Celonis: Digitale Goldschürfer
© Celonis

Celonis: Digitale Goldschürfer

Wir alle kennen die Formel von „Daten als Rohstoffen“. Viele Unternehmen erkennen jedoch noch nicht den Wert und das Potenzial ihrer Daten. Das Münchner Startup Celonis hebt den digitalen Schatz und bringt damit Transparenz in Unternehmen.

Fehlende Transparenz ist für Unternehmen ein echtes Problem: Abläufe spielen sich ein, wir erledigen Dinge, wie wir es gewohnt sind und ohne darüber nachzudenken. Praxis macht betriebsblind. Unter digitalisierten Vorzeichen wird das Problem nicht geringer, wie Celonis-Mitgründer Bastian Nominacher im Interview mit Munich Startup erzählt:

„Die Digitalisierung erzeugt unglaubliche Produktivität. Gleichzeitig sehen sich Unternehmen heute aber auch mit einer gestiegenen Komplexität konfrontiert, da ist es enorm hilfreich genau zu sehen, was im Unternehmen wie abläuft.“

Bastian Nominacher im Münchner Celonis-Büro. (Foto: Munich Startup)

Sein Startup ist angetreten, das Problem mangelnder Transparenz in Geschäftsprozessen von Unternehmen zu lösen. Celonis hat basierend auf einer „Process Mining“ genannten Technologie eine Anwendung entwickelt, die Licht in alltägliche Abläufe bringen soll. Die Arbeit der Celonis-Software kann man sich wie die eines Unternehmensberaters vorstellen, der die Prozesse in einer Organisation analysiert. Das Ziel ist es, ineffiziente Prozesse zu identifizieren und damit die Abläufe im Unternehmen zu optimieren. Der Unterschied liegt jedoch darin, dass es nicht Menschen sind, die die Prozesse analysieren und visualisieren, sondern eine Software, die die Daten kontinuierlich und in Echtzeit auswertet.

Das Startup hat mit seiner Technologie einen Nerv getroffen. Die Referenzen des jungen Unternehmens sprechen für sich: Neben Mittelständlern wie dem Familienunternehmen Schukat arbeiten unter anderem die Konzerne Airbus, Bayer, Siemens, Nestlé und Vodafone sowie die Beratungen Deloitte und KPMG mit Celonis. 30% aller DAX-Unternehmen nutzen nach Angaben von Celonis deren Software. SAP vertreibt diese sogar in seinem eigenen Produktportfolio als „SAP Process Mining by Celonis“.

„Die Spuren sind überall.“

Die Ursprünge von Celonis liegen in der studentischen Unternehmensberatung Academy Consult München e.V.  Dort arbeiteten die Gründer Bastian Nominacher, Martin Klenk und Alexander Rinke zusammen. Alle drei studierten damals an der TU München. Martin Klenk ist Informatiker, Alexander Rinke Mathematiker, Bastian Nominacher hat einen Bachelor in Wirtschaftsinformatik und einen Master in Finance and Information Management (FIM). Sprich: Alle drei sind vom Fach und kennen die Technologie. Für Nominacher einer der Erfolgsfaktoren:

„Was unser Know-how angeht, könnten wir Celonis heute noch zu dritt betreiben, nur unsere Ressourcen reichen schon lange nicht mehr aus. Anfangs habe ich auch mit programmiert. Es ist heute sehr wichtig, als Führungskraft technologische Trends zu verstehen.“

Die Software im Einsatz. © Celonis

Hinter Celonis steckt die Technologie Process Mining. Während ihres Studiums stießen die drei Gründer auf das Thema. Diese Form der Datenauswertung war hierzulande damals noch recht unbekannt. Das Besondere, so Nominacher, ist, dass es sich dabei um eine Grundlagentechnologie handelt, die überall dort eingesetzt werden kann, wo digitale Daten vorliegen:

„Fast jede Transaktion hinterlässt heute digitale Spuren in den IT-Systemen der Unternehmen – und die machen wir uns zunutze. Wo sich Spuren finden lassen, können wir sie auswerten. Und die Spuren sind absolut überall.“

Dementsprechend vielfältig sind die Einsatzmöglichkeiten der Celonis-Software:

„Siemens nutzt Celonis, um seine Supply Chain besser zu organisieren, RWE optimiert seine Durchlaufzeiten, KPMG macht damit Compliance-Prüfungen. Wir selbst werten beispielsweise unseren eigenen Bewerbungsprozess mit Celonis aus.“

Sein Ziel ist es, mehr Kunden – auch außerhalb Deutschlands – auf das eigene Produkt aufmerksam zu machen. „Den Markt evangelisieren“ nennt er das.

