Munich Startup: Was macht euer Startup? Welches Problem löst ihr?
Dr. Robert Macsics, CEO & Co-Founder: Wir entwickeln neue Antibiotika gegen multiresistente Bakterien. Diese entwickeln sich mehr und mehr zu einer echten Bedrohung für unsere Gesellschaft und könnten bis 2050 jährlich zu mehr als acht Millionen Todesfällen weltweit führen. Zusätzlich ist unser gesamtes modernes Gesundheitswesen bedroht, da alle Gesundheitsbereiche von funktionierenden Antibiotika abhängen, beispielsweise bei Transplantationen oder Chemotherapien gegen Krebs. Durch die wachsenden Resistenzen gegen bestehende Antibiotika ist das aber nicht mehr gegeben. Gleichzeitig gab es in den letzten Jahrzehnten kaum innovative Entwicklungen, die neue Antibiotika zutage gefördert haben – umso wichtiger ist es, dass wir mit unseren Ansätzen diesem gefährlichen Trend etwas entgegensetzen.
Munich Startup: Aber das gibt’s doch schon längst!
Robert Macsics: Wir arbeiten ausschließlich an Wirkmechanismen, die sich grundsätzlich von bereits zugelassenen Antibiotika unterscheiden. Auf diese Weise vermeiden wir Kreuzresistenzen und stellen sicher, dass sich Bakterien nicht so einfach an unsere Wirkstoffe anpassen können. Ein besonderer Ansatz, der Smartbax einmalig macht, ist unser Konzept der Enzymaktivierung anstelle von klassischer Inhibtion. Während typische Antibiotika wirken, indem sie einen essentiellen Prozess in den Bakterien abschalten, versuchen wir, das Gegenteil zu erreichen: Wir schauen uns Prozesse an, die in Bakterien sehr streng nach oben hin reguliert sind, und überstimulieren diese, sodass dies bei den Bakterien eine Art Selbstzerstörung auslöst. Dieser unkonventionelle Ansatz bietet eine Reihe von Vorteilen und eröffnet in bestimmten Situation ganz neue Behandlungsoptionen, wo klassische Antibiotika oft versagen.
Ausgründung ohne Vorerfahrung
Munich Startup: Was ist eure Gründungsstory?
Robert Macsics: Das Hintergrundwissen, auf dem Smartbax aufbaut, wurde in vielen Jahren akademischer Forschung an der TU München gewonnen. Mein Doktorvater und Mitgründer Prof. Dr. Stephan Sieber erkannte dabei früh das Anwendungspotential unserer Arbeit und konnte entsprechend mehrere translationale Fördermittel einwerben, mit denen wichtige Schritte hin zu einer Ausgründung gemacht wurden. Das stand damals noch unter dem Projekttitel „aBacter“. Da meine eigene Doktorarbeit im Zusammenhang mit diesen Arbeiten stand, begann ich gegen Ende meiner Promotion, bei „aBacter“ mitzuarbeiten. Genau in dieser Zeit kamen wir mit unserem ersten Investor, dem Boehringer Ingelheim Venture Fund (BIVF), in Kontakt.
Als wir merkten, dass dieser ein ernsthaftes Interesse an einem Investment in unsere Technologie hatte, stand plötzlich das reale Szenario einer Ausgründung im Raum. Ich weiß noch sehr genau, wie grün ich damals hinter den Ohren war, was das Thema Startup-Gründung betraf, ich hatte ja noch nicht mal meine Promotion fertig. Zudem war das gerade zu Beginn der Corona-Pandemie, was alles noch viel komplizierter und unberechenbarer machte. Trotzdem erkannten sowohl Stephan als auch ich die besondere, vielleicht einmalige Gelegenheit, die sich uns in diesem Moment bot, und zusammen mit unserem dritten Mitgründer Marco Janezic, der uns seit jeher als unternehmerischer Berater unterstützt hat, haben wir es dann einfach durchgezogen. Im April 2021 erblickte die Smartbax GmbH dann offiziell das Licht der Welt.
Hohe Entwicklungskosten und skeptische Investoren
Munich Startup: Was waren bisher eure größten Herausforderungen?
Robert Macsics: Die Antibiotika-Entwicklung ist ein Bereich, der seine ganz eigenen ökonomischen Herausforderungen hat. Das hängt damit zusammen, dass den hohen Entwicklungskosten oftmals keine allzu hohen Umsätze entgegenstehen, da Ärzte neuartige Antibiotika in der Regel für die besonders kritischen Fälle zurückhalten, damit sich nicht zu schnell neue Resistenzen ausbilden. Das führt dazu, dass viele große Pharmafirmen das Interesse an der Antibiotikaforschung komplett verloren haben – ein Hauptgrund für die aktuelle Resistenzkrise.
