Die beiden Scansation-Gründer Leo von Klenze (links) und Andreas Klett (rechts) erhalten den Preis "Top Supplier Retail 2018".
© Scansation

Ein halbes Jahr nach den Löwen: Wie es bei Scansation weiterging

Mit seiner Self-Scanning-Lösung unterstützt das Münchner Startup Scansation den stationären Einzelhandel bei der Digitalisierung. Im November 2019 stellten sie sich in der VOX-Show „Die Höhle der Löwen“ den potenziellen InvestorInnen — allerdings erfolglos. Im Interview erzählen die Gründer von den Anfängen ihres Startups, dem TV-Auftritt und ihren Plänen für die Zukunft.

Mit der Smartphone-App Scansation hat das gleichnamige Münchner Startup einen digitalen Shoppingbegleiter für VerbraucherInnen entwickelt. Mit Funktionen wie dem Erstellen von Einkaufslisten über Angebotshinweise und individualisierte Coupons bis hin zu Feedback an die HändlerInnen deckt die Lösung die komplette Customer Journey ab. Herzstück ist aber das Selfscanning, mit dem die User ihre Waren selbst scannen können. Anschließend müssen sie an der Supermarktkasse lediglich einen von der App erzeugten Code abscannen lassen, anstatt die gesamte Ware auf das Band zu legen. Dies beschleunigt den Kassenvorgang für KundInnen und KassiererInnen und versorgt die teilnehmenden Märkte zugleich mit wichtigen Informationen zum Kaufverhalten ihrer KundInnen — selbstverständlich anonymisiert. Gegründet wurde Scansation von den beiden Wirtschaftsmathematikern Andreas Klett und Leo von Klenze im Jahr 2016.

Munich Startup: Wie seid Ihr dazu gekommen, Euer Startup zu gründen?

Scansation: Andreas war schon seit seinem Studium an Startups interessiert, doch die damaligen Projekte wurden nie mit Volldampf verfolgt. Ende 2013 hat er dann den letzten Anlauf gestartet, und in seinem Freundeskreis nach den Startup-Interessierten gesucht. Zu zehnt sind wir dann in die Berge nach Reit im Winkl gefahren, haben dort eine Hütte gemietet, und ein privates Startup-Weekend gemacht. Da haben wir geschaut, was es für Möglichkeiten gibt, wer welche Ideen mitbringt und was davon man wirklich versuchen will.

Die Anfänge von Scansation

Munich Startup: Zehn Freunde ein Wochenende lang auf einer Hütte klingt mehr nach Party als nach Arbeit.

Scansation: Das war auch die Befürchtung von Andreas, aber es war total produktiv, super professionell, von Anfang bis Ende. Im Prinzip lief das Wochenende so ab: Die TeilnehmerInnen hatten im Voraus gesagt, jeder soll seine Ideen mitbringen und einen Mini-Pitch vorbereiten. So haben wir über 80 Ideen gesammelt und davon eine Longlist von 15 Ideen erstellt. Die haben wir dann an-evaluiert, also geschaut, wie ist die Konkurrenzsituation, gibt es das schon am Markt, wie kann man es monetarisieren. Zum Abschluss haben wir eine Shortlist aus 5 Ideen bestimmt. Zurück in München haben wir dann diese Shortlist im Detail weiter evaluiert. Drei, vier Wochen später fiel dann die Entscheidung, das Selfscanning-Thema zu starten. Interessanterweise war das tatsächlich eine Idee, die Andreas in dieses Wochenende mitgebracht hatte.

Munich Startup: Wie ging es dann weiter? Ihr seid ja kein 10-köpfiges Gründerteam geworden.

Scansation: Wie das so ist, neben dem Job springt der eine oder andere ab, da wird man immer weniger in der Gruppe. Wir alle waren zu der Zeit ja noch im Job, und der hatte natürlich Vorrang — in unserer Freizeit haben wir dann geschaut, wie wir unsere Idee IT-technisch umsetzen, wie man eine App baut, eine Kassenintegration macht, und so weiter. Leo war bei dem Ganzen übrigens noch gar nicht dabei — ich hatte ihn zwar auch gefragt, ob er auf die Hütte mitkommen will, aber er war damals zu stark eingebunden in der Firma und es war ihm zu viel, das nebenher zu machen. Aber als klar war, was wir machen, und was es für technische Probleme gibt, konnte ich ihn über die Herausforderung locken. Er fand das Ganze spannend und ist dann dazugestoßen. Anfang 2016 waren wir dann an einem Punkt, an dem wir Techniker uns ausgelebt hatten.