Büros in München, den Niederlanden und New York

Der Ursprung von Process Mining liegt in den Niederlanden, der Ansatz aus der Informatik wurde an der TU Eindhoven erforscht. Die Nachfrage dort ist groß und Celonis unterhält eine eigene Niederlassung. Auch in New York betreibt das Unternehmen ein Büro. Alexander Rinke lenkt von dort aus die Aktivitäten in Nordamerika. Celonis ist längst ein international agierendes Unternehmen mit Hauptsitz in München.

Die Celonis-Gründer Martin Klenk, Bastian Nominacher und Alexander Rinke. (v.l., Foto: Celonis)

Die Mittel für die internationale Expansion holte sich Celonis Mitte vergangenen Jahres von den Investment-Firmen Accel Partners und 83North. Mit 27,5 Millionen US-Dollar stiegen die Facebook-Investoren bei den Münchnern ein. Die fünf Jahre zuvor bestritt das Unternehmen aus eigenen Mitteln und hätte auch weiter so arbeiten können, sagt Nominacher:

„Rein finanziell wäre das Investment nicht notwendig gewesen, wir sind profitabel und wachsen sehr stark. Als Startup muss man unterscheiden: Beschafft man Kapital aufgrund der benötigten Liquidität oder aus strategischen Gründen. Bei uns war nicht Liquidität das Thema, sondern der Wunsch die richtigen strategischen Partner an Bord zu holen.“

Eine weitere Kapitalaufnahme plant das Unternehmen aktuell nicht. Viel wichtiger als finanzielle Investitionen ist für das Unternehmen die Partnerschaft mit SAP. Der Software-Gigant stellt dem Jungunternehmen seine volle Vertriebskraft zur Verfügung:

„Die Zusammenarbeit mit SAP ist äußerst strategisch für uns. So können wir weltweit auf tausende zusätzliche Vertriebsmitarbeiter zugreifen – ein entscheidender Vorteil in unserem Markt.“

 „Es gibt nichts, was uns aus München wegbewegen würde“

Der anhaltende Erfolg macht sich auch räumlich bemerkbar: Der Platz im Münchner Hauptquartier wird knapp. Alleine im letzten halben Jahr stellte Celonis mehr als 50 neue Mitarbeiter ein. In Kürze steht der Umzug in ein neues Büro in München an. Ein Wegzug aus der bayerischen Landeshauptstadt kommt für Nominacher nicht in Frage:

„München ist für uns der perfekte Standort. Viele große Unternehmen sitzen hier und mit über 100.000 Studenten der TU, LMU und FH verfügen wir über eine unglaublich gute Talent-Basis. Es gibt also nichts, was uns wegbewegen würde: Wir kriegen gute Leute, haben ein super Netzwerk und viele Kunden.“

Auf die Frage, ob die Konkurrenz bei der Personalakquise durch die in München ansässigen Konzerne nicht sehr groß sei, gibt sich Nominacher selbstbewusst:

„Bei uns weht ein anderer Wind als bei den großen Konzernen. Jemand, der zu einem Konzern gehen will, hat eine andere Persönlichkeit und eine andere Zielsetzung als unsere Mitarbeiter. Wir bieten sehr attraktive Jobs, wenig Hierarchien und extrem schnelle Aufstiegschancen. Und damit sind wir erfolgreich, im Quartal erreichen uns rund 1.000 Bewerbungen.“

Ratschläge vom Algorithmus

Große Hoffnung setzt das Unternehmen in „Celonis Pi“ („Proactive Insights“), eine Weiterentwicklung der Process Mining-Technologie, die das Unternehmen Ende letzten Jahres launchte. Bisher erfasst und erkennt die Software laufende Prozesse. Mit Celonis Pi integriert das Unternehmen Machine-Learning-Komponenten:

„Pi ist eine Engine, an der wir anderthalb Jahre gearbeitet haben. Pi verbindet Process Mining mit Machine Learning und Artificial Intelligence und schlägt automatisch bestimmte Muster vor. Bisher analysieren Anwender mit Celonis ihre Prozesse. Pi geht einen Schritt weiter und macht selbständig auf Probleme und Engpässe aufmerksam. Pi arbeitet damit nicht nur explorativ, sondern gibt vollständig automatisiert smarte Empfehlungen.“

Ein weiterer Schritt auf der Mission, Daten zu ihrem Recht zu verhelfen. Oder wie eingangs gesagt: Daten sind Rohstoffe. Celonis sind damit so etwas wie die Goldschürfer der digitalen Welt.