Das wiederum führt für Startups wie uns zu zwei Kernherausforderungen: erstens, ein Produkt zu entwickeln, dass so gut ist und so viel echten Mehrwert bringt, dass es auch in diesem herausfordernden Markt bestehen kann. Durch die außergewöhnlichen Wirkmechanismen, an denen wir arbeiten, fühlen wir uns hier sehr gut aufgestellt. Zweitens, Investoren davon zu überzeugen, dass ein Investment in ein neues Antibiotikum sich tatsächlich auszahlen kann. Hier hat uns extrem geholfen, dass wir von Anfang an mit dem BIVF einen sehr starken und renommierten Ankerinvestor mit strategischer Weitsicht hatten, der unserem Ansatz die nötige Glaubwürdigkeit verliehen hat, um weitere Geldgeber zu akquirieren. Dennoch sind viele Investoren in diesem Bereich eher zurückhaltend, weil ihnen das kommerzielle Risiko eben aktuell zu hoch ist. Zwar bin ich davon überzeugt, dass sich ein Investment in uns auf jeden Fall lohnt, weil sich die Marktbedingungen früher oder später zu unseren Gunsten entwickeln werden, doch braucht es hier dringend politische Initiativen, damit das nicht erst passiert, wenn die Todeszahlen entsprechend hoch sind und es dann eigentlich zu spät ist.
Zuletzt möchte ich anmerken, dass wir neben diesen sehr branchenspezifischen Herausforderungen natürlich auch mit denselben Hürden zu kämpfen hatten, die fast alle Startups in Deutschland umtreiben: überbordende Bürokratie, Überregulierung und mangelnde Risikobereitschaft seitens staatlicher Stellen. Hier müssen wir unbedingt etwas tun, wenn wir international weiter wettbewerbsfähig bleiben wollen.
Auf dem Weg in die klinische Entwicklung
Munich Startup: Wo möchtet ihr in einem Jahr stehen, wo in fünf Jahren?
Robert Macsics: Wir befinden uns mit unserem Frontrunner-Programm aktuell in der Lead-Entwicklung und erwarten, hier in zwei bis drei Jahren bereit für klinische Studien zu sein. Entsprechend wollen wir im kommenden Jahr den Grundstein dafür legen, indem wir die Struktur unseres Entwicklungskandidaten weiter optimieren und seine Wirksamkeit und seinen Mehrwert in Tierstudien ausreichend belegen. In fünf Jahren könnten wir dann, wenn alles gut läuft, gerade am Ende unserer klinischen Phase I stehen und somit den Beginn der Phase II vorbereiten, also den erstmaligen Nachweis der Wirksamkeit am Menschen. Das dürften also ein paar spannende Jahre werden, die uns da bevorstehen.
Munich Startup: Wie habt ihr den Startup-Standort München bisher erlebt?
Robert Macsics: München ist zweifelsohne der beste Standort für Biotechs in Deutschland. Biotech-Startups entstehen ja fast immer aus akademischer Forschung heraus und in München haben wir durch die LMU und TU nicht nur die zwei besten Unis Deutschlands, sondern darüber hinaus noch zahlreiche Forschungsinstitute wie das MPI und das Helmholtz-Zentrum. Dadurch haben wir hier eine unvergleichliche Konzentration an Spitzenforschung und damit auch an entsprechendem Potential für Ausgründungen. Daraus hat sich hier ein herausragendes Ökosystem herausgebildet, von dem wir sehr profitieren. So finden regelmäßig Vernetzungstreffen und Pitching Events statt, sei es durch Bio-M, die UnternehmerTUM, TUM Venture Labs oder andere Organisatoren, durch die man mit potentiellen InvestorInnen in Kontakt kommt und andere GründerInnen kennenlernt, mit denen man sich über gemeinsame Herausforderungen austauschen kann.
Die gute Ausbildungslandschaft und hohe Lebensqualität der Stadt sind darüber hinaus auch ein großer Vorteil bei der Suche nach Fachkräften. Natürlich ist auch in München nicht alles perfekt, aber man hat zumindest das Gefühl, dass die bayerische Landesregierung die Wichtigkeit einer starken Startup-Szene für den Wirtschaftsstandort Deutschland erkannt hat und dementsprechend bemüht ist, auf eine Verbesserung der allgemeinen Standortbedinungen hinzuarbeiten.
Gesellschaftlich wichtig, aber noch ein Biotech-Geheimtipp
Munich Startup: Hidden Champion oder Shooting Star?
Robert Macsics: Da wir uns noch sehr früh in der Produktentwicklung befinden und es schätzungsweise noch mindestens acht Jahre dauern wird, bis eines unserer Antibiotika zugelassen wird, tue ich mich mit beiden Begriffen aktuell noch schwer. Im direkten Vergleich wären wir aber sicher eher der Hidden Champion, da wir in einem wenig bekannten Bereich innerhalb des Biotech-Sektors aktiv sind, was nicht zuletzt an den oben genannten Herausforderungen liegt, während unsere Bemühungen gleichzeitig einen sehr hohen gesamtgesellschaftlichen Wert haben. Je nachdem, wie dramatisch sich die Resistenzkrise in Zukunft noch entwickelt, könnten wir uns aber auch schnell zum Shooting Star mausern, wobei im Sinne der Allgemeinheit eigentlich nicht zu wünschen wäre, dass es so weit kommt.