Telefonisch erreichbar sein, Termine koordinieren, Laborergebnisse übermitteln – für viele Arztpraxen ist das täglicher Ausnahmezustand. Genau hier setzt Sinalis an. Das Münchner Early-Stage-Startup entwickelt eine KI, die die Patientenkommunikation automatisiert, vor allem am Telefon. Im Videocast Pitch & People erklärt Mitgründer Paul Sachse, wie aus einer Hackathon-Idee ein Healthtech-Startup wurde, das Praxen Zeit verschaffen will.
„Wir übernehmen die Kommunikation mit den PatientInnen am Telefon. Die KI begleitet PatientInnen entlang der gesamten Journey: vom Erstkontakt über die Terminvorbereitung bis hin zur Nachsorge. Anrufe werden gefiltert, relevante Informationen vorab gesammelt und Routine-Calls, etwa zur Übermittlung von Laborwerten, automatisiert durchgeführt. Ziel ist es, medizinisches Personal spürbar zu entlasten und Ärzte besser auf ihre kurzen Termine vorzubereiten.“
Entstanden aus einem Hackathon – ohne Healthcare-Background
Gegründet wurde Sinalis nach einem Hackathon von TUM.ai, dem studentischen KI-Dachverband der Technischen Universität München. Die Teammitglieder lernten sich kurzfristig über Discord kennen, trafen sich erst am Tag des Hackathons persönlich und entschieden sich nach intensiven Diskussionen für den Gesundheitssektor. Keiner der Gründer kam ursprünglich aus dem Healthcare-Bereich. Ausschlaggebend war der Wunsch, ein Produkt mit echtem Impact zu entwickeln. Erste Nutzerinterviews mit ÄrztInnen folgten noch am selben Abend.
Mehrsprachig, natürlich, (fast) menschlich
Ein zentrales Alleinstellungsmerkmal der Sinalis-KI ist ihre Sprachvielfalt. Sie kommuniziert in über 70 Sprachen, unter anderem auf Türkisch, Arabisch, Ukrainisch oder Russisch – ein wichtiger Punkt für Praxen, die regelmäßig mit Sprachbarrieren konfrontiert sind. Laut Interviews mit ÄrztInnen betreffe das rund zehn Prozent der PatientInnen. Das Feedback aus ersten Tests: überraschend positiv. Manche PatientInnen bemerkten gar nicht, dass sie mit einer KI sprechen, andere fragten neugierig nach der Herkunft der Stimme.
Technisch basiert das System auf einer Kombination verschiedener Sprachmodelle für Speech-to-Text und Text-to-Speech. Die eigentliche Stärke liege jedoch im Feintuning: Tonfall, Reaktionslänge und Empathie lassen sich anpassen. Denn während manche PatientInnen eine knappe Kommunikation bevorzugen, wünschen sich andere mehr Einfühlungsvermögen. Genau hier experimentiert das Team derzeit intensiv.
Zwischen Datenschutz und Praxisalltag
Noch befindet sich Sinalis in der Pilotphase. Parallel zur Produktentwicklung arbeitet das Team an Datenschutz- und Regulatorik-Fragen – ein „Dschungel“, wie Sachse es beschreibt. Alle eingesetzten Dienste müssen auf EU-Servern laufen, zudem gilt es klar abzugrenzen, ab wann ein Produkt als Medizinprodukt gilt. Vorerst konzentriert sich Sinalis daher bewusst auf organisatorische Prozesse und verzichtet auf medizinische Empfehlungen.
Ein klares Ziel: mehr Zeit für PatientInnen
Langfristig will Sinalis weit mehr als nur Telefonate automatisieren. Die Vision: eine zentrale Kommunikationsschnittstelle für Arztpraxen und später auch Krankenhäuser. Denkbar sind Anwendungen in der Telemedizin oder die Anbindung externer Devices. Kurzfristig aber geht es um ein sehr konkretes Problem: Zeitmangel. Medizinisches Personal hat im Schnitt nur wenige Minuten pro PatientIn – zu wenig für eine ganzheitliche Behandlung. Durch bessere Vorbereitung und Nachsorge soll sich das ändern.
Finanziert hat sich das Startup bislang aus dem Preisgeld von 10.000 Euro des TUM-ai Hackathons. Aktuell bewerben sich Sachse und seine KollegInnen für Förderprogramme und bereiten sich auf InvestorInnen-Pitches vor. Doch unabhängig von der Finanzierung ist für Sachse eines klar: Der persönliche Antrieb ist der Impact.
„Wenn ich an meine Oma denke, dann merke ich, wie wenig Betreuung sie im medizinischen System bekommt.“
Genau hier will Sinalis ansetzen – mit Technologie, die im Hintergrund arbeitet, damit Menschen im Vordergrund wieder mehr Zeit füreinander haben.