Helfer oder Selbstdarsteller — Wie sozial sind Social Startups?

Die Gründerszene gibt sich gerne progressiv und sozial engagiert — man spricht über Diversity, Impact, Nachhaltigkeit und Empowerment. Doch Kritiker werfen Startups vor, hinter ihrer sozialen Ader stecke nichts als Selbstvermarktung. Ein Kommentar.

Im Juni nächsten Jahres soll die große Demokratie-Sause im Berliner Olympiastadion stattfinden. Das Kondom-Startup Einhorn, Luisa Neubauer von Fridays for Future und die Moderatorin und Buchautorin Charlotte Roche laden zur „größten BürgerInnenversammlung Deutschlands“. Bis zu 90.000 „Weltbürger*innen, die genau das Gleiche wollen“ sollen sich treffen und dabei möglichst viele Petitionen unterschreiben. Das Ticket kostet 29,99 Euro auf der Crowdfunding-Plattform Startnext.

Die Kritik ließ nicht lange auf sich warten: Wie vertragen sich der hohe Eintrittspreis mit dem Versprechen, dass alle mitmachen sollen? Deutet es nicht auf ein gruseliges Demokratieverständnis hin, dass alle „genau das Gleiche“ wollen sollen? Ist ein Stadion überhaupt der richtige Ort für eine Diskussion? Und dann ausgerechnet noch das Berliner Olympiastadion mit seiner Vergangenheit und Nazi-Bombast-Architektur? Dazu der Vorwurf, das Startup Einhorn nutze die Klimaproteste nur für sein eigenes Marketing.

Founders for Future

Die Olympiastadion-Aktion ist Teil eines größeren Trends: Startups wollen nicht nur Geld verdienen, sondern auch etwas zum Guten verändern. So überraschte es kaum, dass die vergangene Ausgabe der Münchner Startup-Konferenz Bits & Pretzels unter dem Motto ‚Impact‘ stand — man will etwas bewegen.

Im Gegensatz zum ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama stand die Galionsfigur der Klimaproteste Greta Thunberg nicht selbst auf der Bühne und war doch präsent. Obama würdigte die Arbeit der jungen Schwedin und auch die Veranstalter der Bits & Pretzels zeigten bei ihrer Eröffnungsrede ein Foto von Thunberg. Sie plädierten für eine neue Bewegung: „Founders for Future“.

Trotz aller Bekenntnisse zum positiven ‚Impact‘ geht es den Veranstaltern natürlich vor allem darum, dass ihr Startup-Festival erfolgreich ist. Auch die Gründer im zahlenden Publikum wollen am Ende des Tages Geld verdienen. Wie geht das zusammen: unternehmerische Motive und Weltrettung? Kritiker etwa bei ‚Spiegel Online‘ werfen der auf der Bits & Pretzels versammelten Startup-Szene vor, politische Proteste für ihre Profitinteressen zu instrumentalisieren: „Kasse machen mit Greta“.

Böhmermann: Macht Eure Social Startups dicht

Kritische Worte für die Gründerszene hatte auch Jan Böhmermann im vergangenen Jahr. Damals nutzte der ZDF-Komiker seine Rede auf der Bits & Pretzels für einen Abgesang auf das Unternehmertum: In der Wirtschaft gäbe es nichts zu holen außer Geld. Wer etwas bewegen will, wäre doch besser in der Kommunal- oder Landespolitik aufgehoben oder zumindest „irgendwo, wo man seine Wünsche und Träume verwirklichen kann, ohne dem Diktat der Gewinnmaximierung unterworfen zu sein“. Kürzlich legte Böhmermann auf Twitter nach:

Social Startups dicht machen, Schluss mit Profit! Böhmermann sagt allerdings nicht, wie Leute, denen es um Umwelt, Gesellschaft, Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit geht, ihr Leben und ihre Arbeit finanzieren sollen. Geschweige denn, wie das Geld erwirtschaftet werden soll, das dann in gemeinnützige Zwecke fließt.

