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Revenue, Burn Rate und Runway richtig berechnen

R. Jankowski

R. Jankowski

Oft entscheidet nicht die beste Idee über das Überleben eines Startups, sondern die Frage, wie lange das Geld noch reicht. Und genau hier passieren viele Rechenfehler. Alles über Revenue, Burn Rate, Runway.

27. Juni 2026

1 Min. Lesezeit

Startups gründen sich in Deutschland gerade in Rekordzahl und gehen gleichzeitig in Rekordzahl pleite. Laut Handelsblatt, das sich auf Daten des Dienstes Startupdetector beruft, meldeten im ersten Halbjahr 2024 so viele deutsche Jungfirmen Insolvenz an wie nie zuvor. Auch der ‚Deutsche Startup Monitor 2025′ zeichnet ein zweigeteiltes Bild: Während einzelne Scaleups Rekordrunden einsammeln, bleibt Kapital für die meisten GründerInnen der zentrale Engpass. 

Oft entscheidet nicht die beste Idee über das Überleben eines Startups, sondern die Frage, wie lange das Geld noch reicht. Und genau hier passieren viele Rechenfehler. 

Revenue: Was wirklich als Umsatz zählt

Bevor Burn Rate und Runway überhaupt berechnet werden können, braucht es eine saubere Definition von Revenue. Viele GründerInnen verwechseln dabei drei unterschiedliche Zahlen.

Die erste ist der gebuchte Umsatz. Eine unterschriebene Jahreslizenz über 24.000 Euro wird gerne als 2.000 Euro Monatsumsatz verbucht. Das ist buchhalterisch korrekt, sagt aber nichts darüber aus, wann das Geld tatsächlich auf dem Konto ankommt. Die zweite Zahl ist der vereinnahmte Umsatz, also das, was innerhalb eines Zeitraums tatsächlich als Zahlungseingang verbucht wird. Für die Runway-Berechnung zählt ausschließlich diese Zahl, denn die Bank interessiert sich nicht dafür, was in der Bilanz steht, sondern was auf dem Konto liegt.

Für Startups mit wiederkehrenden Erlösen kommt eine dritte, zentrale Kennzahl dazu: Monthly Recurring Revenue (MRR) beziehungsweise hochgerechnet Annual Recurring Revenue (ARR). Hier zählt nur der planbare, wiederkehrende Teil des Umsatzes, also Abonnements, Lizenzgebühren, laufende Verträge. Einmalige Erlöse wie Setup-Gebühren, Beratungsleistungen oder Projektarbeit gehören nicht in den MRR, auch wenn sie im selben Monat aufs Konto fließen. Wer beides vermischt, überschätzt systematisch, wie stabil der eigene Umsatz tatsächlich ist.

Ebenso wichtig ist der Blick auf die BestandskundInnen. Die sogenannte Net Revenue Retention zeigt, wie sich der Umsatz mit existierenden KundInnen über Zeit entwickelt. Das kann sich durch Upgrades, Downgrades und Kündigungen immer wieder ändern. Ein Startup kann beeindruckende Neukundenzahlen vorweisen und trotzdem stagnieren oder schrumpfen, wenn gleichzeitig zu viele BestandskundInnen abspringen.

Gross Burn und Net Burn

Erst auf Basis eines sauber definierten Revenue lässt sich die Burn Rate sinnvoll berechnen. Gross Burn (Bruttoverbrennungsrate) ist die Summe aller monatlichen Ausgaben – Gehälter, Miete, Software, Marketing, Dienstleister. Net Burn (Nettoverbrennungsrate) zieht davon den tatsächlich vereinnahmten Umsatz ab. Ein Startup mit 150.000 Euro Ausgaben und 50.000 Euro tatsächlichem Zahlungseingang hat also einen Gross Burn von 150.000 Euro, aber nur einen Net Burn von 100.000 Euro.

Die Runway-Formel

Der Runway ist die Zeitspanne, die einem Startup noch bleibt, bevor das Geld auf dem Konto aufgebraucht ist. Der Name kommt tatsächlich aus dem Flugverkehr. Er beschreibt die Laufbahn (Runway) und wie lange das Flugzeug noch hat, um abzuheben oder eben nicht. In Startup-Sprache heißt das: Wird man profitabel oder benötigt man frisches Kapital? 

