VerbaVoice: Kommt der Babelfisch?
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VerbaVoice: Kommt der Babelfisch?

VerbaVoice – so heißt das Technologie-Unternehmen, das in einem runden Bürogebäude im Münchner Osten sitzt. 2009 in München gegründet, entwickelte das Startup eine cloudbasierte Plattform zur Unterstützung von hörbehinderten Menschen.

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Im Interview erzählt Michaela Nachtrab über die Herausforderungen des Unternehmertums – und des gleichzeitigen Mutterseins.

Michaela Nachtrab entwickelte gemeinsam mit ihrem jetzigen Mann und CIO, Robin Ribback, eine innovative Lösung für Gehörlose oder Schwerhörige. Die Technologie unterstützt hörbehinderte Menschen dabei, Inhalte, die sie nicht hören, quasi in Echtzeit zu sehen.

Die Schrift- und Gebärdensprachdolmetscher können flexibel und ortsunabhängig via Internet zugeschaltet werden. Bei der Live-Untertitelung von Events, auf dem Tablet für den Studierenden in der Vorlesung, mit parallel eingeblendeten Gebärdensprachdolmetschern auf der Leinwand für den Kongress-Teilnehmer oder beim Arztbesuch auf dem Smartphone. Die etwas provokante Frage, ob das nicht Siri erledigen könne, verneint die dynamische Jungunternehmerin. Aus unterschiedlichen Gründen, wie sich im Gespräch zeigt.

„München ist ein sehr guter Ort zum Gründen“

Urkunden zieren die Wände. Die Hall of Fame bezeugt, dass VerbaVoice viel erreicht hat in den letzten Jahren. Mit was hat sich das Startup Auverbavoiceszeichnungen wie den KfW Award Gründerchampion Bayern, den Deutsche Innovationspreis und den Inklusionspreis Oberbayern verdient?

München ist ein sehr guter Ort zum Gründen, weil es viele Förder- und Unterstützungsmöglichkeiten gibt, sagt Nachtrab.

Ihr Weg beweist das: „Wir sind beispielsweise von der LMU und durch das Exist-Stipendium, aber auch von BayStartUp gut unterstützt worden. Und einen unserer Investoren, Bayern Kapital, habe ich über einen Workshop im Werk1 gefunden. Der Social Venture Fund ist unser Lead Investor, den haben wir über eine Veranstaltung einer bayerischen Stiftung kennengelernt. Ich kann Gründern nur empfehlen, zu solchen Veranstaltungen zu gehen und das Münchner Netzwerk zu nutzen.“

Die Idee zu VerbaVoice entstand durch ihre berufliche Tätigkeit als Gehörlosenpädagogin. Hier fiel ihr immer wieder auf, dass einige Bereiche zu bestimmten Zeiten unterbesetzt sind. Mit ihrer Lösung begegnet die Gründerin einem Engpass – es gibt weltweit zu wenige Schriftdolmetscher. 2008 schrieb Nachtrab im Rahmen ihres MBA Studiums den Businessplan zu VerbaVoice.

HeikeAlbrecht_3_verbavocie_kleinDie Machbarkeitsstudie erarbeitete sie gemeinsam mit dem phonetischen Instiut der LMU. 2009 kam bereits das Exist-Stipendium, gleich zur Gründung unterstützte das Geld die Prototyp-Entwicklung, die Ribback in Zusammenarbeit mit externen Entwicklern noch aus der Festanstellung in seiner Freizeit vorantrieb.

Gute Partnerschaften als Schlüssel

Erste Kontakte zu Investoren knüpfte die Gründerin bereits Anfang 2010, die erste Finanzierungsrunde war Ende 2010 vollbracht. Denn mit fertigem Prototypen und ersten Umsätzen hatten die Gründer den nötigen Proof of Concept. Mittlerweile sind mehrere Gesellschafter an Bord: Neben Bayern Kapital und dem Social Venture Fund sind ein französischer Investment Fonds sowie zwei Privatinvestoren eingestiegen.

