Wirecard – Fintech der ersten Stunde

Wirecard – Fintech der ersten Stunde

Wirecard ist heute nicht mehr nur der Fintech-Szene ein Begriff. Wir wollten wissen, wie aus einem Startup mit Anlaufschwierigkeiten aus dem Jahr 1999 im Zeitverlauf eine Erfolgsgeschichte wurde — und wie das Münchner Unternehmen heute selbst Fintech-Startups unterstützt.

Wie hat Wirecard es geschafft, zu einem weltweit agierenden Konzern mit Milliarden-Umsatz zu werden? Reicht es allein, an eine gute Geschäftsidee zu glauben? Durchzuhalten, auch wenn es mal nicht rund läuft?

Zu Beginn des Münchner Unternehmens, das heute zu einem der erfolgreichsten Fintechs am Markt gehört, gab es nur eine Handvoll Leute, die an die Idee eines solchen Startups glaubte. Begnügen wir uns damit: Wirecard wurde 1999 gegründet, als das Internet wirklich noch für viele Neuland war und sich insbesondere Online-Dienstleistungen erst langsam zu entwickeln begannen.

Die Durststrecke. Oder: Dem Markt mit der Idee voraus

Damals kam die Idee auf, man sollte vielleicht auch im Internet eine Möglichkeit haben, um dort bezahlen zu können. Idealerweise einfach und sicher. Das war 1999 weit gedacht. Denn ein wirklicher Bedarf war noch nicht gegeben, Anwendungsfälle waren rar gesät. Die Technik war entwickelt, doch der Markt reagierte langsam und brauchte die Lösung wesentlich später als vermutet.

Und das kennen Startups nur zu gut. Schließlich passiert es oft genug, dass der Gründer eine glänzende Idee hat und fest von ihr überzeugt ist. Aber dann dauert es einen Tick länger, bis diese Idee wirklich auch angenommen wird. Genau das war Wirecard passiert. Drei zähe Jahre lang passierte nicht wirklich viel.

Stolpersteine auf dem Weg

„Der größte Stolperstein kann sein, dass man eine Lösung hat, für die der Markt noch nicht reif ist, wo noch keine Nachfrage besteht. Wer da nicht Investoren hat, die weiterhin an die Firma glauben, hat es schwierig“,

Wirecard Holten

Unser Interviewpartner Thorsten Holten verantwortet den Bereich Treasury bei Wirecard.

sagt unser Gesprächspartner Thorsten Holten, verantwortlich für den Bereich Treasury bei Wirecard und heute Executive Vice President Sales Financial Institution and FinTech Europe.

Zum Glück hatte Wirecard damals neben einem fundierten Businessplan auch eine fundierte Finanzierung – Dank überzeugter Investoren, die weiter an Firma und Mitarbeiter sowie die Geschäftsidee und den sich noch entwickelnden Bedarf glaubten.

Wenn der Knoten platzt

Zurecht, wie sich zeigen sollte. Denn auf einmal ging es Schlag auf Schlag. Ungefähr 2002 stieg der Bedarf im Internet für die Online-Bezahlmethoden rasant. Die Firma begann, Profit abzuwerfen. Zu dem Zeitpunkt kam der weiterhin amtierende CEO Markus Braun ins Unternehmen. Insgesamt gab es damals rund 100 Mitarbeiter in dem heute über 4.000 Mitarbeiter zählenden Unternehmen. 2016 lag der Umsatz von Wirecard bei 1.028,4 Mio. Euro, was ein Wachstum von 33% verglichen mit dem Vorjahr bedeutet.

Was war kurz nach der Jahrtausendwende passiert? Reiseveranstalter wie Fluglinien begannen ihre Tickets direkt anzubieten, die der Kunde auch online bezahlen musste. Diese namhaften Firmen schufen Vertrauen beim Verbraucher, der bis dato nur Bezahlen per Vorkasse, auf Nachnahme oder Rechnung kannte.

Thorsten Holten dazu:

„Danach ging es relativ rasant, weil immer mehr Warenanbieter Lösungen nachfragten. Der Knoten war geplatzt. Wir waren mit die ersten am Markt und so kamen immer mehr Anbieter, die unsere Lösung wollten. Dadurch sind wir sehr schnell gewachsen.“

Schnelles Wachstum kann einem Startup jedoch auch das Genick brechen. Welche Faktoren waren für Wirecard auf dem weiteren Weg zum Erfolg wichtig?

