Das Internet der Dinge – besser München oder Berlin? Ein Interview mit ComfyLight

Das Internet der Dinge – besser München oder Berlin? Ein Interview mit ComfyLight

Was das Internet der Dinge ist, wie aktiv Münchner Startups in dem Bereich tätig sind und wo die IoT-Trends hingehen — darüber hatten wir erst kürzlich berichtet. Mit Marcus Köhler, Gründer und CEO des Münchner Startups ComfyLight, haben wir uns ausführlich zum Thema unterhalten.

Marcus, welche Bedeutung hat das Internet der Dinge aus deiner Sicht?

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Marcus Köhler und Stefanie Turber, die beiden Gründer des Münchner  Home Security Startups ComfyLight ©ComfyLight

Das Internet of Things (IoT) wird unser Leben deutlich mehr beeinflussen als das traditionelle Internet — schon deshalb, weil es bereits heute mehr Geräte miteinander vernetzt, als es Menschen auf der Erde gibt. Jedoch erwarte ich keine sprunghafte Entwicklung in den nächsten zwei bis drei Jahren.

Der Kühlschrank, der die Milch bestellt

Sondern?

Ein Vergleich mit dem Internet scheint geeignet. So wie damals jede TV-Werbung mit einer URL schloss und jeder dachte, wir würden bald regelmäßig auf „www.seramis.de“ surfen. Und so wie damals Millionen im „Neuen Markt“ versenkt wurden und alle in Unternehmen investierten, bei denen man Online Lotto spielen konnte. Genau so dachte beim „Internet der Dinge“ bis vor kurzem jeder, dass der Kühlschrank, der seine Produkte selbst nachbestellt und somit Einkäufe überflüssig macht, der nächste große Wurf wird.

In Bezug auf das Internet wissen wir jedoch rückblickend, dass sich weder die Firmenwebsite von Seramis, noch die Online-Lottoanbieter zum Kerngeschäft entwickelt haben. Im Gegenteil: Es hat viele Jahre gedauert, bis sich nach dem Hype um die Jahrtausendwende immer mehr sinnvolle Anwendungsszenarien entwickelt haben und die Technologie massentauglich wurde. So dauerte es z.B. weitere acht Jahre, bis sich Airbnb entwickelte und erste Nutzer Wohnungen untereinander teilten. Und es dauerte sogar bis 2012, bis jeder zweite Haushalt in Deutschland über DSL verfügte und somit der Einkauf bei Amazon in erträglicher Zeit realisiert werden konnte.

Was leitest Du daraus für den Bereich Internet der Dinge ab?

So vielversprechend es ist, Geräte miteinander zu vernetzen und so, z.B. bei Smart Homes, das Zuhause sicherer, komfortabler und energiesparender zu gestalten, genau so viel Zeit wird es benötigen, bis die heutigen Ansätze massentauglich sind.

Wir sehen erste beeindruckende Szenarien: Amazon Alexa bietet seit über einem Jahr die Sprachsteuerung überall im Zuhause an, Nest Thermostate regeln die Temperatur in meinem Zuhause vollautomatisch, und die Kameras von Smartfrog bieten eine zuverlässige Überwachung meiner Wohnung. Hier anzusetzen, und weiterzudenken — das wird die große Herausforderung für die nächsten Jahre.

München oder Berlin?

Und wie stark ist der Bereich IoT oder Industrie 4.0 in München?

Gemeinsam mit Berlin bildet München im Bereich SmartHome die relevanten Standorte in Deutschland ab. Während sich seitens der großen Spieler in München Amazon & Google als etablierte Player tummeln, sehen wir die Deutsche Telekom in Berlin.

Und welchen Part leisten Startups?

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© ComfyLight

Seitens der Startups punktet München mit der intelligenter Heizungssteuerung von tado, ferngesteuerten iOS-Steckdosen von Parce, sensorgetriebenen LED-Lampen von ComfyLight, Scannerhandschuhen von ProGlove, 3D-Karten von NavVis, und IoT-Fitnessgeräten von eGym. Berlin hingegen bietet designgetriebene SmartHome-Lösungen von senic, bezahlbare Sicherheitskameras von SmartFrog, und IoT-Plattformen von relayr.