Auch die Vereinten Nationen setzen auf Social Startups

Das von Böhmermann angegriffene ‚Social Entrepreneurship‘ vereint zweierlei: Auf der einen Seite das Unternehmertum, das sich immer daran orientieren muss, Geld zu verdienen. Auf der anderen Seite der gute Zweck. Im teutonischen Denken werden diese beiden Aspekte häufig für Gegensätze gehalten, denn der Wunsch, Geld zu verdienen — bei Böhmermann „Gewinnmaximierungsantrieb“ — ist vielen Deutschen per se verdächtig. Was dabei übersehen wird: Ein privates Unternehmen kann anders an Dinge herangehen als etwa ein gemeinnütziger Verein.

Unternehmen haben ungleich größere Ressourcen als Vereine oder andere wohltätige Organisationen. Ein Team, das sich hauptberuflich mit einem Thema auseinandersetzt, ist deutlich effektiver als ein Heer von Freiwilligen, die auch noch für ihren Lebensunterhalt sorgen müssen.

Zusätzlich haben Unternehmen und UnternehmerInnen dem Ehrenamt eines voraus: Einen unbedingten Fokus auf das zu bearbeitende Problem. Startups müssen liefern — oder schließen. Geldgeber, Förderer und das Ökosystem sind extrem ungeduldig und wollen Fortschritte sehen. Wer dagegen einmal in einem zivilgesellschaftlichen Verein engagiert war, weiß, dass hier vor allem Geduld gefragt ist. Aus Motivation wird schnell Frust, wenn nichts vorangeht.

Wer für soziale UnternehmerInnen nur Spott übrig hat, kennt die erfolgreiche Arbeit von Startups wie Social Bee, der Social Entrepreneurship Akademie und dem Social Entrepreneurship Netzwerk Deutschland nicht — oder interessiert sich nicht wirklich für das Thema. Auch das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen betreibt einen Startup-Accelerator, um die die disruptive Kraft von UnternehmerInnen im Kampf gegen den Hunger zu nutzen.

Lasst Greta aus dem Spiel

An einem anderen Punkt haben die Kritiker sozialer Startups aber womöglich recht: Startup-Kultur und der Szene-Habitus beißen sich bisweilen mit dem, was wir unter zivilgesellschaftlichem Engagement verstehen. So wirkt der stets optimistische, ungeduldige und dauerüberdrehte Entrepreneur auf manchen Außenstehenden befremdlich, wenn es um ernsthafte Themen geht.

Manchmal ist es auch schlicht eine Frage des Fingerspitzengefühls: Natürlich ist es im Sinne des Social Entrepreneurship, auch Themen wie Umweltbelastung oder soziale Ungerechtigkeiten als ganz gewöhnliche Probleme zu betrachten, die es zu lösen gilt. Es kann auch helfen, jenseits üblicher Wege zu denken. Die Idee, demokratische Partizipation als Stadion-Event neu zu erfinden, hätte man jedoch vielleicht noch einmal überdenken sollen.

Auch ist es okay, in einem Pitch auf die Überzeugungskraft von Emotionen zu setzen. Im Verkaufsvideo für die nicht ganz günstigen BürgerInnenversammlungstickets sollten sich die ProtagonistInnen womöglich aber nicht ständig selbst versichern, dass sie Gänsehaut ob der Großartigkeit der eigenen Idee bekommen.

Das unfassbar erfolgreiche Agenda Setting von Fridays for Future ist selbstverständlich ein Best-Practice-Fall für Marketing-Profis. Aber wir wollen Greta bitte dennoch in keinem Pitchdeck mehr sehen.

Update: Die InitiatorInnen der Veranstaltung im Berliner Olympiastadion haben zur geäußerten Kritik Stellung bezogen. Ihre Replik lässt sich hier nachlesen.

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