Munich Startup
Stephen Hawking – nur besser! Wie die Sari-App Menschen mit ALS ihre Sprache zurückgibt

Stephen Hawking – nur besser! Wie die Sari-App Menschen mit ALS ihre Sprache zurückgibt

Kyrill Ring

Kyrill Ring

Was passiert, wenn künstliche Intelligenz nicht nur Prozesse optimiert, sondern existenzielle Lebensrealität verändert? Wenn sie nicht Effizienz steigert, sondern Teilhabe ermöglicht? Im Videocast Pitch & People spricht Jens Wehrmann über ein Projekt, das genau dort ansetzt, wo Technologie zutiefst menschlich wird: bei der Fähigkeit zu sprechen.

24. Februar 2026

PITCH & PEOPLE Folge 22: Sari-App

Was passiert, wenn künstliche Intelligenz nicht nur Prozesse optimiert, sondern existenzielle Lebensrealität verändert? Wenn sie nicht Effizienz steigert, sondern Teilhabe ermöglicht? Im Videocast Pitch & People spricht Jens Wehrmann über ein Projekt, das genau dort ansetzt, wo Technologie zutiefst menschlich wird: bei der Fähigkeit zu sprechen.

medtechStartup

Gemeinsam mit seinem langjährigen Freund Jochen Schwarzmann hat Jens Wehrmann die Sari-App entwickelt. Eine Anwendung, die Menschen mit der Diagnose ALS dabei unterstützt, schneller und natürlicher zu kommunizieren. Entstanden ist die Idee nicht in einem Businessplan, sondern aus einer persönlichen Geschichte heraus.

Von zwei Freunden und einer radikalen Idee

Wehrmann und Schwarzmann kennen sich seit über 25 Jahren. Gemeinsam produzieren sie den Podcast Digitacheles KI, in dem sie seit fünf Jahren über künstliche Intelligenz sprechen, philosophieren und experimentieren. Aus diesen Experimenten entstand eine Idee, die weit über Tech-Spielereien hinausgeht: Menschen, die nicht mehr sprechen können, ihre Kommunikationsfähigkeit zurückzugeben. Jens Wehrmann, Gründer der Mobile Software AG erklärt im Pitch & People Videocast:

„Wir haben diese ganzen Features, die mit KI heute möglich sind in einer App zusammengefügt und haben gesagt, das ist ja eigentlich genau das, was ein Patient braucht.“

ALS: Wenn der Körper verstummt, aber der Geist klar bleibt

ALS, Amyotrophe Lateralsklerose, ist eine degenerative Nervenkrankheit. Die Nerven können die Muskeln nicht mehr ansteuern, die Muskulatur bildet sich zurück. Betroffene verlieren nach und nach die Fähigkeit, ihren Körper zu kontrollieren, inklusive der Artikulation. Die Psyche und die Denkfähigkeit bleiben hingegen unbeeinträchtigt. Der Geist ist klar. Die Gedanken sind da. Nur der Körper macht nicht mehr mit.

In Deutschland leben rund 10.000 Menschen mit ALS. Die Lebenserwartung nach der Diagnose beträgt meist drei bis fünf Jahre. Heilung oder wirksame Behandlungsmöglichkeiten gibt es bislang nicht.

Von Stephen Hawking zur KI-gestützten Kommunikation

Wenn es um ALS geht, fällt fast immer ein Name: Stephen Hawking. Er war der prominenteste Vertreter dieser Krankheit. Gleichzeitig war er ein Ausnahmefall. Während die Lebenserwartung normalerweise nur wenige Jahre beträgt, hatte Hawking eine seltene Form der Erkrankung mit deutlich höherer Lebenserwartung. Auch Jochen Schwarzmann hat diese seltene Verlaufsform.

Technologisch war Hawking seiner Zeit voraus. Dennoch war Kommunikation für ihn extrem mühsam. Pro Eingabe benötigte er etwa eine Sekunde, indem er mit den Augen einen Buchstaben fokussierte und verharrte. Zeichen für Zeichen setzte er Wörter zusammen. Ein normaler Satz dauerte lange. Ein spontanes Gespräch in Alltagsgeschwindigkeit war kaum möglich.

Genau hier setzt Sari an. Nicht bei der grundsätzlichen Möglichkeit zu kommunizieren, sondern bei Geschwindigkeit, Natürlichkeit und Dialogfähigkeit.

Von Buchstaben zu Intentionen

Der heutige Standard bei Kommunikationshilfen sind Geräte mit Augensteuerung, bei denen Buchstabe für Buchstabe ausgewählt wird. Das ist ein enormer Fortschritt und ein wichtiger Rettungsanker im Alltag. Doch es bleibt langsam.

