Munich Startup: Was hat dich zur Gründung motiviert?
Julia Rafschneider: Ich hatte keinen Masterplan. Eher so einen inneren Druck, der sich nicht mehr wegdrücken ließ. Irgendwann war klar: ich will nicht zuschauen, ich will mitbauen. Ich bin in einer Welt groß geworden, in der Menschen viel leisten, ohne dass es jemand wirklich sieht. Dieses Gefühl prägt mich bis heute. Die Energiewende passiert nicht im Whitepaper. Sie passiert dort, wo Menschen jeden Tag draußen stehen und sie praktisch umsetzen. Genau deshalb hat mich das Handwerk so berührt.
Für uns bei NuuEnergy sind HandwerkerInnen die eigentlichen KlimamacherInnen. Sie tragen einen wesentlichen Teil der Wärmewende. Und genau deshalb verdienen sie gute Bedingungen, moderne Strukturen und echte Wertschätzung. Nicht, weil das gut klingt, sondern weil die Wärmewende ohne sie schlicht nicht funktioniert. Darum NuuEnergy: Wir arbeiten bottom-up, bauen regionale Fachbetriebe auf und vor allem ein Umfeld, in dem Menschen sagen können: „Ich zähle hier als Mensch, nicht nur als Rolle.“ Für mich schließen Empathie und Umsetzungskraft sich nicht aus. Sie gehören zusammen. Das ist die Haltung, mit der ich gründe.
Was Gründen mit dir macht
Munich Startup: Was hättest du gerne vor deiner ersten Gründung gewusst?
Julia Rafschneider: Dass Gründen mehr mit dir macht, als du erwartest. Dass du lernen musst, bei dir zu bleiben, auch wenn außen alles wackelt. Dass du manchmal führst, wenn du am wenigsten Kraft hast. Dass du zweifelst und trotzdem weitergehst. Und dass jedes Gespräch, jedes Nein, jede schwierige Woche dich mehr formt als jeder Erfolg. Es geht nicht nur um Organisation, KPIs oder Prozesse, sondern um Menschen und um dich selbst. Ein Unternehmen entsteht nicht über Nacht. Man wächst da rein, mal stolpernd, mal mutig, meistens beides gleichzeitig.
Munich Startup: Wie ist dein Unternehmen bislang finanziert?
Julia Rafschneider: Wir sind finanziert durch Impact-orientierte Business Angels und Frühphaseninvestoren aus dem Energie- und Technologieumfeld. Uns war wichtig, Partner zu finden, die die Realität der Wärmewende kennen und mit uns gemeinsam langfristig denken, statt nur schnell wachsen wollen.
Ideen, Tools und Pitches
Munich Startup: Wann und wo bekommst du die besten Ideen?
Julia Rafschneider: Ich bekomme die besten Ideen, wenn ich zwei Dinge tue: Erstens: erst nah dran sein. Mitlaufen, zuhören, mitmachen – mal auf der Baustelle oder im Gespräch mit KundInnen. Nicht theoretisieren, sondern erleben, wie es wirklich ist. Zweitens: dann Abstand nehmen. Raus aus der Situation, spazieren gehen. Den Kopf frei werden lassen. Klingt einfach, ist aber Gold wert: im Team sammeln, dann alleine sortieren.
Munich Startup: Was sind deine 3 liebsten Arbeitstools?
Julia Rafschneider: 1. Spaziergänge – mein Thinking-Tool Nummer Eins. 2. Echte Gespräche – mit KundInnen, NutzerInnen und unserem Team. 3. Coaching – um Orientierung zu halten. Und praktisch: Notion, Miro und ein Notizbuch für das, was nicht in Tools passt.
Julia Rafschneider: „Sag, warum es dir wirklich wichtig ist“
Munich Startup: Dein Top-Tipp zum Thema “Pitchen”?