Ihr Rat für die Finanzierung: „Plant von Anfang an mehr Puffer ein beim Kapitalbedarf! Das kann langsameres Wachstum oder eine verzögerte Technologieentwicklung ausgleichen.“

Neben dem guten Netzwerk aus der Gründerszene baute Nachtrab gezielt von Anfang an Partnerschaften mit bestehenden Unternehmen auf. Was uns am meisten weiterhalf – gute Partnerschaften mit etablierten Unternehmen. Seien es Netzwerk-, Entwicklungs- oder Vertriebs-Partnerschaften. Wir haben etliche Firmen und Organisationen mit denen wir zusammenarbeiten und profitieren von deren Know-how oder Geld. Telefónica o2 war als Telekommunikationspartner von Anfang an dabei und hat uns auch gesponsert.“

Der Babelfisch – mehr als Science-Fiction?

Aber auch Forschungspartnerschaften mit Universitäten, den Fraunhofer Instituten oder mit Sony bringen das junge Unternehmen weiter. So entwickelte VerbaVoice eine neue App für die Augmented Reality-Brille von Sony: Damit kann der Brillenträger den Sprecher ansehen und parallel das gesprochene Wort im Raum schwebend projiziert lesen. Dieses System kann auch vollautomatisiert in Echtzeit in eine Fremdsprache übersetzen und eignet sich so hervorragend für internationale Konferenzen.

Michaela Nachtrab ist sichtbar stolz: „So etwas gibt es nirgendwo auf der Welt. Klar, noch gibt’s Übersetzungsfehler. Über Online-Konferenzdolmetscher können wir das zusätzlich nach-übersetzen lassen und in Fremdsprachen transkribieren – das ist dann natürlich teurer. Hieran arbeiten wir noch.“

Schrift- oder Gebärdensprachdolmetscher übersetzen für Hörbehinderte über die Online-Plattform des Technologie-Unternehmens (Copyright VerbaVoice).

Schrift- oder Gebärdensprachdolmetscher übersetzen für Hörbehinderte über die Online-Plattform des Technologie-Unternehmens (Copyright VerbaVoice).

Französisch, Italienisch, Spanisch, Englisch, Chinesisch und Russisch gibt es bereits als technisches Lösung für Hörgeschädigte und Menschen mit fremdsprachlichem Hintergrund. Fiktion wird Wirklichkeit? Der Gedanke an eine Art Babelfisch aus Douglas Adams „Per Anhalter durch die Galaxis“ liegt nahe.

Ein randvoller Terminkalender und dann fehlt die Nanny: Was ist dran am Frauen-Bonus?

Die Frage nach dem Frauen-Bonus beantwortet die Unternehmerin ganz klar: „Ich möchte andere Frauen ermutigen, sich zu bewerben bei Wettbewerben und um Fördergelder, die es speziell für Frauen gibt!“

Jeder Bonus, den es gibt, sollte mitgenommen werden, „…denn als Frau gibt es auch natürliche Nachteile, beispielsweise durch eine Entbindung und die Zeit danach. Das ist schwer und eine Belastung, da man immer das Gefühl hat, dass man Kind oder Firma vernachlässigt. Meist denkt man, man vernachlässigt beides.“ Sie ging auf die 40 zu, als sie ihr Unternehmen gründete.

„Mir macht es Spaß, etwas aufzubauen“

Sie weiß, wovon sie spricht: Nachtrabs Kinder kamen 2011 und 2015 zur Welt, in der Anfangs- und in der Aufbauphase. Will man das, schafft man das? Sie meint: „Mir macht es so viel Spaß etwas aufzubauen, zu sehen, wie es wächst und sich entwickelt. Ich wüsste nicht, was ich stattdessen lieber machen würde.“ Gründerin sein und gleichzeitig Mutter – Michaela Nachtrab strahlt so viel Energie aus, sie scheint dafür wie gemacht.

