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Mobilität in Städten der Zukunft – Ein Interview mit Parkhere und Veomo

Mobilität schafft Lebensqualität. Sie ist die Voraussetzung für Wirtschaftswachstum, Handel und Kreativität, aber auch persönliches Wohlbefinden — das zeigt uns die aktuelle Corona-Krise. Mobilität eröffnet Chancen, für die individuelle Beförderung genauso wie für das Gemeinwesen als Ganzes. Es gibt viele Unternehmen, die verschiedene Ansätze von Mobilität verfolgen.

Dazu gehören auch die beiden in München ansässigen Startups Veomo, das mit einer Visualisierungssoftware Zugang zu Mobilitätsinformationen schafft, und Parkhere, das sich auf nachhaltige und effiziente Parkraum-Lösungen mit Hard- und Software spezialisiert hat. Wie die sogenannte Multimodalität und eine effiziente Bewirtschaftung von Parkplätzen zusammen für eine nachhaltige Mobilität sorgen, erzählen uns Veomo-Gründer Dominik Radic und Parkhere-CEO Felix Harteneck. Im Interview sprechen wir über aktuelle Trends und die Zukunft der Mobilität. 

Munich Startup: Felix, Dominik, Ihr beschäftigt Euch seit Jahren intensiv mit Themen rund um Mobilität. Was sind Eurer Meinung nach die größten Pain Points in Bezug auf den städtischen Individualverkehr?

Parkhere-CEO Felix Harteneck

Felix Harteneck: Gerade im urbanen Raum haben viele Menschen mit Stau, steigenden Emissionen und einer großen Parkplatznot aufgrund von Platzmangel und steigender Anzahl an Automobilen zu kämpfen. Viele Städte führen deswegen radikale Maßnahmen wie die autofreie Innenstadt ein. Damit setzen sie neue Rahmenbedingungen, die sich häufig an den Individualverkehr richten. Gleichzeitig steigen natürlich die Anforderungen der Bürgerinnen und Bürger für eine möglichst hohe Mobilität bei gleichbleibender Flexibilität. 

Wie nützen neue Mobilitätsformen?

Dominik Radic: Um diese Flexibilität zu garantieren und den Individualverkehr nachhaltig zu reduzieren wurden neue Mobilitätsformen wie beispielsweise Carsharing oder Scootersharing zugelassen, die eine eigene Regelung für die Parkraumnutzung haben. Die Städte investieren in den Ausbau von stationsbasierten Bikesharing-Diensten oder in Mobilitätsstationen und erschließt so immer mehr Gebiete. Nachdem in jüngster Zeit einige Sharing-Dienste insolvent gegangen sind, steigt jedoch die Meinung, Städte hätten den Sharing-Diensten nicht die notwendige Priorität gegeben.

Munich Startup: Immer mehr Menschen wohnen in den Städten. Lässt sich durch Sharingkonzepte verhindern, dass der Verkehr kollabiert?

Felix Harteneck: Ich denke, dass sich der Individualverkehr verändert und an die Herausforderung einerseits und die Bedürfnisse der heutigen Gesellschaft andererseits angepasst werden muss. Der Individualverkehr wird auch in Zukunft eine sehr wichtig Rolle spielen. Jedoch ist fraglich, ob jeder alleine in seinem Auto sitzen und ob jeder das Auto überhaupt noch besitzen muss. Dabei sehe ich gerade Unternehmen in der Verantwortung zu handeln. Schließlich bestreiten immer noch 68 Prozent den Weg zur Arbeit mit dem Auto — und dann häufig auch noch alleine.

Munich Startup: Dominik, abseits von München — welche Städte zeigen Deiner Meinung nach zukunftsweisende Ansätze für Mobilität?

Veomo-Gründer Dominik Radic

Dominik Radic: Die Stadt Hamburg gilt laut Smart City Index als Vorreiter für Mobilität in Deutschland. Ein großer Treiber dafür ist sicherlich der bevorstehende ITS Kongress 2021 in Hamburg. Neben der Entwicklung einer Echtzeit-ÖPNV-Plattform und der Bündelung von alternativen Mobilitätsdiensten in Mobilitätsstationen, soll es auch eine Teststrecke für autonome Fahrzeuge im Stadtgebiet geben. Neben Hamburg ist auch die Stadt Wien sehr progressiv. Die Stadt Wien hat in den letzten Jahren sehr konsequent das Angebot an Pkw-Stellplätzen verringert, die Parkplatzgebühren nahezu verdoppelt und den Preis für den ÖPNV reduziert (und das 365 Euro Jahresticket eingeführt). 

