Gemeinsam mit seinem langjährigen Freund Jochen Schwarzmann hat Jens Wehrmann die Sari-App entwickelt. Eine Anwendung, die Menschen mit der Diagnose ALS dabei unterstützt, schneller und natürlicher zu kommunizieren. Entstanden ist die Idee nicht in einem Businessplan, sondern aus einer persönlichen Geschichte heraus.
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Von zwei Freunden und einer radikalen Idee
Wehrmann und Schwarzmann kennen sich seit über 25 Jahren. Gemeinsam produzieren sie den Podcast Digitacheles KI, in dem sie seit fünf Jahren über künstliche Intelligenz sprechen, philosophieren und experimentieren. Aus diesen Experimenten entstand eine Idee, die weit über Tech-Spielereien hinausgeht: Menschen, die nicht mehr sprechen können, ihre Kommunikationsfähigkeit zurückzugeben. Jens Wehrmann, Gründer der Mobile Software AG erklärt im Pitch & People Videocast:
„Wir haben diese ganzen Features, die mit KI heute möglich sind in einer App zusammengefügt und haben gesagt, das ist ja eigentlich genau das, was ein Patient braucht.“
ALS: Wenn der Körper verstummt, aber der Geist klar bleibt
ALS, Amyotrophe Lateralsklerose, ist eine degenerative Nervenkrankheit. Die Nerven können die Muskeln nicht mehr ansteuern, die Muskulatur bildet sich zurück. Betroffene verlieren nach und nach die Fähigkeit, ihren Körper zu kontrollieren, inklusive der Artikulation. Die Psyche und die Denkfähigkeit bleiben hingegen unbeeinträchtigt. Der Geist ist klar. Die Gedanken sind da. Nur der Körper macht nicht mehr mit.
In Deutschland leben rund 10.000 Menschen mit ALS. Die Lebenserwartung nach der Diagnose beträgt meist drei bis fünf Jahre. Heilung oder wirksame Behandlungsmöglichkeiten gibt es bislang nicht.
Von Stephen Hawking zur KI-gestützten Kommunikation
Wenn es um ALS geht, fällt fast immer ein Name: Stephen Hawking. Er war der prominenteste Vertreter dieser Krankheit. Gleichzeitig war er ein Ausnahmefall. Während die Lebenserwartung normalerweise nur wenige Jahre beträgt, hatte Hawking eine seltene Form der Erkrankung mit deutlich höherer Lebenserwartung. Auch Jochen Schwarzmann hat diese seltene Verlaufsform.
Technologisch war Hawking seiner Zeit voraus. Dennoch war Kommunikation für ihn extrem mühsam. Pro Eingabe benötigte er etwa eine Sekunde, indem er mit den Augen einen Buchstaben fokussierte und verharrte. Zeichen für Zeichen setzte er Wörter zusammen. Ein normaler Satz dauerte lange. Ein spontanes Gespräch in Alltagsgeschwindigkeit war kaum möglich.
Genau hier setzt Sari an. Nicht bei der grundsätzlichen Möglichkeit zu kommunizieren, sondern bei Geschwindigkeit, Natürlichkeit und Dialogfähigkeit.
Von Buchstaben zu Intentionen
Der heutige Standard bei Kommunikationshilfen sind Geräte mit Augensteuerung, bei denen Buchstabe für Buchstabe ausgewählt wird. Das ist ein enormer Fortschritt und ein wichtiger Rettungsanker im Alltag. Doch es bleibt langsam.
Sari geht einen Schritt weiter. Die App hört im Gespräch mit, versteht den Kontext und erstellt Vorhersagen darüber, was der Nutzer als Nächstes sagen möchte. Aktuell schlägt das System fünf vollständige Sätze vor, aus denen per Augensteuerung gewählt werden kann. Wehrmann fügt an:
„Im Grunde nutzen wir Technologie, um eine Abkürzung zu schaffen, damit Betroffene nicht jeden einzelnen Buchstaben mühsam mit den Augen auswählen müssen.“
Die App entstand innerhalb von rund acht Monaten und ist inzwischen live. Entwickelt wurde sie nicht klassisch mit einem großen Team, sondern mithilfe von KI-Systemen. Ein Rückschlag gehörte dazu. Eine nahezu fertige Version funktionierte im Browser, aber nicht stabil auf dem iPad. Die Konsequenz: alles verwerfen, neu beginnen, andere Programmiersprache. Ein Schritt, der in klassischen Projekten kaum denkbar wäre. In diesem Fall kostete er nur wenige Tage. Für Wehrmann ist das mehr als eine technische Erkenntnis. Es ist ein Perspektivwechsel im Umgang mit Innovation.
Ein Moment der alles sagt
Wie reagiert ein Mensch mit ALS, wenn er die App zum ersten Mal nutzt und plötzlich wieder an einer Unterhaltung teilnehmen kann?
„Die erste Reaktion, die ich mitbekommen habe, war Lachen. Einfach nur Lachen. Ein tiefes, inneres Lachen. Eine Mischung aus Freude, Ungläubigkeit und Rührung.“
Aktuell ist Sari ein vollständiges Pro-Bono-Projekt. Rund 100 Menschen nutzen die App im frühen Stadium. Viele testen sie, geben Feedback, bringen neue Perspektiven ein. Der Austausch mit NeurologInnen, ALS-Ambulanzen und weiteren Akteuren im Umfeld der Erkrankung ist eng. Ein klassisches Geschäftsmodell existiert noch nicht. Im Fokus steht die Funktion und die Wirkung.
Für ihr Engagement wurden Wehrmann und Schwarzmann mit dem Hertie-Preis für Engagement und Selbsthilfe ausgezeichnet.