Ihr Tipp: Jung gründen und dann ein Kind bekommen. Oder umgekehrt. Beides parallel ist sehr fordernd und schwierig unter einen Hut zu bekommen.“

Nur mit rechtzeitig geplanter, professioneller Hilfe wie einer Nanny und einem Au-Pair schafften Ribback und sie es, auch in den heißen Phasen, als sie zu 150% im Unternehmen eingebunden waren. Und mit viel Improvisationstalent und Jonglierfähigkeiten: „Dein Terminkalender ist brechend voll und dann fehlt auf einmal die Nanny. Ich habe meine Kinder einfach mitgebracht in Termine. Und wenn das Baby Hunger hatte, nahm es keine Rücksicht auf Investoren.“ Die haben es scheint’s gelassen genommen, schließlich sind mehrere Geldgeber an Bord.

Sozial sein und (trotzdem) Geld verdienen

VerbaVoice schafft es, sowohl ein soziales Unternehmen als auch ein erfolgreiches Tech-Startup zu sein. Die Firma hat 60 Mitarbeiter, einige davon hörbehindert – das ist gelebte Inklusion. Einige Beziehungen und daraus hervorgegangene Kinder hat das Unternehmen ebenfalls vorzuweisen.

Und von 10.000 Euro Umsatz im Gründungsjahr zu einem geplanten Umsatz von 3,5 bis 4 Mio. Euro im Jahr 2016, wie kommt man da hin? Die Partnerschaften, das gute Netzwerk, die Investoren – das ist ein Teil der Antwort. Die Kundenorientierung, der dortige Bedarf und wie er auf einzigartige Weise gedeckt wird, auch das gehört mit zur Erklärung.

Zwölf fest angestellte Dolmetscher und zusätzlich ein Pool von 1500 Schrift-, Gebärdensprach- und Fremdsprachendolmetschern von Peru bis Wien dolmetschen für die aktuell vorrangig deutschsprachige Kundschaft. Im Bildungsbereich gibt es dabei einen gesetzlichen Anspruch und entsprechende Mitfinanzierung durch staatliche Kostenträger, beispielsweise für hörbehinderte Azubis, Schüler oder Studenten. Für das junge Unternehmen macht das immerhin 55% seiner Aufträge aus.

Konferenzen wie die re:publica bespielt VerbaVoice mit der innovativen Technologie (Copyright VerbaVoice).

Konferenzen wie die re:publica bespielt VerbaVoice mit der innovativen Technologie (Copyright VerbaVoice).

Hinzu kommen Veranstaltungen, wie das Dolmetschen des Online-Livestreams für deutschen Bundestag oder Konferenzen, bei denen sich private wie öffentliche Veranstalter Unterstützung bei der Live-Visualisierung vor allem in Schriftsprache holen.

Und was bringt die Zukunft?

Künftig soll VerbaVoice noch internationaler werden. Zum einen steht für die nächsten ein, zwei Jahre die Expansion in weitere Märkte außerhalb der DACH Region an. Zum anderen liegt der Fokus auf neuen technischen Lösungen für Mehrsprachigkeit. Zusätzlich soll mehr in Richtung Automatisierung erweitert werden.

„Die große Vision ist, den permanenten Online-Dolmetscher für alle Sprachen und Inklusion in der Hosentasche zu haben,“ so Nachtrab. Dabei ergänzt sich das Geschäftsführerteam gut: „Ich komme aus der Social Business Ecke, ich überlege, wie kann ich die Welt verbessern, was kann ich damit alles machen. Mein Mann wiederum ist Visionär. Er möchte, dass die Visionen technisch möglich werden. Wenn er morgen den Babelfisch fertig bauen könnte, dann würde er übermorgen das nächste Projekt starten.“

Wir sind gespannt, welche Science-Fiction Ideen dann Wirklichkeit werden.