Vom Freizeitprojekt zum Business

Munich Startup: Das hat ja doch ziemlich lange gedauert.

Scansation: Wie schon gesagt, bis dahin war Scansation ein Freizeit-Projekt. Unsere Arbeit wollten wir darunter nie leiden lassen, die hatte immer Priorität. Erst als es an die Vermarktung ging und wir dafür normale Arbeitszeiten brauchten, um mit Kunden richtig reden zu können, stand die Entscheidung an. Entweder wir lassen das Projekt sterben oder wir kündigen und machen wirklich ein Business daraus. Die GmbH gibt es seit Juli 2016 und seit Oktober 2016 machen wir es beide auch wirklich in Vollzeit.

Munich Startup: 2017 habt ihr dann Euren ersten Partner gefunden, den Edeka-Markt Isargärten in München. Was waren Eure Lehren aus dem ersten Praxis-Einsatz?

Scansation: In diesem Markt haben wir leider auf den Mix gesetzt, Kunden, die selbst gescannt haben, in die gleiche Warteschlange wie normale Shopper zu stellen. Das ist nicht die Optimallösung, denn die Kunden sehen so ihre eigenen Vorteile nicht. Sie sind objektiv noch da, aber subjektiv werden die nicht mehr wahrgenommen, dadurch, dass man sich hinter den normalen Einkaufenden stellen muss. Neuen Partnern empfehlen wir, eine extra Kasse nur für Scansation-Kunden zu öffnen oder ein Terminal zu nutzen.

Scansation bei den Löwen

Munich Startup: Mit Eurer Lösung und ersten Partnern seid Ihr dann im November 2019 zur „Höhle der Löwen“ gegangen, ein Investment ist aber für Euch nicht herausgesprungen. Wie habt Ihr die Show erlebt?

Scansation: Wir waren knapp über eine Stunde drin, davon gezeigt wurden netto gut 20 Minuten, inklusive Vorgeplänkel und Nachgespräch. Mit den Löwen war dann vielleicht eine Viertelstunde im Beitrag zu sehen, da fehlte natürlich einiges. Die grundsätzliche Stimmung haben sie, finde ich, gut rübergebracht. Die Löwen fragen sehr gezielt, aber sie warten nicht immer auf die Antworten. Vor allem auch gegenseitig, also wenn der eine fragt und zur Antwort ansetzt, dann aber schon der nächste seine Frage stellt. Und da wird auch später nicht mehr darauf eingegangen. Im Prinzip hätten wir da glaube ich ein bisschen mehr moderieren müssen.

Munich Startup: Im Gegensatz zu normalen Pitches hat die „Höhle der Löwen“ ja auch einen Unterhaltungsanspruch.

Scansation: Und das muss man bedenken. Wir haben ja ein paar Sprüche geerntet von den Löwen, und das ist gut, denn es hat dafür gesorgt, dass wir überhaupt ausgestrahlt werden. Es gibt da eine gewisse Überproduktion, also nicht jeder, der da gedreht wird, wird auch ausgestrahlt. Wir haben das geschafft und haben somit immerhin diese Plattform bekommen und jetzt diese Bekanntheit erreicht — für einen Deal hat es ja leider nicht gereicht. Aber andererseits sind das natürlich Sprüche, die würden im normalen Investorengespräch einfach nie auftauchen.

Die Wochen danach

Munich Startup: Wie waren denn dann die Wochen nach der Ausstrahlung für Euch, so ganz ohne den erhofften Deal?

Scansation: Wir haben extrem viele Emails bekommen, in denen uns die Leute einfach nur gesagt haben, die Löwen hätten Unrecht und wir sollten bitte weitermachen. Über unsere Webseite kamen sehr viele Marktvorschläge, und auch auf Facebook war sehr viel Positives dabei. Es gab dann auch Kontaktaufnahmen von Leuten, die mit uns IT-technisch zusammenarbeiten wollten, oder Vertriebsprofis, die etwas mit uns zusammen machen wollten. Wir haben, glaube ich, jedem geantwortet, da haben wir uns wirklich Mühe gegeben und uns die Zeit genommen. Mit potenziellen Partnern in den unterschiedlichen Richtungen sind wir teilweise auch immer noch im Gespräch.

Munich Startup: Wart Ihr denn enttäuscht wegen des Urteils der Löwen?