Sari geht einen Schritt weiter. Die App hört im Gespräch mit, versteht den Kontext und erstellt Vorhersagen darüber, was der Nutzer als Nächstes sagen möchte. Aktuell schlägt das System fünf vollständige Sätze vor, aus denen per Augensteuerung gewählt werden kann. Wehrmann fügt an:

„Im Grunde nutzen wir Technologie, um eine Abkürzung zu schaffen, damit Betroffene nicht jeden einzelnen Buchstaben mühsam mit den Augen auswählen müssen.“

Die App entstand innerhalb von rund acht Monaten und ist inzwischen live. Entwickelt wurde sie nicht klassisch mit einem großen Team, sondern mithilfe von KI-Systemen. Ein Rückschlag gehörte dazu. Eine nahezu fertige Version funktionierte im Browser, aber nicht stabil auf dem iPad. Die Konsequenz: alles verwerfen, neu beginnen, andere Programmiersprache. Ein Schritt, der in klassischen Projekten kaum denkbar wäre. In diesem Fall kostete er nur wenige Tage. Für Wehrmann ist das mehr als eine technische Erkenntnis. Es ist ein Perspektivwechsel im Umgang mit Innovation.

Ein Moment der alles sagt

Wie reagiert ein Mensch mit ALS, wenn er die App zum ersten Mal nutzt und plötzlich wieder an einer Unterhaltung teilnehmen kann?

„Die erste Reaktion, die ich mitbekommen habe, war Lachen. Einfach nur Lachen. Ein tiefes, inneres Lachen. Eine Mischung aus Freude, Ungläubigkeit und Rührung.“

Aktuell ist Sari ein vollständiges Pro-Bono-Projekt. Rund 100 Menschen nutzen die App im frühen Stadium. Viele testen sie, geben Feedback, bringen neue Perspektiven ein. Der Austausch mit NeurologInnen, ALS-Ambulanzen und weiteren Akteuren im Umfeld der Erkrankung ist eng. Ein klassisches Geschäftsmodell existiert noch nicht. Im Fokus steht die Funktion und die Wirkung.

Für ihr Engagement wurden Wehrmann und Schwarzmann mit dem Hertie-Preis für Engagement und Selbsthilfe ausgezeichnet.

Mehr davon

Passende Beiträge zum Weiterlesen

ESA Space Investor Forum in München: Vyoma und Talos planen Satellitenausbau
Ökosystem

ESA Space Investor Forum in München: Vyoma und Talos planen Satellitenausbau

30.10.26
6 Min.
Münchner Fusions-Startups bauen Partnerschaften mit Japan aus
Deals

Münchner Fusions-Startups bauen Partnerschaften mit Japan aus

30.10.26
3 Min.
Depotcharge: Ungenutzte Ladepunkte für E-Lkw öffnen
Interviews

Depotcharge: Ungenutzte Ladepunkte für E-Lkw öffnen

30.10.26
6 Min.
Münchner Gründerpreis 2026 geht an On7, Mybacs und Julius Brantner
Ökosystem

Münchner Gründerpreis 2026 geht an On7, Mybacs und Julius Brantner

29.10.26
3 Min.
Tendos erhält 12 Millionen Euro für KI im Baustoffvertrieb
Deals

Tendos erhält 12 Millionen Euro für KI im Baustoffvertrieb

29.10.26
2 Min.
Egym: Von einer Handvoll Leute zum globalen Unicorn
Interviews

Egym: Von einer Handvoll Leute zum globalen Unicorn

29.10.26
5 Min.
Mit Munich Startup zur SXSW 2027
Ökosystem

Mit Munich Startup zur SXSW 2027

28.10.26
2 Min.
Qwello erhält bis zu 55 Millionen Euro Wachstumskapital
Deals

Qwello erhält bis zu 55 Millionen Euro Wachstumskapital

28.10.26
3 Min.
Start Munich: Wir formen Europas nächste Gründergeneration
Podcast

Start Munich: Wir formen Europas nächste Gründergeneration

28.10.26
Nvidia plant Investments in Agile Robots und Avelios Medical
Deals

Nvidia plant Investments in Agile Robots und Avelios Medical

27.10.26
3 Min.
Microagi: Keine eigenen Roboter, aber 55 Millionen Dollar
Inside Stories

Microagi: Keine eigenen Roboter, aber 55 Millionen Dollar

27.10.26
7 Min.
Waldbrandschäden in 24 Stunden erkennen: Ororatech und Iceye bündeln Kräfte
Deals

Waldbrandschäden in 24 Stunden erkennen: Ororatech und Iceye bündeln Kräfte

26.10.26
4 Min.

Pitch & People — Der Munich Startup Podcast schaut auf die Menschen und ihre Geschichten hinter den Business-Plänen. Auf große Herausforderungen, mutige Entscheidungen, herbe Rückschläge und Visionen für die Zukunft.

Wir lassen ausgewählte Player aus dem Münchner Ökosystem zu Wort kommen. Neben einem Elevator-Pitch sprechen GründerInnen, InvestorInnen und ExpertInnen zu unterschiedlichsten Themen aus der Startup-Welt. Präsentiert wird der Podcast von Bernd Heppel und Kyrill Ring aus der Munich Startup Redaktion.

Zwei Personen im Pitch & People Podcast-Studio vor dem leuchtenden Podcast-Logo