Truly-Gründer Lukas Wimmer und Timo Wagner
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Truly: Fakten statt Lärm in der politischen Debatte

Das Münchner Startup Truly übersetzt populistische Aussagen und verzerrte Narrative in nachvollziehbare Fakten – neutral, verständlich und ohne moralischen Zeigefinger. Ziel der beiden Gründer Timo Wagner und Lukas Wimmer ist eine informierte Meinungsbildung und eine gestärkte Demokratie.

Munich Startup: Was macht Truly? Welches Problem löst ihr?

Timo Wagner, Co-Founder Truly: Truly ist eine App, die populistische Aussagen, zugespitzte Headlines und politische verzerrte Meinungsbilder in überprüfbare Fakten übersetzt. Nicht Finger zeigend. Nicht moralisierend. Sondern nachvollziehbar, transparent und verständlich.

Fakten statt Fingerzeig: politische Inhalte neu erklärt

In einer Zeit, in der Emotionen lauter aus Politiklautsprechern dröhnen als Evidenz, hilft Truly Menschen, wieder eine informierte eigene Meinung zu bilden. Für den privaten Alltag. Für politische Bildung. Für Städte. Und für Medien und Unternehmen. Wir wollen in Fakechecks wieder Leichtigkeit bringen, persönliche Lebenssituationen berücksichtigen und dem Ganzen vor allem auf einem neutralen, unbiased Nährboden aufbauen.

Fakenews verbreiten sich sechsmal schneller als Fakten und 83 Prozent der EuropäerInnen denken, dass Desinformationen unsere Demokratien bedrohen. Genau dort greifen wir an. Wir enttarnen nicht nur Fakenews, sondern sehen uns perspektivisch eher als Democracy OS, eine Plattform zur Demokratiestärkung.

Manipulationscheck mit KI, um kritisches Denken zugänglich zu machen

Munich Startup: Aber das gibt’s doch schon längst!

Timo Wagner: Nicht wirklich. Correctiv bietet beispielsweise einen Faktencheck über WhatsApp an. Vereinzelt gibt es ansonsten Apps, die kurierte Fakenews aufbereiten oder edukativ unterstützen, um Fakenews selbst aufzudecken. Wir fahren einen anderen Ansatz. Wir nutzen Künstliche Intelligenz (KI), um Fakenews zu identifizieren und durch unseren Manipulationscheck zu kategorisieren. Fakenews sind ja keine rhetorischen Zufälle, sondern unterliegen meist bewusst genutzten Manipulationstechniken, welche wir aufdecken und kontextualisieren. Wir bringen Menschen also bei, die Denklogik hinter Aussagen zu verstehen, welche rhetorischen Muster genutzt werden, welche psychologischen Trigger wirken und wo Kontext fehlt oder verzerrt wird.

Truly ist quasi kritisches Denken in zugänglich.

Daneben bieten wir weitere Features wie dynamische generierte Truly Cards, Soft Entries, Location-based Data und demnächst hoffentlich auch eine Youth Version an.

Von Wahlkampf-Beobachtung zur europäischen Antwort

Munich Startup: Was ist eure Gründungsstory?

Timo Wagner: Wir alle haben es in der politischen Wahlsituation gesehen: Die Lautesten gewinnen. Und zwar nicht, weil sie recht haben, sondern weil sie am einfachsten reden und am schnellsten wiederholt werden. Fakten, Kontext, Differenzierung – das bleibt im Hintergrund. Komplexität wird ignoriert. Polarisierung wird belohnt.

Truly entstand aus dieser Beobachtung. Unser ganz konkretes Handlungssprungbrett waren die politischen Neuwahlen im letzten Jahr. Denn dort flog uns all das ins Gesicht. Rechte Stimmen wurden nicht nur laut, sie wurden lauter gemacht. Und Antworten darauf waren zu langsam, zu akademisch, zu sehr die richtigen Worte findend, zu moralisierend.

