Die Slush 2025 in Helsinki beginnt laut. Pyroflammen, dröhnender Bass und eine Performancekünstlerin auf der Hauptbühne. Europa will Aufmerksamkeit erregen. Für den Jahrhundertmoment, den die Slush-Macher im hohen Norden ausgerufen haben. 13.000 TeilnehmerInnen, darunter 6.000 Startups und 3.500 InvestorInnen. Das wichtigste Gründerevent Europas und Munich Startup ist dabei, so wie schon die letzten Jahre.
Lovable: Das schnellst wachsende Startup der Geschichte
Kurz nach der Eröffnung kommt Anton Osika, Gründer von Lovable, auf die Bühne. In seinem Heimatland Schweden ist der 35-Jährige sowas wie ein Superstar. Denn Lovable ist das am schnellsten wachsenden Startup der Geschichte. Vor einem Jahr präsentierte Osika seine Plattform, die es Menschen, auch ohne oder mit wenig Programmierkenntnissen erlaubt, Websites und Apps allein durch natürliche Spracheingabe zu erstellen, auf der Slush.
„Kurz vor dem offiziellen Start waren wir nur acht Leute in einem Co-Working-Space. Dann hat mich die Slush vor einem Jahr hier auf der Bühne gestellt und ich war wahnsinnig nervös.“

Vom Experiment zum Unicorn
Was als Open-Source-Experiment startete, entwickelte sich in rasanter Geschwindigkeit zum AI-Unicorn. Im Juli schloss das Startup eine Series-A-Finanzierung über 200 Millionen US-Dollar ab. Mit der Finanzierungsrunde stieg das Unternehmen nur wenige Monate nach Gründung in den Kreis der Unicorns auf und wurde aufgrund des rasanten Wachstums zu einem Aushängeschild der europäischen Tech-Szene.
Osika berichtet, dass die Grundlage seiner Überlegungen nicht aus einer klassischen Marktanalyse entstanden sei, sondern aus der Frage: Was ist das Ambitionierteste, das ich bauen kann? Sein Hintergrund in Physik und seine Arbeit in der KI-Forschung führten ihn schließlich zu einem Vorläufer von Lovable, einem Tool namens GPT-Engineering. Schnell erkannte er jedoch, dass die Vision größer sein musste:
„Wir wollten kein Tool für Entwickler sein. Nur 0,5 Prozent der Welt sind Entwickler. Wir wollten eine Software entwickeln, die für alle zugänglich ist. Ich habe meinen späteren Mitgründer Fabian Hedin angerufen und gesagt: „Fabian, wir starten eine Firma. Und wir werden verändern, wie man Software kreiert und wer es kreiert.““
Ein Jahr nach dem Start kann Lovable beeindruckende Zahlen vorweisen. Osika erklärt:
„Jeden Tag werden mehr als 100.000 neue Projekte auf unserer Plattform gebaut. Über fünf Millionen Menschen nutzen täglich Applikationen, die mit Lovable erstellt wurden.“
Europa steht an einem historischen Wendepunkt – und die Tech-Szene spürt es deutlich
Im Gegensatz zu vielen Firmen aus Europa entschied sich Osika nicht ins Silicon Valley zu gehen:
„Ich habe das nicht getan, damit ich jetzt hier sitzen und sagen kann: Ihr könnt eine globale Firma auch aus Europa heraus bauen.“
Er sieht viele Gründe, warum Europa heute ein starker Ort für KI-Unternehmen ist: Talent, Vision, Arbeitskultur. Statt umzuziehen, holte er Expertise nach Stockholm: Führungskräfte aus Firmen wie Notion, Slack und Gusto gehören mittlerweile zum Team.
Denn Europa erlebt einen Moment, der sich laut des Risikokapitalunternehmens Atomico größer anfühlt als alles, was die europäische Startup-Landschaft in den vergangenen Jahren gesehen hat. Technologie wird zum zentralen Hebel, der Wirtschaftsstrukturen neu ordnet und die globalen Kräfteverhältnisse verschiebt. Während die Welt rasant voranschreitet, steht Europa vor einer entscheidenden Frage: Nutzt der Kontinent seine Chance oder wird die Zukunft für ihn gestaltet?

Ein Ökosystem, das reifer wird und GründerInnen, die bleiben wollen
Die gute Nachricht zuerst: Europas Tech-Sektor zeigt trotz aller geopolitischen und wirtschaftlichen Unsicherheiten eine beeindruckende Dynamik. In nur zwei Jahren wurden rund eine Billion US-Dollar an Wert aufgebaut. Die Branche beschäftigt heute 4,6 Millionen Menschen und verzeichnet ein neues Rekordhoch bei Gründungen: 27.000 neue Startups allein in diesem Jahr. Der stärkste Anstieg, den Europa je gesehen hat.
Was sich auch geändert hat: GründerInnen verlassen Europa nicht mehr in Scharen. Im Gegenteil: Über 80 Prozent bauen ihr Unternehmen von Europa aus auf und viele tun das bewusst für Europa. Über 1.200 Unternehmen erzielen mehr als 100 Mio. Euro Umsatz oder sind über eine Milliarde Euro wert. Mehr als 400 Unicorns gehören inzwischen zur europäischen Landschaft. 28 neue Unicorns sind allein in diesem Jahr entstanden – ein globaler Rekordanteil.
Das Wachstum hat Grenzen
Während GründerInnen Gas geben, bleibt das restliche System häufig zurück. Die Tech-Investitionen stagnieren seit drei Jahren bei rund 44 Milliarden US-Dollar jährlich. In den USA liegt die Summe im gleichen Zeitraum bei fast 500 Milliarden, also mehr als das Zehnfache. Hinzu kommen strukturelle Bremsen: Das Kapital bewegt sich in Europa zu langsam und zu kleinteilig, die regulatorische Umgebung bleibt schwerfällig, Risiko wird kulturell oft als Bedrohung statt als Motor verstanden und jährlich fließen zwei Billionen Euro an IT-Ausgaben aus Europa ab, obwohl europäische Lösungen vielfach führend sind.
Vier Missionen für Europas Zukunft
Atomico erklärt, was Europa jetzt braucht, um den Jahrhundertmoment auszukosten.
- Regulatorische Hürden abbauen – ein echter europäischer Binnenmarkt für Innovation.
- Talent stärken und halten – Europa muss globaler Magnet für GründerInnen bleiben.
- Kapitalmärkte vertiefen – liquide, heimische Finanzierung von Seed bis IPO.
- Risikokultur etablieren – mutiges Unternehmertum als gesellschaftliche Infrastruktur.
„Wenn es in Europa mehr von dieser wirklich extrem hohen Ambition gäbe, würden wir viel mehr erfolgreiche Unternehmen von hier sehen“,
erzählte Anton Osika dem Journalisten Antoine Buteau im September. Und kaum ein Satz passt besser zu diesem Moment, in dem Europa entscheidet, ob es seine technologische Zukunft selbst baut oder anderen überlässt.
Munich Startup auf der Slush 2025
Vier Startups haben wir von Munich Startup mit nach Helsinki genommen, um sie bei ihrer Internationalisierung zu unterstützen. Neben Jessy Works, Lynkt und UniteLabs waren auch Enna mit dabei. Tobias Bily, Co-Founder Enna fasst die Slush so zusammen.
„Wir haben die Slush als extrem inspirierende Bühne erlebt, auf der Innovationskraft und Purpose spürbar zusammenkommen. Ein großes Dankeschön an Munich Startup, dass wir dabei sein konnten.“