windeln.de – Erfolg sticht Sexappeal

Wer schleppt schon gerne Windeln und Babynahrung? Mit einer erfolgreichen Kombination aus margenschwachen und profitableren Babyartikeln ist das Münchner E-Commerce-Unternehmen windeln.de dem Startup-Stadium längst entwachsen. Munich Startup zu Besuch bei einer Erfolgsgeschichte.

Beinahe 180 Millionen Euro Jahresumsatz, knapp eine Million aktive Kunden, über 400 Mitarbeiter, Onlineshops in zehn europäischen Ländern und Direktversand von Deutschland nach China. Die nackten Unternehmenszahlen sprechen eine deutliche Sprache: windeln.de konnte sich seit seiner Gründung 2010 als feste E-Commerce-Größe etablieren.

Alexander Brand (Foto: windeln.de)
Alexander Brand (Foto: windeln.de)

Mitgründer Alexander Brand erzählt uns die Unternehmensgeschichte nüchtern und unaufgeregt. Gründen war für ihn nichts Neues, er habe ja bereits 1999 seine erste Firma aus der Taufe gehoben. Er und Mitgründer Konstantin Urban hatten Erfahrung mit Venture Capital, waren zudem gut vernetzt in München. Was die größten Herausforderungen in den vergangenen Jahren gewesen seien?

„Eigentlich ist jedes Jahr sehr herausfordernd. Das ist wie im Fußball. Das nächste Spiel ist immer das schwerste. Als Gründer braucht man, glaube ich, eine gewisse Paranoia. Ich denke mir alle drei Monate, dass es das jetzt war.“

Brand beschreibt sich selbst als Analytiker und das glaubt man ihm gerne. Konstantin Urban dagegen sei eher der bauchgesteuerte Typ: „Wir ergänzen uns gut.“

Zusammengefunden haben Urban und Brand über einen gemeinsamen Freund. Sie beide wollten ein neues Business starten. Mit dem amerikanischen Versandhandel für Kinderbedarf diapers.com war das Vorbild und Geschäftsmodell schnell gefunden: Durch Baby-Verbrauchsartikel wie Windeln und Nahrung werden die Kunden an den Shop gebunden. Zusätzlich angebotene Gebrauchsartikel wie Kinderwägen, Autositze und Spielzeug heben die Marge. Eine Marktlücke, so Brand, denn:

„Diese Kombination gab es bis zu unserem Start in Deutschland nicht.“

Nicht unbedingt sexy, aber erfolgreich, könnte man meinen.

Schnuller Made in Germany

Nach verdoppelten Umsätzen in den Vorjahren konnte sich das Unternehmen 2015 noch um drei Viertel steigern. Fürs kommende Jahr peilt die Firma ein weiteres Wachstum von 50 Prozent an. Ein Wachstumstreiber: Der Direktversand deutscher Waren nach China. Das neue Geschäftsfeld ergab sich durch Analyse der Bestelldaten:

„Uns ist aufgefallen, dass sehr viele Kunden mit chinesischen Namen bei uns bestellten. Viele dieser Bestellungen gingen an dieselben 20 Adressen in Deutschland. Dies waren freight forwarder, die Ware von  deutschen Onlineshops an Chinesen weiter geleitet haben. Heute liefen wir direkt nach China.“

Der Hintergrund: Viele Chinesen aus der Mittelschicht trauen deutschen Produkten mehr als heimischen Erzeugnissen.

„Besonders beliebt sind bei unseren chinesischen Kunden Lebensmittel und Produkte, die für deutsche Qualität stehen, wie NUK-Schnuller.“

Als Reaktion auf die fernöstliche Nachfragewelle übersetzte windeln.de seine Seite ins Chinesische. Ein eigenes Team im Münchner Büro betreut das chinesische Angebot. Wegen der Zeitverschiebung wurde ein Kundenservice in Vietnam aufgebaut. Anders als in Europa ist zusätzlich auch die Zahlung über den chinesischen Dienst AliPay möglich.

Sind es die Startup-Gene?

Vergangenes Jahr expandierte das Unternehmen auch ins europäische Ausland – teils durch Zukäufe, teils durch selbst aufgebaute Dependancen. Woher das Unternehmen wusste, dass es der richtige Zeitpunkt zur internationalen Expansion war? Im Grunde gehe es viel um Bauchgefühl, so Brand, und weiter:

„Wichtig ist, dass das bestehende Geschäft  und die Prozesse  so gut  laufen, dass es nicht mehr die volle Aufmerksamkeit verlangt.“

Auch wenn das Unternehmen sicher kein Startup mehr ist und auch nicht so bezeichnet werden möchte – die Art, wie Entscheidungen getroffen und Chancen ergriffen werden, wirkt flexibel, spontan, wenig festgefahren. Die Startup-Mentalität scheint in der DNA der Firma zu überdauern. Dazu passt auch, dass Brand weiter in der Szene aktiv ist. So stieg er kürzlich als Investor und Business Angel bei der Second-Hand-Metasuchmaschine Catchys ein:

„Ich beschränke meine Investitionen auf E-Commerce. Da besitze ich das entsprechende Knowhow. BioTech wäre zum Beispiel sicherlich nichts für mich, da kenne ich mich nicht aus.“

Wir bleiben gespannt und werden den Münchner Onlineshop und seine Gründer im Blick behalten.

Simon Tischer

Seit Dezember 2015 schreibt Simon Tischer für Munich Startup. Vorzugsweise berichtet er über Studien, Hintergründe und von Veranstaltungen. Er studierte Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München.

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