Maximilian Schäfer, Gründer von InstaFreight und Cargomotion
Foto: Munich-Startup

Insolvenz und Jan Marsalek: Maximilian Schäfer über die InstaFreight-Pleite und warum er den flüchtigen Ex-Wirecard-Manager traf

InstaFreight galt als eines der aufstrebendsten Logistik-Startups – bis ein geplatztes Termsheet und ein kollabierender Markt 2023 den Absturz einleiteten. Im Videopodcast Pitch & People spricht Gründer Maximilian Schäfer offen wie selten über die Insolvenz und Tränen am Geburtstag. Zudem erzählt er von einer Begegnung mit Jan Marsalek, die heute wie ein Schatten über jener Zeit liegt. Ein ehrliches Gespräch über Druck, Verantwortung und den Mut zum Neustart.

InstaFreight war 2016 ein Versprechen: Ein digitaler Ansatz für einen gigantischen Markt, 350 Milliarden Euro schwer, von Leerfahrten und Ineffizienzen gezeichnet. Schäfer und sein Team wuchsen in acht Jahren rasant – 70 Millionen Euro Venture Capital, bis zu 300 Mitarbeitende, knapp 100 Millionen Euro Umsatz. Doch das rasante Wachstum stieß auf eine harte Realität: Corona-Boom vorbei, der russische Angriff auf die Ukraine ließ die Wirtschaft einbrechen, KundInnen sprangen ab, gleichzeitig liefen Investitionen weiter. Maximilian Schäfer, Gründer von InstaFreight, spricht bei Pitch & People offen über eine harte Zeit:

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PITCH & PEOPLE Folge 13: Cargomotion

LogTech-SaaS Startup
InstaFreight galt als eines der aufstrebendsten Logistik-Startups – bis ein geplatztes Termsheet und ein kollabierender Markt 2023 den Absturz einleiteten. Im Munich-Startup-Videopodcast Pitch & People…

„Wir haben versucht, einem Businessplan hinterherzulaufen, der nicht mehr realistisch war.“

Der Versuch, die Firma zu verkaufen, scheitert 2023, das Termsheet geplatzt, die Zeit rennt. Bald steht etwas im Raum, das für UnternehmerInnen kaum denkbar scheint: Insolvenz.

Der härteste Moment

In dieser Phase fährt Schäfer in einen lange geplanten Urlaub, eigentlich zum perfekten Zeitpunkt der Due-Diligence-Phase. Dann eskaliert alles. Am Morgen seines Geburtstags nimmt er sich drei Stunden für sich, ohne Handy, ohne Arbeit. Als er zurückkommt, findet er einen digitalen Sturm vor: Nachrichten von Anwälten, InvestorInnen und Geburtstagsgrüße von FreundInnen, die nichts von seinem Albtraum wissen. Dann schreibt ihm seine Mutter. Und Schäfer bricht zusammen:

„Ich habe einen richtigen Heulkrampf gekriegt. Was passiert hier denn gerade? Ich habe das doch alles nicht verdient.“

Nur zehn Minuten später muss er in einen Call mit seinen Anwälten. Er macht die Kamera aus – „schlechte Verbindung“ – und führt das Gespräch. Eine emotionale Achterbahnfahrt.

Der Absturz kurz vor Weihnachten

Anfang Dezember 2023 ruft das Team die Notgeschäftsführung aus, kurz vor Weihnachten folgt der Insolvenzantrag. Existenzfragen stehen bei seinen MitarbeiterInnen im Raum: Wie geht’s weiter? Bekomme ich noch mein Gehalt?

Für Deutschland kann Schäfer immerhin beruhigen: Die Arbeitsagentur zahlt im Insolvenzfall drei Monate weiter. Doch im polnischen Standort herrscht Unsicherheit – keine klaren Regelungen, keine Garantien. Schäfer fährt dorthin, setzt sich vor das Team und sagt ihnen ehrlich, dass er ihre Gehälter nicht versprechen kann.

Dann kommen die Frachtführer. 50.000, 100.000 Euro Außenstände. Männer, die seit Jahrzehnten im Geschäft sind, brechen am Telefon in Tränen aus.

„Zum Teil wurde ich angeschrien: „Wie soll ich das jetzt schaffen? Ihr reißt mich mit in die Insolvenz.““

Ein paar wollen Schäfer sogar persönlich angehen und ihr Geld eintreiben. Das Büro wird vorsichtshalber abgesperrt, die Polizei informiert.

Eine Begegnung mit Jan Marsalek

Jahre vor Instafreight als Schäfer für Rocket Internet in Russland den Logistikbereich eines Fashion-E-Commerce-Riesen aufbaut, trifft er auf den damaligen Wirecard-Vorstand Jan Marsalek, zu einer Zeit, als Wirecard noch als Vorzeigeunternehmen galt.

Schäfer hilft einem russischen Startup bei Fundraising-Vorbereitungen. Doch die Investorenrunde gerät zur Farce: russische „B-Klasse-Oligarchen“, bewaffnete Bodyguards im Boardmeeting, keine sauberen Bücher. Schäfer steht dort als junger Manager und soll erklären, dass ein europäischer VC hier niemals investieren wird.

Und Marsalek? Er taucht als interessierter Investor auf – in einer Phase, in der sein öffentliches Ansehen noch intakt ist und er sich mit politischen Spitzen trifft. Schäfer erlebt das Treffen in einem kleinen Büro über einem Fake-Market am Rande von Moskau als absurden Moment in einem ohnehin schon wilden Abschnitt seiner Karriere.

Anmerkung der Redaktion: Jan Marsalek, geboren 1980 in Wien, war viele Jahre einer der wichtigsten Manager des Zahlungsdienstleisters Wirecard und stieg dort bis zum COO auf. Er galt als treibende Kraft hinter dem internationalen Expansionstempo des Unternehmens, insbesondere in Asien. Nach dem Zusammenbruch von Wirecard im Jahr 2020, bei dem sich herausstellte, dass angeblich vorhandene 1,9 Milliarden Euro nicht existierten, geriet Marsalek ins Zentrum der Ermittlungen wegen Bilanzbetrugs, Untreue und Betrug. Kurz nach seiner Entlassung tauchte er unter und ist seitdem international zur Fahndung ausgeschrieben. Recherchen mehrerer Medien deuten darauf hin, dass er sich vermutlich in Moskau aufhält und dabei Unterstützung russischer Geheimdienste erhält. Marsalek gilt heute als eine der schillerndsten und umstrittensten Figuren eines der größten Wirtschaftsskandale Europas.

Nach dem Zusammenbruch: Der Neustart

Nach all dem: Warum gründet man wieder? Schäfer sagt:

„Ich glaube, ich kann nicht anders. Das ist in meiner DNA.“

Er und sein Mitgründer kaufen schließlich selbst die IP aus dem insolventen InstaFreight heraus – in einem erneut kompetitiven Bieterprozess. Und starten neu: Cargomotion, ein KI-basiertes Add-on für Transport-Management-Systeme, mit dem Logistikdienstleister automatisch Preise kalkulieren und KI-Bots nutzen können.

Es ist das, was übrig bleibt nach einem unternehmerischen Erdbeben: die Technologie, der Wille weiterzumachen und die Erkenntnis, dass ein Scheitern zwar schmerzhaft ist, aber auch der Anfang für Neues sein kann.

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