Zwischenlandung bei den Testbirds

Zwischenlandung bei den Testbirds

Muenchen, DEUTSCHLAND - JULY 22: Pressefotos Testbirds Foto: Philipp Guelland fuer Testbirds

Munich Startup im Gespräch mit Markus Steinhauser, Mitgründer der Testbirds GmbH (©Testbirds/Philipp Guelland)

Ein Bürogebäude oberhalb der Wiesn. Eine Lounge im Eingangsbereich mit Playstation und gemütlicher Couch. Ein langer Gang mit ganz schön vielen gerahmten Kundenlogos. Gegenüber der Obstbar die Core Values des Unternehmens an die Wand gepinselt.

Wir sind zu Besuch bei Testbirds, einem Münchner Startup, das mit Crowdsourcing ein realitätsnahes Testen von Software wie mobilen Apps oder Webseiten für B2B Kunden anbietet.

Der Besuch im Nest zeigt: Die Idee der drei Gründer fliegt. 2011 war bereits der erste Kunde da, 2012 gründeten Philipp Benkler, Georg Hansbauer und Markus Steinhauser offiziell die Testbirds GmbH.

Schwarmintelligenz für Unternehmen

100.000 Tester macht die Crowd mittlerweile aus, vom Studenten oder Azubi über die Geschäftsfrau bis hin zum Großvater. Die unterschiedlichen Profile und Devices der Testpersonen machen die Usability-Tests und Fehlersuche für Firmen wie Allianz, Audi oder Henkel so attraktiv. Egal ob Bergsteiger oder Nerd, 25- oder 50-jährig, Tablet- oder Smartwatch-Nutzer – das Startup findet je nach Produkt, Unternehmen und Wünschen die passgenaue Tester-Crowd.

Crowdtesting hat sich als Ergänzung zu klassischen Methoden bei Software-Tests in den letzten Jahren am Markt etabliert. Und Testbirds waren mit als Erster am deutschen Markt. Immer relevanter werden Schlagworte wie Internet of Things, Smartwatch Apps oder Smart TVs. „Das wird immer mehr an Fahrt aufnehmen, da wollen wir uns noch stärker hin entwickeln“, sagt Markus Steinhauser, Mitgründer der Testbirds. Für die Tester ist dabei spannend, neue Produkte und Apps vor dem offiziellen Marktlaunch auszuprobieren. Kürzlich hatte eine passgenaue Crowd von Müttern und Vätern einen Babymonitor geprüft. Für das Unternehmen bietet der Test in der realen Anwendungswelt einen größeren Mehrwert als ein Labortest.

Anfangs ging es nicht ums Geld

„Zu Beginn haben wir mit anderen Startups Projekte gemacht. Da ging es in erster Linie nicht ums Geld verdienen, sondern ums Erfahrungen sammeln. Nach vier, fünf Monaten kamen dann die größeren Kunden“, erzählt Markus. Auch der Ausbau der Tester-Community hatte sich anfangs gezogen – mittlerweile kommen bei Testbirds monatlich 3.000 internationale Tester dazu.

Konkurrenz gibt es bei diesem spannenden Geschäftsmodell natürlich auch – Testbirds will sich über einen klaren Service-Gedanken und hohe Qualität abgrenzen. Außerdem entwickelt das Startup schon mal auf Kundenwunsch ein neues Produkt. Beispielsweise TestChameleon. Wie es dazu kam? Ein Kunde wollte zusätzlich zum Crowdtesting automatisierte Tests, dafür fand er am Markt jedoch keine passende Lösung. Was die drei Gründer dazu brachte, mit TestChameleon ein neues Produkt zu entwickeln.

Bei den Jungunternehmern Philipp Benkler (l), Georg Handbauer (m) und Markus Steinhauser (r) steht der Service im Vordergrund. Dafür entwickeln sie auch mal auf Kundenwunsch ein neues Produkt

Bei den Jungunternehmern Philipp Benkler (l), Georg Handbauer (m) und Markus Steinhauser (r) steht der Service im Vordergrund. Dafür entwickeln sie auch mal auf Kundenwunsch ein neues Produkt (©Testbirds/Philipp Guelland)

Auch strukturierte Tests mit Mitarbeitern im jeweiligen Unternehmen – nach dem Motto „Bring your own crowd“ – ist als zusätzliches Angebot auf Kundenwunsch entstanden. Und die drei Gründer sind bereits an einer Erweiterung ihres Produktportfolios dran – wollen aktuell jedoch noch nichts Genaueres verraten.

Keine ruhige Kugel schieben, sondern von Anfang an dabei sein

Mit der Anschubfinanzierung durch das EXIST-Gründerstipendium über die LMU München startete das Jungunternehmen. Anfangs gingen die Gründer gezielt auf Veranstaltungen, um viele Kontakte zu knüpfen und das bestehende Netzwerk zu erweitern. Schon bald ergab sich über evobis, das heutige BayStartUP, die erste Finanzierungsrunde. Der Investor, die Walter Beteiligungen und Immobilien AG, hatte gut gepasst und Gründer wie Finanzierer waren sich schnell einig. Die siebenstellige Investitionssumme nutzte das junge Unternehmen, um sein Team zu vergrößern. „Weil Crowdtesting begann, Fahrt aufzunehmen – und wir wollten von Anfang an richtig dabei sein“, sagt Markus heute.

