„Das Startup-Geschäft brummt“ – Dr. Carsten Rudolph im Interview
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„Das Startup-Geschäft brummt“ – Dr. Carsten Rudolph im Interview

Für welche Branchen interessieren sich Business Angels gerade am meisten, welche Entwicklungen haben 2016 geprägt und wie ist die Stimmung in der Startup-Szene? Wenn einer dieses Fragen beantworten kann, dann Dr. Carsten Rudolph, Geschäftsführer von BayStartUP.

Welche Entwicklungen haben das Jahr 2016 geprägt?

Carsten Rudolph: Auffällig war 2016 die deutliche Zunahme von Investments durch Business Angels. Das Interesse, sich als Business Angel zu engagieren, ist außerdem generell gestiegen, und das auch mit höheren Summen. Die Annahme, dass Business Angels sich nur mit niedrigen Summen beteiligen, wird in der Realität widerlegt.

Worüber reden die Business Angels momentan am meisten?

Der Bund verdoppelt die Förderung für Startups ab dem 1. Januar 2017 mit dem Programm Invest 2.0. Die Entscheidung hat viele sehr positiv überrascht, zeigt aber auch die Bedeutung, die das Thema Gründung und Innovation inzwischen in Deutschland hat. Da ist enorm viel passiert. Damit stehen wir in Europa jetzt ziemlich an der Spitze.

Wie verändern sich die Kriterien, wie Business Angels und andere Investoren ihre Entscheidungen treffen?

Was sich feststellen lässt: Es gibt eine Rückbesinnung auf die klassischen Startup-Tugenden: Zahlen, Umsatzentwicklung und Geschäftsmodell. Also Themen, die auch wir bei unseren Gründern immer hartnäckig einfordern.

„Die Investoren wollen irgendwann Rendite sehen“

Wie kommt es zu dieser Rückbesinnung?

Ganz einfach, die Investoren wollen irgendwann Rendite sehen. Noch vor ein paar Jahren war es in Mode, in Startups zu investieren, die gesagt haben: Wir holen uns erst einmal die User, um das Geschäftsmodell kümmern wir uns dann später. Heute ist man da allgemein realistischer und schaut genauer hin. Ich glaube zum Beispiel, dass eine Finanzierung wie die von Snapchat heute nicht mehr so einfach möglich ist. Und auch Twitter hat ja zum Beispiel immer noch kein Geschäftsmodell.

Und für welche Branchen interessieren sich die Angels am meisten?

Business Angels geben sich in der Regel nicht mit pauschalen Analysen ab, nach dem Motto, nächstes Jahr geben wir alles in die Medizintechnik. Sie agieren eher nach dem Prinzip: Chancen gibt es überall, die Gründer müssen es nur richtig machen. Es zählt, wie jemand etwas macht und nicht allein das Was.

Buzzwörter wie das Internet of Things oder Industrie 4.0. sind also nicht alles?

Klar haben viele Innovationen mit digitalen Technologien zu tun. Die Digitalisierung bietet so viele Möglichkeiten, da wird jetzt jede Nische nach und nach besetzt. Im Detail ist es aber immer wieder überraschend, wo die neuen Ideen konkret entstehen. Zum Beispiel hatten wir gerade viele HR-Themen, darunter viel neue Software für Personaler oder Bewerbungsportale.

„Das Startup-Geschäft brummt“

Wie ist die Stimmung unter den Startup-Unternehmen allgemein?

Die Stimmung unter den Startups ist generell positiv. Das Startup-Geschäft brummt, die meisten verkaufen gut.

Lässt sich die gute Stimmung in Zahlen messen?

Allein das Finanzierungsnetzwerk von BayStartUP vermittelte 2016 die Rekordsumme von 68,2 Millionen Euro Seed- und Wachstumskapital an Startups. Seit der Gründung des Netzwerks im Jahr 2014 steigen die Investitionssummen stetig. Allein im vergangenen Jahr hat sich das Volumen beinahe verdoppelt. Das Finanzierungsnetzwerk von BayStartUP bündelt über 250 gelistete Business Angels und über 100 institutionelle Investoren und ist damit eines der größten in Europa.

Aber welche Startups wirklich erfolgreich sind, wird sich erst in Jahren zeigen…

Eine Entwicklung kann man nicht in dem Jahr messen, in dem ein Startup sich eine Finanzierung sichert. Da muss man schon längerfristig hinschauen. Wir sehen aber bei Startups, die vor zwei bis drei Jahren Geld bekommen haben, ob sie sich stark entwickeln, nämlich dann, wenn erste stabile Umsätze vorhanden sind. Das ist bei Unternehmen wie Magazino, Navvis oder Wirelight schon in erheblichem Maße der Fall. Allein Navvis beschäftigt inzwischen an die hundert Mitarbeiter.

„Niemand scheitert gern“

Hat sich etwas in der grundsätzlich deutschen Einstellung, dass man nicht ‚versagen‘ darf als Gründer, geändert?

Niemand scheitert gern, das ist klar. Aber die gesellschaftliche Ächtung für einen, der sein Unternehmen an die Wand gefahren hat, ist längst nicht mehr so groß wie noch vor ein paar Jahren. Was die legalen, juristischen Folgen einer Insolvenz angeht, sieht das noch ganz anders aus. Die sind schon gravierend. Wenn mal der Eintrag in der Schufa steht und man keine Kreditkarte mehr bekommt, ist es teilweise schwierig, als Unternehmer oder auch als Privatperson wieder Fuß zu fassen.

Was raten Sie eigentlich einem Gründer, der morgen mit seiner Idee zu Ihnen kommt und Hilfe braucht?

Zunächst das, was ich schon immer geraten habe: Plane dein Geschäft sorgfältig und überlege dir von Anfang an, womit du Geld verdienen willst.

Oft wird wahrscheinlich gleich auch über eine mögliche Finanzierung gesprochen…

Ja klar. Die Startups kommen zu uns und wollen zum Beispiel wissen, wie sie sich auf eine Finanzierung vorbereiten sollen. Sie wollen wissen, auf was Investoren Wert legen. Und sie interessieren sich dafür, was sie aus Fehlern anderer lernen können. Das finden sie nicht auf den Portalen im Internet. Keiner schreibt nämlich über die Fehler anderer oder über Learnings nach dem Motto – Die sind pleite gegangen, weil…

Wie stellen Sie sicher, dass Ihre Coaches dieses Know-how haben?

Natürlich müssen auch wir uns immer wieder selbst hinterfragen. Zum Beispiel: Nutzen wir noch die richtigen Analyse-Tools, ist unser Know-how noch auf dem neuesten Stand?