Kurzum: Jeder, der vorhat, in Deutschland das Thema IoT voran zu treiben, sollte sich auf diese beiden Städte fokussieren (und wird die entsprechende ICE-Linie München-Berlin schätzen).

Wie bringt IoT in der Industrie oder im Privatleben einen Umbruch?

Das Internet hat im Berufs- und Privatleben vor allem dadurch einen Umbruch bewegt, dass viele Bereiche, die vorher durch Zettel, Stift, und Briefträger gekennzeichnet waren, jetzt digital und innerhalb von Sekunden realisiert sind. Die Bestellung von 10.000 Glühlampen beim Geschäftspartner geht heute genauso schnell wie das Ordnern eines Buches auf Amazon. Bei all diesen Vorgängen ist es jedoch der Mensch, der den Prozess bewusst vor einem Bildschirm anstößt.

Das Internet der Dinge hingegen vernetzt nicht Menschen direkt, sondern Menschen mit Maschinen, und Maschinen untereinander. Dies führt zu Anwendungsszenarien, die sich viel natürlicher anfühlen und nahtlos in den Alltag einfügen.

Was Sprachsteuerung verändern wird

Kannst Du dafür Beispiele nennen?

Zwei gute Beispiele im Bereich Einkauf sind die Sprachsteuerung von Amazon Alexa und die intelligente Nachbestellung von Intellion. Mit Alexa kann ich seit neustem jederzeit durch natürliche Sprache bei deliveroo meinen Lieblingssalat bestellen. Anstatt umständlich den Rechner zu starten, oder meine Handyapp zu suchen, reichen wenige Sätze, um die Order zu tätigen. Genauso verhält es sich mit den Schraubenkästen von Intellion. Sobald eine Hälfte des geteilten Kastens leer ist, und der Werkstattarbeiter sie dreht, um die volle Seite zu erreichen, wird im Hintergrund eine Order für neue Schrauben ausgelöst. Ebenfalls vollautomatisch und ohne Eingreifen des Nutzers.

Und was ist aus Deiner Sicht gerade das „heiße“ Thema im Bereich IoT?

Mich persönlich begeistert die Frage, wie sich die Interaktion mit dem Nutzer in den nächsten Jahren weiter verändern wird. Es mehren sich bereits Stimmen, die das Ende von Touchscreens und Apps, sowie deren Verdrängung durch andere Eingabemethoden vorhersagen. Genauso unvorstellbar wie Touchscreens und Apps vor zehn Jahren schienen, genauso unvorstellbar scheint dieser Ansatz.

Mit Sprachsteuerung sehen wir einen ersten Ansatz. Jedoch stehen wir auch hier noch am Anfang, da der Nutzer sich nicht hunderte von Sprachbefehlen merken wird. Außerdem ist die derzeitige Guidance des Nutzers noch sehr schwierig. Ein System, das auf Basis seiner Beobachtungen und meiner Umgebung passende Vorschläge macht, also selbst einen zielführenden Dialog beginnt, könnte ein Lösungsansatz sein.

Lehnen wir uns also zurück und freuen uns auf den Tag, an dem wir gefragt werden, ob wir einen Salat bestellen möchten.

Danke Dir, Marcus, für das Interview! Wir sind gespannt, wohin sich IoT entwickelt.

Ein Artikel von

Munich Startup

Munich Startup ist das offizielle Startup Portal für München und die Region, das von der Landeshauptstadt München entwickelt wurde. Mitinitiatoren bzw. Kooperationspartner sind die UnternehmerTUM, das Entrepreneurship Center der LMU, das Strascheg Center for Entrepreneurship (SCE) und die IHK für München und Oberbayern. Träger ist die Münchner Gewerbehof- und Technologiezentrum GmbH (MGH).

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