„Ich glaube, wirklich jeder aus unserer Generation kennt das: Man nimmt kurz das Handy in die Hand, will nur schnell etwas checken – und plötzlich ist eine Stunde oder mehr vergangen und man fragt sich, wo die Zeit geblieben ist.“
Für Saskia Teufel, Gründerin von 8pm Social, ist dieses Gefühl kein Einzelfall, sondern Symptom eines Systems, wie sie Munich Startup im Videocast Pitch & People erzählt. Social Media, so wie es heute funktioniert, ist darauf ausgelegt, Aufmerksamkeit möglichst lange zu binden.
Die großen Plattformen haben das perfektioniert. Inhalte werden algorithmisch so ausgespielt, dass NutzerInnen immer weiter scrollen. Der ursprüngliche Gedanke, sich mit FreundInnen zu vernetzen, tritt dabei immer stärker in den Hintergrund.
„Früher hat man sich Social Media heruntergeladen, um zu sehen, was die eigenen Freunde machen – heute ist es eigentlich eher personalisiertes Fernsehen“,
sagt Teufel.
Gleichzeitig wächst die Kritik – politisch, gesellschaftlich und wissenschaftlich. Studien zeigen negative Auswirkungen, insbesondere auf junge Menschen. Für die Gründerin von 8pm ist das ein klarer Auftrag: Social Media muss neu gedacht werden.
Neue Brisanz: Wenn Sucht zum juristischen Thema wird
Die Debatte hat zuletzt eine neue Dimension erreicht: In den USA wurde erstmals gerichtlich festgestellt, dass große Plattformen wie Facebook, Instagram oder YouTube ihre Produkte so gestalten, dass sie süchtig machen können. In einem viel beachteten Verfahren kamen Geschworene zu dem Schluss, dass Unternehmen wie Meta und Google NutzerInnen nicht ausreichend über Risiken informiert haben und ihre Dienste bewusst suchtfördernd konzipiert sind – etwa durch Mechanismen wie endloses Scrollen.
Der Fall gilt als richtungsweisend, auch weil zahlreiche weitere Klagen folgen könnten. Für Teufel bestätigt sich damit, was viele längst intuitiv spüren: Dass hinter der Nutzung kein Zufall steckt, sondern ein System, das gezielt auf maximale Aufmerksamkeit ausgelegt ist.
8pm: Ein radikaler Gegenentwurf
Mit ihrem Startup verfolgt Teufel genau diesen Ansatz. 8pm soll kein weiteres Netzwerk sein, das um maximale Bildschirmzeit kämpft – sondern eines, das bewusst genutzt wird.
Das zentrale Element: Der Feed aktualisiert sich nur einmal täglich, um 20 Uhr. NutzerInnen können über den Tag hinweg Inhalte sammeln und hochladen, die dann gebündelt erscheinen.
„Man kann sich anschauen, was Freunde oder der Lieblingscreator gemacht haben – und danach das Handy wieder weglegen und sich auf das echte Leben konzentrieren“.
Die Idee dahinter ist bewusst simpel und gerade deshalb wirkungsvoll. Statt Regulierung setzt 8pm auf Produktdesign. Die Plattform selbst soll dafür sorgen, dass exzessive Nutzung gar nicht erst entsteht.
Zurück zu echten Beziehungen
Ein weiterer Unterschied: 8pm will den Fokus wieder auf reale soziale Verbindungen legen. Während aktuelle Plattformen vor allem interessensbasierte Inhalte ausspielen, setzt das Startup auf Freundschaften und persönliche Netzwerke.
„Wir optimieren nicht auf möglichst viel Zeit auf der Plattform, sondern auf Relevanz. Es geht nicht darum, dir immer neue Inhalte vorzuschlagen, sondern dir das zu zeigen, was für dich wirklich am wichtigsten ist“.
Dazu kommt ein bewusst gestaltetes Profil, das mehr ist als eine Sammlung von Posts. NutzerInnen können sich umfassender darstellen, Verbindungen zu anderen Plattformen herstellen und Inhalte gezielter teilen. Gleichzeitig setzt das Team auf Verifizierung, um echte NutzerInnen sicherzustellen und KI-generierte Inhalte möglichst zu vermeiden.
Das Ziel: weniger Konsum, mehr Austausch. Oder, wie Teufel es formuliert:
„Weniger scrollen, mehr echte Verbindungen und vor allem wieder mehr Erlebnisse im echten Leben.“
Saskia Teufel ist Gründerin von 8pm Social mit dem Ziel, Social Media wieder social zu machen.
Aufgewachsen in einem kleinen Dorf, sammelte sie früh vielseitige Erfahrungen – von Nebenjobs bis hin zur eigenen Tierschutzinitiative. Nach ihrem BWL-Studium in Weingarten übernahm sie mit 19 Jahren die Leitung der studentischen Unternehmensberatung, arbeitete später in der Strategieberatung und initiierte eine Startup-Initiative an ihrer Hochschule. Nach Stationen in einem Deeptech-Startup, verschiedenen Projekten und einem Auslandsaufenthalt setzt sie heute voll auf ihr eigenes Unternehmen.
Mit 8pm Social entwickelt sie ein europäisches Netzwerk ohne Algorithmus und Endless Scrolling, dafür mit Fokus auf echte soziale Interaktion.
Mehr als eine App: Community als Schlüssel
Für 8pm endet Social Media nicht im digitalen Raum. Die Plattform ist nur ein Teil eines größeren Konzepts, das stark auf Community setzt.
„Eine App kann schnell entstehen und genauso schnell wieder verschwinden. Was langfristig zählt, ist die Community dahinter“,
so Teufel.
Genau deshalb denkt das Startup von Anfang an über Events, reale Treffen und eine langfristige Bindung der NutzerInnen nach.
Die Ambition ist groß: 8pm soll kein Nischenprodukt bleiben, sondern ein Massenprodukt werden – zunächst im DACH-Raum, später international. Gleichzeitig ist dem Team bewusst, wie schwierig dieser Weg ist.
Denn am Ende entscheidet vor allem eines: ob die ersten NutzerInnen bleiben.
„Die Zeit rund um den Launch am 10. Juni und die Wochen danach werden entscheidend sein, ob wir es schaffen, Aufmerksamkeit zu gewinnen und vor allem zu zeigen, dass die Menschen die App wirklich nutzen und immer wieder zurückkommen.“
Fest steht: Der Bedarf nach Alternativen wächst. Und mit 8pm tritt ein Startup an, das nicht weniger will, als das Grundprinzip von Social Media neu zu definieren.