Die ZdoV-Gründer Finnigan Lutz und Nicolas Colsman
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ZdoV: Open-Source ERP-Systeme für den öffentlichen Sektor

Die Digitalisierung im öffentlichen Sektor schreitet voran, wenn auch langsam. Dabei ergeben sich jedoch immer wieder neue Probleme. So besteht beispielsweise die Gefahr, dass sich Behörden von einzelnen Anbietern abhängig machen. Und die Verwendung vieler verschiedener Tools befördert nicht unbedingt das Aufbrechen von Datensilos. Das Münchner Startup ZdoV will beide Fliegen mit einer Klappe schlagen: mit Open-Source ERP-Systemen. Managing Partner Finnigan Lutz erklärt im Interview, warum Open-Source besser ist und was ERP-Systeme für die öffentliche Hand leisten können.

Munich Startup: Was macht Euer Startup ZdoV? Welches Problem löst Ihr?

Finnigan Lutz, ZdoV: Wir sind das Münchner Govtech Startup „Zukunft digitale und offene Verwaltung GmbH“, man kann uns aber einfach „ZdoV“ nennen. Wir befähigen die Digitalisierung von Prozessen und Organisationen im öffentlichen Sektor, sind aber auch viel mit NGOs, Vereinen und Stiftungen tätig, um Teams digital aufzustellen. Was uns ein bisschen einzigartig macht, ist unser Fokus auf eine Art von Software, die sich besonders gut für den öffentlichen Sektor eignet. Hier ist die Rede von Open-Source ERP-Systemen. Damit kann man die digitale Zusammenarbeit um ein Vielfaches vereinfachen, die Arbeit wird transparenter, auch schneller und geordneter.

Munich Startup: Aber das gibt’s doch schon längst!

Finnigan Lutz: Wir sind natürlich nicht die Ersten, die mit Open-Source ERP-Systemen unterwegs sind. Aber ich meine, wir sind die Ersten, die hier eine Chance für den öffentlichen Sektor erkannt haben, und die damit in der Verwaltung und bei Sozialunternehmen erfolgreich sind. Ich kann gerne kurz erklären, was dahintersteht.

Zuerst zu den ERP-Systemen. Für alle, die es nicht wissen: ERP steht für „Enterprise Resource Planning“ und beschreibt Geschäftssysteme, die sehr effizient sind, weil sie mehrere Anwendungen in eine Plattform integrieren. Ohne ein ERP hat man für alles ein separates Tool, und die Anwendungen kommunizieren nicht miteinander. Das sorgt für große Aufwände in der Bewältigung von Aufgaben, weil die „Medienbrüche“ zwischen den Anwendungen teils manuell oder mit Excel überbrückt werden müssen. ERP-Systeme wurden genau hierfür entwickelt, um alle Bereiche miteinander zu verbinden, sodass ein digitaler Gesamtüberblick entstehen kann. Auch die Automatisierung von Prozessen ist damit viel einfacher.

Was für Open-Source in der Verwaltung spricht

Aber warum Open-Source? Tatsächlich kann der öffentliche Sektor eine Reihe von Vorteilen daraus ziehen, wenn der Quellcode der Systeme offensteht. Es gibt keinen „Lock-In“-Effekt, der durch die Monopole einzelner Anbieter entstehen kann, da der Code keiner Privatfirma gehört. Das wirkt sich positiv auf die digitale Souveränität der Organisation aus, und man geht einer Fremdbestimmung aus dem Weg. Zudem profitiert man bei Open-Source Systemen von globalen Netzwerkeffekten, die sich oft sehr vorteilhaft auf die Preise auswirken. Das sind nur zwei Gründe, die für Open-Source in der Verwaltung sprechen – es gibt noch ein paar mehr. Zusammengefasst sind das die beiden Wirkungsmechanismen, die ineinander spielen und auf Basis dessen wir Projekte umsetzen!

Munich Startup: Was ist Eure Gründungsstory?

Finnigan Lutz: Unsere Wurzeln als Organisation haben wir tatsächlich in der Digitalisierung des Bildungswesens. Nico hat als Gründer des Berliner NGOs Zukunft Digitale Bildung dort tiefe Wurzeln, und es gab mehrere Pilotprojekte mit Schulämtern, Schulen und Lehrkräften, die extrem positiv ausgefallen sind. Wir haben daraus Inspiration ergriffen und die Chance gesehen, einen direkten Beitrag zur Digitalisierung zu leisten. Wir sind aber auch eine Ausgründung der TU München und pflegen ein enges Verhältnis zur Münchner Unternehmensberatung much. GmbH, welche uns als Schirmpartnerin unterstützt – deswegen würde ich sagen, dass wir an vielen Stellen unsere Wurzeln haben.

ZdoV: „Wir haben bemerkenswerte Fortschritte gemacht“

Munich Startup: Was waren bisher Eure größten Herausforderungen?

Finnigan Lutz: Wir haben bemerkenswerte Fortschritte gemacht. Eine aktuelle Herausforderung für 2024 ist aber natürlich die Förderlandschaft für Sozialunternehmen. Diese konnten noch letztes Jahr bei uns staatlich geförderte Projekte zur Digitalisierung von Geschäftsabläufen umsetzen – das war sehr beliebt. Leider ist hier jedoch der Förderzeitraum vorbei und man arbeitet noch an einem Nachfolgeprogramm. Vielleicht geht es für die Sozialunternehmen und NGOs dann wieder bergauf. Abgesehen davon wäre es natürlich immer gut, wenn mehr Leute wüssten, was ein ERP-System ist, und wann sich der Einsatz lohnt. Sowohl um nur einzelne Prozesse oder Fachverfahren abzubilden, aber auch wenn neue Abteilungen, Innovationszentren oder Ausgründungen im Raum stehen – hier besteht die seltene Chance, von Anfang an eine effiziente Infrastruktur einzurichten.

Munich Startup: Wo möchtet Ihr in einem Jahr stehen, wo in fünf Jahren?

Finnigan Lutz: Man darf natürlich keine Prognosen machen! Spannend ist hier natürlich auch: Wo steht denn die Welt in einem Jahr und in fünf Jahren? Persönlich fänden wir es sehr schön, wenn wir sowohl im Bereich der Sozialeinrichtungen als auch in der deutschen Verwaltung vertieft unserer Mission nachgehen können, um diese Organisationen besser aufzustellen. Beide erfüllen eine essentielle soziale Funktion und dienen in wertvollem Maße unserer Gesellschaft. Darin sehen wir einen wertvollen Willen, nicht nur den Status Quo zu erhalten, sondern einen echten positiven Unterschied zu bewirken. Dieser Ansatz ist ein Kernbestandteil unserer DNA, den wir nie aus den Augen verlieren wollen.

Munich Startup: Wie habt Ihr den Startup-Standort München bisher erlebt?

Finnigan Lutz: Sehr, sehr positiv. Der Standort München bietet sehr gute Grundlagen für Startups. Hier floriert ein besonderes Ökosystem mit den großen Universitäten, vielen Technologiefirmen und Orten für gegenseitiges Kennenlernen und natürlichen Austausch, den wir sehr wertschätzen.

Munich Startup: Outsourcen oder selber machen?

Finnigan Lutz: Fallspezifische Abwägung.

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