Erfolgsfaktor 1: Unabhängigkeit

Anfangs kooperierte Wirecard über Lizenzmodelle mit bestehenden Banken, die sich selbst nicht in dieses Feld wagten. Laut Holten „stellte man sich dann wirtschaftlich die Frage nach der Wertschöpfungskette“. Und so kaufte das Münchner Unternehmen 2006 eine eigene Bank hinzu. Insbesondere durch diesen Schritt erlangte das Unternehmen eine große Unabhängigkeit und konnte sich vom Startup zum Komplettanbieter für Zahlungsabwicklung inklusive eigenem Risikomanagement mausern. Außerdem ist Wirecard damit das einzige IT-Technologie-Unternehmen mit einer eigenen Bank im Konzern.

Wirecard Headquarter

Der Hauptsitz des Konzerns in Aschheim bei München. (© Wirecard)

Und sicher war auch der reversed IPO 2005 und die Aufnahme in den TecDAX ein wichtiger Schritt für das Unternehmen. Mittlerweile liegt der Anteil der Aktien in Streubesitz bei über 93%. Zwar wurde Wirecard bereits mehrfach durch massive Kursmanipulationen gebeutelt, jedoch erholte sich das Münchner Unternehmen immer wieder.

Erfolgsfaktor 2: Internationalisierung vom Münchner Hub aus

Natürlich spielte für den Erfolg auch der Standort von Wirecard eine ausschlaggebende Rolle.

„Wir haben eine starke europäische Präsenz. Als deutsches Unternehmen, gegründet in München, machten wir uns von hier aus auf den Weg zur Internationalisierung“,

sagt Thorsten Holten. Insbesondere durch Akquisitionen hat das Münchner Unternehmen begonnen, seinen „global Footprint“ zu hinterlassen.

Diese globale Ausrichtung führte mit über zehn Akquisitionen zu einer Etablierung weltweit. Kürzlich verstärkte das Münchner Unternehmen durch die Übernahme des Citigroup Acquiring-Kundenportfolios seine Präsenz in mehreren Ländern im asiatisch-pazifischen Raum. Weitere Akquisition — u.a. in den USA, Indien und Brasilien — ermöglichten den dortigen Markteintritt. Nach und nach wurde so aus dem lokal agierenden Münchner Unternehmen ein Global Player.

Die Büroräume der Wirecard-Tochter moip in Brasilien. (© Wirecard)

Erfolgsfaktor 3: Auf den richtigen Markt setzen – und in die Zukunft denken

Außerdem hatte Wirecard auf einen stark wachsenden Markt gesetzt. Die Wette geht weiterhin auf, denn der Bereich E-Commerce wächst immer noch durchschnittlich um 12 % im Jahr. Aber sich auf das Marktwachstum zu verlassen wäre zu einseitig.

„Wir sind heute nur da, wo wir sind, weil wir größer gedacht haben. Wenn ich mir nur irgendwelche „me too“-Produkte ausdenke oder irgendeine Idee kopiere, wird es langfristig schwierig.“

Aus diesem Grund überlegt laut Holten bei Wirecard jeder Mitarbeiter, was der Markt von morgen braucht. Allen voran der CEO, der große Visionen hat und diese lebt. Hinzu kommen ein großer Gestaltungsfreiraum, kurze Entscheidungswege und der Mut – und damit die Möglichkeit – Ideen auszuprobieren, die nicht sofort profitabel sind.

Erfolgsfaktor 4: Die richtigen Mitarbeiter – Macher, die Visionen umsetzen

Wirecard Tochter moip

Bei der brasilianischen Tochtergesellschaft von Wirecard mit Sitz in Sao Paulo verspürt man  Startup-Flair. (© Wirecard)

Aber wie schafft es das Münchner Startup, dass 4.000 Mitarbeiter die gleiche Vision haben?  Indem jeder Mitarbeiter den Innovations-Grundgedanken an neue Kollegen weitergibt.

Anders ausgedrückt, und es klingt ein wenig nach Klischee, was Holten sagt:

„Wir brauchen Leute, die Lust haben, etwas zu verändern. Wir brauchen Macher, die Visionen haben und diese dann umsetzen. Und dabei muss es sich anfühlen wie eine große Familie.“

Zwar konnten wir den für Startups fast obligatorischen Kicker nicht sichten, aber Kaffee-Ecken und gemütliche Lounge-Bereiche zum offenen Austausch innerhalb der Firma gibt es einige. Und das führt direkt zum nächsten Erfolgsfaktor.

Erfolgsfaktor 5: Flache Hierarchien. (Gute) Entscheidungen treffen.

Der Startup-Geist lebt weiter im Münchner Unternehmen. Das heißt, es gibt flache Hierarchien, in Meetings darf jeder Mitarbeiter Ideen einbringen, Etabliertes wird oft hinterfragt.

Gerade weil es einen offenen Austausch gibt und viele Ideen entstehen kann nicht mehr jede Entscheidung durch den CEO getroffen werden. Bei Wirecard wurde rechtzeitig, bevor das Unternehmen drastischen Mitarbeiterzuwachs erhielt, eine weitere Führungseben etabliert.