Scansation: Uns war von vornherein bewusst, dass es mit unseren Zahlen schwierig wird, einen Investor zu bekommen. Aber wer nichts wagt, gewinnt auch nichts. Mit einem anderen Löwen hätten wir vielleicht auch mehr Glück gehabt. Aber auch wenn wir ohne Deal die Show verlassen haben, war der Auftritt ja nicht umsonst: Knapp drei Millionen Zuschauer haben uns gesehen, plus die Berichterstattung mit verschiedenen Interviews, die wir gegeben haben, die Nachberichterstattung, die ganzen Blogs, die sich damit beschäftigen. Ein Investor wäre das I-Tüpfelchen gewesen. Aber wir sind ja nicht weltfremd, wir wissen selbst, mit zwei Märkten in drei Jahren wird es schwer, einen Löwen hinter der Couch hervor zu locken.

Munich Startup: Und wie hat sich das auf Euren strategischen Plan für das Unternehmen ausgewirkt? Ihr wolltet ja nicht nur das Geld, sondern auch das Know-how der Löwen gewinnen, um Euren Vertrieb zu verstärken.

Scansation: Im Prinzip sind wir da jetzt auch durch die angesprochenen Partnerschaften. Wir haben jetzt den ein oder anderen Termin bei Einzelhändlern, wo diese potenziellen Vertriebspartner mitkommen werden. Da schauen wir, wie das so zusammen ist und wie man das für beide Seiten entsprechend monetarisieren kann.

Selfscanning in Zeiten der Corona-Krise

Munich Startup: Die Tools, die Ihr den Händlern anbietet, fasst Ihr ja seit Kurzem als ‚Retail Suite‘ zusammen — ist dieses Rebranding ein Learning, das Ihr nach der Höhle der Löwen gezogen habt, oder war das vorher schon ein Thema?

Scansation: Wir waren uns schon immer bewusst darüber, dass wir einen Sammelbegriff brauchen für die unterschiedlichen Tools, die wir mittlerweile anbieten. Und durch das Selfscanning erwächst nur ein kleiner Wert für den Händler selbst. Das für ihn wertvolle sind letztlich die Daten, mit denen man arbeiten kann. Und da geht es immer darum, einen wirklich guten Kompromiss zu finden, wie man sie möglichst anonymisiert nutzen kann, so dass die Userdaten auch wirklich geschützt sind. Und in diesem Bereich haben wir uns gefragt, wie können wir das Ganze so darstellen, dass klar wird, dass Händler damit auch wirklich besseres Marketing betreiben können — denn das ist es, was wir letztendlich anbieten. Und es war uns vor der Höhle schon klar, dass wir das machen müssen, aber dass wir das wirklich gemacht haben war erst danach.

Munich Startup: Wie erlebt Ihr die Corona-Krise?

Scansation: Privat verfolgen wir natürlich die Nachrichten und versuchen, uns so weit wie möglich an die Empfehlungen zu halten. Für Scansation bringt die Krise aber tatsächlich auch Chancen — unsere Lösung funktioniert ja kontaktlos: Die Verbraucher scannen die Produkte selbst, deshalb müssen sie an der Kasse nicht noch durch die Hände des Personals wandern oder auf das Kassenband gelegt werden, auf dem schon alle anderen Waren der unterschiedlichsten Kunden lagen. Wir stellen quasi einen „Berührungsfreien Kassenprozess“ zur Verfügung. Ehrlicherweise hatten wir diesen hygienischen Aspekt vor Corona selbst sehr vernachlässigt, aber er wird vermutlich auch nach der Pandemie ein wichtiger Punkt im stationären Handel werden. Wir freuen uns, Händler – auch kurzfristig – unterstützen und so zum Schutz ihrer Mitarbeiter und Kunden beitragen zu können.

Munich Startup: Zum Schluss noch die Frage: Habt Ihr einen Tipp für zukünftige Gründer? Worauf müssen sie unbedingt achten?

Scansation: Wir haben gelernt, dass es oft die kleinen Dinge sind, die einem das meiste Kopfzerbrechen bereiten. Zum Beispiel Pantone-Farben in den Logos. Ja, es mag hübsch aussehen, aber ohne sie spart Ihr Euch so viel Ärger bei der Produktion von Rollups, Flyern, Goodies und, und, und.

Maximilian Feigl

Maximilian Feigl berichtet seit 2013 über das Digital Business. Schwerpunkt des studierten Politikwissenschaftlers sind die Verknüpfung von On- und Offline-Kanälen in Marketing und Handel sowie der Wandel am Point of Sales und die Digitalisierung des Einzelhandels. Nun freut er sich auf die Münchner Startup-Szene mit ihren kreativen Köpfen.

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