2014 entschied das Startup, zu expandieren, um im Zielmarkt vor Ort zu sein. 2,1 Mio. Euro für die Internationalisierung gaben in der zweiten Finanzierungsrunde Seventure Partners, ein Venture Kapitalgeber aus Frankreich. Als passender Partner qualifizierte sich der VC unter anderem, weil er den Gründern viel Entscheidungsfreiheit rund um Personal, Services und Produkte lässt.

Eine der größten Herausforderungen ist Wachstum

Auf die Frage nach Herausforderungen schiebt Markus die mittelfristige Vision ein, „dass wir uns in Europa als führender und innovativster Crowdtesting-Anbieter etablieren.“ Die damit verknüpfte Herausforderung heißt: Wachstum. Allein in München haben die Testbirds inzwischen drei Umzüge hinter sich, das aktuelle Büro wird gerade erweitert. Gründer und Geschäftsführer Philipp Benkler, zuständig für Vertrieb und Internationalisierung, reist außerdem oft nach England und Holland, wo er die Büros in London und Amsterdam aufbaut. Stockholm und der skandinavische Markt folgen. Ein Franchise sitzt in Ungarn.

Wachstum beeinflusst die internen Strukturen, die interne Kommunikation, die Prozesse. „Wir hatten anfangs ein Update-Frühstück etabliert. Mit zehn Leuten war‘s schön, mit 15 noch ok, mit über 20 Mitarbeitern hatte es dann zwei Stunden gedauert – und keiner hatte mehr Lust darauf. Das war nicht mehr die richtige Methode um up to date zu sein…“, nennt Markus als Beispiel.

Das Team der Testbirds (©Testbirds/Philipp Guelland)

Das Team der Testbirds (©Testbirds/Philipp Guelland)

Mittlerweile hat das Unternehmen über 60 Mitarbeiter und arbeitet verstärkt daran, die Prozesse zu optimieren. „Als Startup denkst du, du brauchst keine Strukturen, aber irgendwann leiden Teamstruktur oder Qualität. Dann wird’s ein Thema.“ Und auch die Mitarbeitersuche wird durch das starke Wachstum beeinflusst. „Bei drei Mitarbeitern müssen alle noch alles können, mittlerweile suchen wir Spezialisten.“

Was sind denn nun Erfolgskriterien …

Immer wieder stellt sich die Frage: Was macht ein Startup erfolgreich? Die Geschäftsidee? Das sich ergänzende Gründerteam? Oder ist es eine Finanzspritze zur rechten Zeit? Bei Testbirds war es sicher die Mischung. Mit einem BWLer und einem Wirtschaftsinformatiker mit Master in Finanz- und Informationsmanagement sowie einem Kommunikationswissenschaftler ist das Gründerteam gut aufgestellt.

Markus erzählt, dass es zu Beginn meist zwei bis drei unterschiedliche Ansichten gab, aus denen im Lauf des Lernprozesses viel Innovatives entstand. „Im Nachhinein betrachtet war das sehr hilfreich“, sagt der Mitgründer Markus heute.

… und was die drei Top-Learnings?

  1. Nicht im stillen Kämmerlein sitzen und planen, sondern rausgehen und ausprobieren. Es ist arbeitsintensiv, aber zeigt schnell, was wirklich interessiert. Im Idealfall erspart Ihr Euch Umwege.
  2. Auf den Markt hören, Dinge schnell umsetzen.
  3. Aus Fehlern lernen – und alle sind auf der gleichen Ebene.

Es stellte sich nie die Frage, woanders hinzugehen

Für den Standort München entschied sich das Gründerteam sowohl aus privaten wie aus geschäftlichen Gründen. „München ist einfach eine coole Stadt, man ist schnell in den Bergen. Unser privates Umfeld ist ebenfalls im Süden von Deutschland. Da gab es nicht den Wunsch, woanders hinzugehen“, sagt Markus.

Auch geschäftlich stellte sich nie die Frage, in einer anderen Stadt zu gründen. Denn die Gründer verfügten von Anfang an über ein gutes Netzwerk, beispielsweise durch Professoren oder über den Münchner Businessplan Wettbewerb, bei dem sie 2012 den 3. Platz machten.

Büros, allgemeine Unterstützung, Netzwerk – es gab immer viele Optionen und großen Beistand. Markus sagt dazu: „Für den Normalbürger ist das einfach nicht so präsent wie bei der Hauptstadt, wo viel Buzz ist. Aber es gab immer Leute, die uns Tipps gegeben haben.“ Nicht zuletzt sind die vielen großen Industrieunternehmen aus Automobil- oder Medien-Branche für B2B Unternehmen wie Testbirds interessant. Und auch bei der Investoren- oder Mitarbeitersuche ist München ein gutes Pflaster.

Aus dem engen Crowdsourcing Tunnel hinaus ein Blick nach außen

Langweilig wird den Gründern von Testbirds wohl nie. Wichtig ist ihnen aber auch, Perspektiven aufzuzeigen. Daraus ging vor Kurzem ein „Code of Conduct fürs Crowdsourcing“ hervor. Lest hier ein Interview der IHK mit Philipp Benkler.