Julia Rafschneider: Sag, warum es dir wirklich wichtig ist, nicht wie es klingen soll. Du musst nicht nur verkaufen. Du musst zeigen, warum es nicht anders geht. Menschen investieren nicht in Zahlen, sondern in ein Why, das auch in schwierigen Zeiten hält. Und auch wichtig: ein Nein ist kein Urteil. Oft ist es einfach kein Match für beide Seiten. Und genau das ist wertvoll. Denn du brauchst Partner, die dein Warum wirklich mittragen.
Munich Startup: Erscheint es dir gerade als eine gute Zeit, um zu gründen? Warum?
Julia Rafschneider: Es gibt nie den perfekten Moment. Aber es gibt Momente, in denen du spürst: „Ich kann etwas beitragen.“ Wir leben in einer Phase, in der alte Strukturen bröckeln und neue erst entstehen. Unbequem, aber voller Möglichkeiten. Und nicht jede:r muss sofort gründen. Manchmal beginnt alles damit, nah an GründerInnen mitzulaufen und zu sehen, wie ein Unternehmen wirklich entsteht. Wir bei NuuEnergy suchen immer Menschen mit Gründergeist. Menschen, die etwas bewegen wollen. Nicht erst, wenn alles perfekt ist, sondern genau jetzt.
Munich Startup: Auf welche Technologie oder Branche würdest du bei deiner nächsten Gründung setzen?
Julia Rafschneider: Alles, was die lokale Wertschöpfung stärkt. Ich glaube, echte Innovation wird wieder regionaler werden. Ob im Handwerk, in Energie oder bei der Ausbildung. Wir brauchen Lösungen, die Zugang schaffen, nicht ausschließen. Technologie ist dabei sehr wichtig, aber ohne das Soziale bleibt sie wirkungslos.
Mehr Brücken, mehr Offenheit und mehr Raum
Munich Startup: Was könnte aus deiner Sicht am Gründungsstandort München noch verbessert werden?
Julia Rafschneider: München ist stark in Software, Tech und Forschung, das ist ein großer Vorteil. Was aber noch wachsen darf, sind Räume für Gründungen, die näher an echter Umsetzung sind: dort, wo Technologie auf den Alltag trifft, wo man ausprobiert, testet und lernt, was wirklich funktioniert. Viele Innovationen, die wir für Themen wie die Wärmewende brauchen, entstehen nicht nur im Labor, sondern auch im Betrieb, auf der Baustelle oder in realen Abläufen. Für diese Art von Gründungen gibt es in München noch zu wenig Sichtbarkeit, Austausch und Unterstützung. Mehr Brücken zwischen Tech und Anwendung, mehr Offenheit für unterschiedliche berufliche Hintergründe und mehr Raum für Frauen in technischen und Handwerks-nahen Bereichen – das würde das Ökosystem deutlich stärken.
Munich Startup: Welche Gründerin oder welchen Gründer würdest du gerne einmal persönlich treffen? Und was würdest du sie oder ihn fragen?
Julia Rafschneider: Ich bewundere weniger einzelne GründerInnen als Menschen, die etwas Echtes aufbauen und später ehrlich auf ihr Leben schauen. Das können UnternehmerInnen sein, aber genauso HandwerkerInnen, KünstlerInnen oder Menschen, die einfach ihren eigenen Weg gegangen sind. Wenn ich jemanden treffen könnte, dann eine Person, die gegründet hat, ohne laut zu sein, aber etwas Relevantes geschaffen hat. Ich würde nur eine Frage stellen: „Was war dir rückblickend wirklich wichtig und was hätte dein jüngeres Ich gerne früher gewusst?“ Seit ich selbst gegründet habe, spüre ich enormen Respekt für die Generation vor uns. Sie hatten keine Coaching Tools, keine Netzwerke, keine Sparringspartner. Sie hatten einfach das Leben und die Verantwortung, es irgendwie zu schaffen. Jede Generation arbeitet eben mit den Werkzeugen, die sie hat und daran merkt man erst, wie viel sie getragen haben.