Region, das von der Stadt München, der IHK für München und Oberbayern und dem Zusammenschluss 4Entrepreneurship entwickelt wurde. Träger ist die Münchner Gewerbehof- und Technologiezentrum GmbH (MGH). Unterstützt wird die Initiative u.a. vom Freistaat Bayern.