Wir wollten eine pragmatische Antwort liefern. Eine, die nicht belehrend klingt, sondern wirklich verstanden wird. Eine, die zugänglich ist. Die schneller ist als das nächste Meme. Erst ein CustomGPT, dann Social Media Assets – kleine, einfache Werkzeuge, um Orientierung zu geben, statt nur Meinungen zu wiederholen. Unterstützt wurden wir unter anderem von Leuten, die wirklich Ahnung haben, Aktivisten wie Micha Fritz, ein Mensch, der schon immer für klare Sprache steht. Nach den Wahlen kam die Ernüchterung und für uns die Erkenntnis: jetzt erst recht. Dann ist die Stadt München auf uns aufmerksam geworden und daraus ist in weniger als einer Woche eine eigenständige App als europäische Antwort gegen Fakenews entstanden. Die Basis für alles, was nun folgt.

Vertrauen, Sichtbarkeit und Social-Impact-Skalierung

Munich Startup: Was waren bisher eure größten Herausforderungen?

Timo Wagner: Die größte Herausforderung ist aktuell gar nicht mal technologischer Natur. Die Basis unserer aktuellen App ist innerhalb einer Woche entstanden. Für uns sind Scaling und Sichtbarkeit gerade die vermutlich herausforderndsten Themen. Nach wie vor ist es schwierig, Social-Impact-Startups gleichermaßen zu skalieren wie bspw. normale Tech-Startups. Auf der anderen Seite richtet sich unser Angebot an Zielgruppen wie Bildungseinrichtungen, Institutionen oder städtische Organisationen, bei denen Entscheidungsprozesse etwas länger andauern. Und letztlich ist die für uns wichtigste Währung Vertrauen. Glauben uns NutzerInnen, dass wir neutral und eben nicht politisch gefärbt sind und vertrauen sie generell unserer Anwendung? Vertrauen ist heutzutage keine Selbstverständlichkeit mehr, sondern ein Asset, das man sich wirklich erarbeiten muss.

Vom Klassenzimmer zum Democracy OS

Munich Startup: Wo möchtet ihr in einem Jahr stehen, wo in fünf Jahren?

Timo Wagner: In einem Jahr möchten wir die Go-to-Application gegen Desinformation im deutschsprachigen Raum sein. Etabliert in Bildungseinrichtungen, fester Bestandteil von beispielsweise der Verfassungs-Viertelstunde oder Role-Model im Politikunterricht. Letztlich wollen wir zur Top-of-Mind-Anwendung werden, wenn es darum geht, Lösungen gegen Desinformationen im medialen Kontext zu finden. Schnell verfügbar und in einfacher Sprache.

In fünf Jahren sind wir dann keine Applikation mehr, sondern eine Plattform, ein Democracy OS. Truly wird dann das Zuhause für faktenbasierte öffentliche Debatten. Für Medien, Bildung, Zivilgesellschaft und Unternehmen. Wir haben dann nicht mehr eine KI-Lösung als Large Language Model (LLM), sondern ein lebendiges Agentic-System, das moderiert, kulturelle und lokale Kontexte besser erkennt und im besten Fall eigenständig und in Echtzeit Desinformationen crawlt, identifiziert und kategorisiert.

Munich Startup: Wie habt ihr den Startup-Standort München bisher erlebt?

Timo Wagner: München ist sicherlich einer der Gründungsstandorte, aber vorsichtiger als nötig. Es gibt starke Netzwerke, brillante Köpfe und echtes Interesse an innovativen Lösungen. Bis jetzt wurden wir von ganz tollen Menschen unterstützt. Menschen, die an uns und unsere Mission glauben. Dafür sind wir unfassbar dankbar. Gleichzeitig spürt man eine gewisse Angst vor Haltung. Vor Klartext. Vor Reibung. Vor der Anti-Bürokratie. Und letztlich fehlt immer noch der unkomplizierte Zugang zu Kapital, vor allem für Social-Impact-Startups im Tech-Umfeld.

Munich Startup: Risiko oder Sicherheit?

Timo Wagner: Zukunft braucht Risiko. Und Demokratie braucht Sicherheit. Wir entscheiden uns dennoch für Risiko. Unser Thema ist reibungsintensiv, ein Thema, bei dem es gilt, Haltung auszuhalten. Wenn wir nicht risikobereit sind, überlassen wir das Feld denen, die am lautesten schreien und deren Echo am längsten nachhallt. Und das wäre sicherlich die unsicherste Option.

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