Munich Startup: Was macht euer Startup? Welches Problem löst ihr?
Gianluca Pauletto, CEO und Mitgründer von Sypox: Sypox entwickelt elektrisch beheizte Reaktoren für hochtemperatur-chemische Prozesse, einen Bereich der bislang als besonders schwer elektrifizierbar galt. Mit unserem Reaktor können Erdgas oder Biogas deutlich effizienter zu Synthesegas umgesetzt werden, ohne fossile Verbrennung und mit bis zu 40 Prozent weniger Methanverbrauch.
Der zugrunde liegende Prozess ist die Dampfreformierung, traditionell wird die benötigte Prozesswärme in einem gasbefeuerter Ofen unter sehr hohen CO2-Emissionen erreicht. Wir ersetzen diesen Ofen durch einen kompakten, elektrisch beheizten Reaktor, der direkt mit erneuerbarem Strom arbeitet und Temperaturen von über 900 Grad Celsius erreicht. Damit reduzieren wir nicht nur Emissionen, sondern machen Anlagen auch effizienter, kleiner, schneller und flexibler.
Neben zentralen Anwendern profitieren auch Biogasanlagen: Sie können vor Ort grünen Wasserstoff oder erneuerbares Methanol erzeugen, statt Biogas mit geringer Wertschöpfung zu verstromen. Und weil unsere Reaktoren sekundenschnell auf Strompreise reagieren, kann die Produktion jederzeit hoch- oder heruntergefahren werden, was sowohl Vorteile für Wirtschaftlichkeit und Netzstabilität bringt.
Munich Startup: Aber das gibt’s doch schon längst!
Gianluca Pauletto: Elektrische Prozessheizer werden in der Chemie seit Jahren eingesetzt, allerdings nur bis etwa 600 Grad Celsius. Für Hochtemperaturprozesse wie die Dampfreformierung gab es bisher keine elektrische Lösung, weil herkömmliche Heizer die dafür nötigen 900 Grad Celsius (und mehr) nicht erreichen können. Die Prozesse in genau diesem Temperaturbereich verursachen jedoch einen Großteil der industriellen CO2-Emissionen, weil sie bislang ausschließlich mit fossiler Verbrennung beheizt werden.
Sypox schließt diese Lücke: Wir haben einen elektrisch beheizten Hochtemperatur-Reaktor entwickelt, der die extremen Bedingungen der Dampfreformierung erfüllt, ohne Flamme, ohne Brenner, ohne fossile Wärme. Damit wird erstmals möglich, was bisher als nicht elektrifizierbar galt.
Spin-off der TUM wächst über Pilotanlagen hinaus
Munich Startup: Was ist eure Gründungsstory?
Gianluca Pauletto: 2021 haben Martin Baumgärtl und ich Sypox als Spin-Off der TU München gegründet. Die ersten Labor Reaktoren konnten erfolgreich das Potential der Elektrifizierung demonstrieren. 2022 wurde dann die erste Pilotanlage an einer Biogasanlage integriert und unter realen Bedingungen zusammen mit Bayerngas getestet. Im Rahmen des Eretech-Projekts wurde 2024 an der selben Biogasanlage eine Pilotanlage im kommerziellen Maßstab zur Produktion von 400 Kilogramm Wasserstoff pro Tag installiert und es konnte erfolgreich die flexible Fahrweise des Reaktors demonstriert werden.
Munich Startup: Was waren bisher eure größten Herausforderungen?
Gianluca Pauletto: Die Skalierung vom Labor- auf den Industriemaßstab war eine große Herausforderung, die viel Zeit, Ressourcen, praktische Arbeit und spezielles Know-how erforderte. Aktuell kommen komplexe regulatorische Hürden und bürokratische Prozesse hinzu. Unser Ansatz muss nicht nur effizient und klimafreundlich sein, sondern auch wirtschaftlich wettbewerbsfähig bleiben. Dabei ist es oft schwierig, den Überblick über die geltenden Vorschriften und die daraus resultierenden finanziellen Anreize zu behalten, besonders angesichts sich schnell ändernder politischer Rahmenbedingungen.
Organisches Wachstum statt Venture Capital
Munich Startup: Wo möchtet ihr in einem Jahr stehen, wo in fünf Jahren?
Gianluca Pauletto: In einem Jahr möchten wir als etabliertes Münchner Startup bekannt sein, das die elektrifizierte Dampfreformierung im industriellen Maßstab erfolgreich auf den Markt gebracht hat. Tatsächlich haben wir bereits den Schritt aus der klassischen Startup-Phase in die Kommerzialität geschafft und das komplett ohne private Investorengelder. Wir wachsen organisch, finanzieren uns selbst, und dieser Ansatz zahlt sich bisher klar aus. In fünf Jahren sehen wir uns als fest etabliertes Unternehmen in der Biogas- und Chemiebranche, das maßgeblich zur Dekarbonisierung beiträgt.
Munich Startup: Wie habt ihr den Startup-Standort München bisher erlebt?
Gianluca Pauletto: München ist für uns ein lebendiges Zentrum voller Vielfalt und Innovation. Die Stadt steht offen für zukunftsfähige Technologien und bietet ein starkes Netzwerk aus Wissenschaft, Industrie und Forschung. Das schafft ideale Voraussetzungen, um neue Ideen schnell voranzubringen und in einem dynamischen Umfeld zu wachsen.
Sypox setzt Fokus auf Impact statt Hype
Munich Startup: Hidden Champion oder Shooting Star?
Gianluca Pauletto: Definitiv Hidden Champion. Wir arbeiten zielstrebig und langfristig daran, echte Veränderungen in der Industrie zu bewirken, statt kurz im Rampenlicht zu stehen. Im klassischen Startup- oder Investorenumfeld sind wir kaum bekannt und haben auch noch keine Pitch-Preise oder Wettbewerbe gewonnen. Stattdessen kennen uns viele etablierte Technologieanbieter sowie Unternehmen der Chemie- und Petrochemiebranche sehr gut. Uns ist nachhaltiger Impact wichtiger als schneller Hype.