„Die Führungsebene unter dem Vorstand ist bei uns fest eingebunden, wir sind langjährig im Unternehmen, wir sind mit der Firma gewachsen“,

ergänzt Holten.

Entwicklungsmöglichkeiten, die die Mitarbeiter langjährig binden, bei gleichbleibend flachen Hierarchien – das ist offenbar ein weiterer wichtiger Erfolgsfaktor.

Ein Zwischenfazit

Neben der innovativen Idee inklusive passendem Geschäftsmodell braucht es den Bedarf am Markt, das Vertrauen der Kunden und überzeugte Investoren. Die Basis jedoch bilden die Mitarbeiter, die die Idee leben und fortwährend Innovationen mitgestalten, unterstützt durch offene Strukturen.

Bei Wirecard kam – und kommt – scheint’s alles zusammen. Aber wie geht es weiter?

Bezahlsysteme der Zukunft, Herausforderung von heute

Aktuell heißt es beim Münchner Payment-Dienstleister: Es gibt viele Ideen dazu, wie Bezahlen morgen oder übermorgen gehandhabt wird. Schließlich ist es nicht zeitgemäß, dass in Deutschland immer noch 70% der Waren am Point of Sale mit Bargeld gezahlt werden.

Holten führt weiter aus:

Wirecard

Mit diesem Wearable hat man die Geldbörse quasi am Handgelenk. So ermöglicht Wirecard kontakt- und bargeldlose Zahlungen. (© Wirecard)

„Wir sind überzeugt davon, dass in wenigen Jahren keine Kassen mehr benötigt werden. Weil: Warum muss der Kunde noch in der Kassenschlange stehen, wo er doch mit seinem Smartphone von überall bezahlen kann. Auch die Vernetzung der einzelnen Wallets in Echtzeit über Grenzen hinweg wird kommen.“

Eigentlich steht Wirecard, zumindest in Deutschland, hier vor einem ähnlichen Problem wie damals kurz nach der Gründung. Denn der stationäre deutsche Handel ist noch nicht so weit, wie es die Technik ermöglichen würde. Der Markt hierzulande scheint noch nicht reif zu sein. Anders als damals ist Wirecard nun jedoch global aufgestellt – und kann seine digitalen Payment-Lösungen bereits in andere Märkte implementieren.

Zusammenarbeit mit Startups

Die Entwicklung neuer Ideen entstehe beim Münchner Unternehmen weitestgehend aus sich selbst heraus, sagt Holten. Jedoch arbeitet Wirecard intensiv mit Startups zusammen.

“Wir sehen uns als Partner von Fintech-Startups. Wir unterstützen nicht mit Equity, sondern wir helfen mit technischem Know-how, was die Bezahllösung angeht, und mit unserer Banklizenz.”

So können sich die Jungunternehmen auf die Vermarktung ihrer innovativen Ideen und die Etablierung ihres Geschäftsmodells fokussieren. Wieso hilft das ehemalige Startup heute anderen Fintech-Startups?

„Weil wir verstehen, wie Startups funktionieren. Schließlich waren wir selber mal eines. Die Jungunternehmen sollen sich nicht mit Bürokratie, Regularien und Auflagen auseinandersetzen müssen.“

Wirecard profitiert durch die Kooperation, wenn möglichst viele Transaktionen stattfinden. Daher ist es im Interesse aller, dass das Startup den Markt schnell und intensiv durchdringt. Eine Win-win-Situation also.

Quo vadis Fintech?

In welche Richtung die Fintech-Szene gehen wird, wollen wir zum Abschluss wissen.

“Es wird sich über die kommenden Jahre zeigen, welche Idee nachhaltig bleibt und profitabel ist. Schließlich muss ich mit der Idee am Ende des Tages Geld verdienen können. Und das ist das Schwierige dabei: Die tolle Idee allein nützt nichts, wenn ich nachher nicht auch ein profitables Geschäftsmodell daraus mache”, 

lautet Holtens Einschätzung.

Wirecard boon

„Contactless“ bezahlen ist in anderen Ländern bereits fest etabliert. (© Wirecard)

Letzteres hat Wirecard auf seinem Weg vom Startup zum etablierten Player der heutigen Fintech-Szene sicher geschafft. Wir sind gespannt, welche weiteren Startups mit Finanzierungslösungen sich – eventuell sogar durch den Sparringspartner Wirecard – weiter am Markt etablieren werden. Gleichsam gespannt sind wir darauf, wann wir an einer deutschen Supermarktkasse nicht mehr mit großen Augen angestarrt werden, nur weil wir mit unserem Handy zahlen wollen.