Unternehmen können die Mobilitätswende vorantreiben

Munich Startup: Wie bringen sich Unternehmen und Städte bei der Mobilitätswende ein? 

Felix Harteneck: Unternehmen haben einen großen Einfluss und können die Mobilitätswende vorantreiben. Das steht fest. Dafür gilt es Mitarbeitern möglichst viele Mobilitätsformen zur Verfügung zustellen. Wieso sich nicht den Weg zur Arbeit mit einem Kollegen teilen? 

Aber nicht nur das, durch die veränderte Besteuerung von Firmenfahrzeugen werden viele Firmen-Flotten mittelfristig elektrisch angetrieben und Unternehmen installieren auf ihren Parkplätzen daher vermehrt Ladeinfrastruktur. Diese Ladestationen und Parkflächen können Unternehmen abends und an Wochenenden Anwohnern bereitstellen. So würde der Parkdruck entlastet. 

Dominik Radic: Meiner Ansicht nach tragen Städte bei der Verkehrswende ebenso eine große Verantwortung, wurden dabei aber auch oft alleine gelassen. Die Verkehrsinfrastruktur ist drastisch unterfinanziert. Der Ausbau der Fahrradinfrastruktur würde sowohl den Radverkehr als auch die Nutzung von Mikro-Mobilität fördern. Zudem ist die Auslastung des ÖPNV bereits an seine Grenzen angekommen. Eine Vergünstigung der Fahrkarten würde das Problem der Überlastung eher weiter verschärfen. Damit neue Mobilitätsformen und der Umstieg zu Alternativen überhaupt eine Chance haben, bedarf es großer Investitionen, welche für die meisten Städte alleine nicht tragbar sind. Wenn wir uns Städte anschauen, in denen sich die Verkehrswende bereits im fortgeschritten Stadium befinden, können wir erkennen, dass es sich um einen Prozess über mehrere Jahre handelt. Diesen Prozess haben wir in Deutschland noch nicht angestoßen.

Mobilität wird shared, teilautonom und elektrisch sein

Munich Startup: Wie werden wir 2030 unterwegs sein? 

Felix Harteneck: Shared, teilautonom und elektrisch. So sehe ich die Mobilität der Zukunft. ‚Mobility on Demand‘ wird noch stärker ausgeprägt sein und der Besitz von eigenen Fahrzeugen stark abnehmen. Anstatt nur mit einem Verkehrsmittel zu reisen, wird der Anteil an intermodalem Reisen stark zunehmen, also zum Beispiel das Auto auf einem Park&Ride Parkplatz abstellen und dann von dort mit einem Shuttle zum Arbeitsplatz, oder einem E-Scooter. Im Vergleich zu privaten PKW werden Sharing-Fahrzeuge viel effizienter genutzt — sowohl in Bezug auf die Anzahl der Insassen als auch auf den täglichen Einsatz. Viel Wachstum sehe ich auch im Elektromobilitätsmarkt. Schon heute ist der Markt sehr dynamisch und es gibt viele Player mit interessanten Lösungen und Konzepten. Ein Großteil der neu zugelassenen Autos werden elektrisch sein. Auch wenn nicht autonom — zumindest teilautonom werden wir im Jahr 2030 unterwegs sein.

Munich Startup: Es wird also künftig um angepasste Mobilitätsangebote gehen. Verliert damit das Auto als Statussymbol an Bedeutung?

Felix Harteneck: Wie es so schön heißt, das Auto ist des Deutschen liebstes Kind. Und das ist heute sicherlich noch stark der Fall. Man sieht allerdings schon jetzt ein Trend der neuen Generation eher teilen zu wollen als zu besitzen. In Zukunft geht es nicht mehr darum, wer das schönste und größte Auto fährt, sondern mehr darum, die passende Mobilitätsform für die aktuellen Bedürfnisse zu finden, um schnell, komfortabel, flexibel und vor allem auch nachhaltig von A nach B zu kommen. 

Digitale Plattformen sollen den Umstieg auf alternative Mobilität vereinfachen

Munich Startup: Dominik, welche Handlungsfelder werden Deiner Meinung nach in Zukunft an Bedeutung gewinnen, wenn es um die Zukunft unserer urbanen Mobilität geht?

Dominik Radic: Angesichts der aktuellen Herausfordern bei Stau, Emission und Platzmangel, sehen wir viele wichtige Handlungsfelder. Die große Herausforderung liegt vor allem in der Entwicklung eines Gesamtsystems, das Zukunftstechnologien berücksichtigt. Damit keine Individuallösungen entwickelt und Ressourcen eingespart werden können, sind Rahmenbedingungen und die Zusammenarbeit enorm wichtig. Daneben müssen wir den Umstieg zu Alternativen vereinfachen. Dies schaffen wir durch digitale Plattformen und die Bereitstellung von Schnittstellen. Damit können multimodale Mobilitätsplattformen entstehen, die wiederum die Grundlage für eine einfache und zufriedenstellende User Experience schaffen.

Munich Startup: Wie lässt sich Mobilität klimafreundlich und zukunftsfähig gestalten?

Felix Harteneck: Es ist wichtig, dass Politik, Industrie und Anbieter gemeinsam Lösungen erarbeiten. Das Ziel sollte es sein, die Nutzer durch moderne, faire Angebote dafür gewinnen, sich noch mehr auf klimafreundliche und vernetzte Mobilität einzulassen. Urbane Mobilitätskonzepte müssen nachhaltiger und inklusiver gestaltet werden. Konkret heißt das, dass alle Akteure gemeinsam an Lösungen arbeiten müssen, um Verkehr zu vermeiden, zu verlagern und zu verbessern. 

Harteneck: „Urbane Mobilitätskonzepte nachhaltiger und inklusiver gestalten“

Munich Startup: Durch die Veränderung des Mobilitätsangebots verändert sich auch die Bedeutung von Parkraum. Wie kann bestehender Parkraum optimal genutzt werden? 

Felix Harteneck: Parkraum ist ein wichtiger Bestandteil von Bestands- und Neubauobjekten. Bei bestehenden Objekten ist es wichtig, den vorhandenen Parkraum optimal zu nutzen. Mittelfristig kann der bestehende Parkraum an Dritte weitervermietet und somit beispielsweise Anwohnern an Wochenenden oder nach Feierabend verfügbar gemacht werden. Für Neubauobjekte wird auch zukünftig der Parkraum eine wichtige Rolle spielen.

Durch eine optimale Nutzung kann aber die Anzahl an zu bauenden Stellplätzen verringert und somit Geld und Platz gespart werden. Gleichzeitig ist es wichtig, dass die Parkplätze von Beginn an in ein ganzheitliches Mobilitätskonzept integriert sind um und im Mobilitätskonzept nicht vergessen werden.

Die Bedeutung von Parkplätzen ist uns heute schon bewusst. Sie können als Schlüssel agieren, um Elektromobilität zu integrieren und Fahrgemeinschaften zu intensivieren. Zukünftig wird die Bedeutung immer weiter steigen, um weitere Mobilitätsformen zu integrieren. 

Optimale Nutzung von (Park)Platz

Munich Startup: Wie können digitale Trends bauliche Maßnahmen wie beispielsweise den Bau von Parkraum beeinflussen? 

Dominik Radic: Das Angebot an alternativen Mobilitätsdiensten und digitalen Services verändern stark unser Mobilitätsverhalten. Nachdem der Lebensraum in unseren Großstädten knappes Gut geworden ist, sollten wir uns als Gesellschaft Gedanken machen, wie wir den Parkraum effizienter nutzen und Alternativen zum Individualverkehr anbieten können. Durch intelligenten Parkraumsysteme können wir die Stellplätze effizienter nutzen und damit Raum für beispielsweise Sharing-Dienste schaffen. Besonders bei Neubauprojekten können wir durch die Anbindung digitaler Systeme den Stellplatzschlüssel verringern und das Gebäude zukunftsorientiert ausstatten. 

Munich Startup: Somit stehen viele Veränderungen bevor. Welche Art von nachhaltigem Mobilitätskonzept für Städte wünscht Ihr Euch?

Felix Harteneck: Ein wünschenswertes Mobilitätskonzept beinhaltet für mich die Zugänglichkeit aller Mobilitätsformen für Jedermann. Wir werden mit unseren Partnern daran arbeiten, zukünftig hierfür eine Plattform zur Verfügung zu stellen, die alle Mobilitätsangebote vereint. Somit befürworten wir auch autofreie Zonen und Innenstädte. Es ist durchaus denkbar, dass Autofahrer zukünftig ihre Autos am Stadtrand auf Unternehmensparkplätzen parken und laden und dann auf Alternative Mobilitätsformen wie E-Scooter oder E-Bikes umsteigen, um die Innenstadt zu erreichen. 

Munich Startup: Vielen Dank für die Einblicke und das Interview.

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