Für die Runway-Berechnung zählt ausschließlich der Net Burn, denn nur er zeigt, wie schnell das Bankkonto tatsächlich leerläuft. Die Runway-Formel selbst ist unkompliziert:

Runway (in Monaten) = verfügbares Kapital ÷ monatlicher Net Burn

Ein Beispiel: Ein Startup hat 900.000 Euro auf dem Konto und einen monatlichen Net Burn von 75.000 Euro. Daraus ergibt sich eine Runway von zwölf Monaten. Klingt eindeutig – ist es aber nicht, wenn die Rechnung auf einem einzelnen Monat basiert. Ein Quartal mit Messeauftritt, einer Recruiting-Welle oder saisonalen Marketingausgaben verzerren die Momentaufnahme erheblich.

Deutlich robuster ist ein rollierender Durchschnitt über die vergangenen drei bis sechs Monate. Zusätzlich hilft es, Kosten in drei Kategorien zu sortieren: Fixkosten wie Miete oder Gehälter, die jeden Monat gleich anfallen; variable Kosten wie Cloud-Ausgaben, die mit dem Geschäft mitwachsen; und einmalige Kosten wie ein Messestand oder eine Anwaltsrechnung, die nur in einem Monat auftauchen.

Wie viel Runway ist genug?

Fundraising-Prozesse dauern in der Praxis häufig mehrere Monate. Laut US-Marktdaten von Carta lag der durchschnittliche Abstand zwischen Seed- und Series-A-Runde im zweiten Quartal 2025 bei 616 Tagen, also gut 20 Monaten. Belastbare deutsche Vergleichszahlen dazu fehlen, doch die anhaltend hohe Zahl deutscher Startup-Insolvenzen deutet in eine ähnliche Richtung. Wer zu knapp kalkuliert, gerät unter Druck, bevor die nächste Runde steht.

In der Praxis gilt daher zunehmend die Faustregel, spätestens bei acht bis zwölf Monaten Runway aktiv in den Fundraising-Prozess einzusteigen.

Der Burn Multiple

Burn Multiple ist ein weiterer Begriff, der zunehmend auch in Deutschland bei InvestorInnen abgefragt wird. Er setzt den Netto-Burn ins Verhältnis zum neu gewonnenen wiederkehrenden Umsatz (Net New ARR) und beantwortet die Frage: Wie viele Euro werden verbrannt, um einen zusätzlichen Euro an wiederkehrendem Umsatz zu erzeugen?

Ein Startup, das monatlich 100.000 Euro Net Burn hat und dabei 80.000 Euro an neuem ARR aufbaut, hat einen Burn Multiple von 1,25. Grundsätzlich gilt, je niedriger der Wert, desto kapitaleffizienter. Entscheidend ist auch die Entwicklung über Zeit. Sinkt der Burn Multiple, während das Wachstum stabil bleibt, ist das ein starkes Signal für InvestorInnen.

Die häufigsten Rechenfehler

Gebuchten statt vereinnahmten Umsatz verwenden. Eine gestellte Rechnung ist kein Geldeingang. Wer offene Forderungen in die Berechnung einrechnet, bevor sie tatsächlich beglichen wurden, kalkuliert die eigene Liquidität falsch.

Einmalige Effekte in den Durchschnitt mischen. Eine große Anwaltsrechnung ebenso wie ein einmaliger Projektumsatz verzerren die monatliche Kalkulation, wenn sie nicht separat markiert werden.

Restricted Cash oder wachsende Kosten ignorieren. Zweckgebundene Fördermittel zählen nicht zum frei verfügbaren Kapital, und eine wachsende Kostenbasis durch neue Hires oder steigende Cloud-Kosten lässt sich nicht mit dem aktuellen Monat allein abbilden.

Runway verlängern, ohne Wachstum zu opfern

Ist die Runway zu knapp, beginnen viele Startups mit radikalen Einsparungen. Doch das birgt Risiken. Wer Marketing kürzt, das nachweislich funktioniert, verlangsamt genau das Umsatzwachstum, das die Runway eigentlich verlängern soll.

Wirksamer sind gezielte Hebel: Bürokosten prüfen, bevor ein Team wächst; SaaS-Abonnements regelmäßig auditieren; Zahlungsziele bei KundInnen verkürzen, um Umsatz schneller in tatsächliches Cash umzuwandeln; Hires zeitlich strecken oder zunächst über FreelancerInnen abdecken. Auch nicht verwässernde Finanzierungsformen wie Förderdarlehen oder revenue-basierte Finanzierung können kurzfristig Zeit kaufen, ohne Anteile abzugeben.

Fazit: die wichtigste Überlebensuhr eines Startups

Burn Rate und Runway stehen und fallen mit einer sauberen Revenue-Definition. Eine präzise, ehrliche Kalkulation entscheidet oft darüber, ob ein Startup aus einer Position der Stärke verhandelt oder in letzter Minute improvisieren muss.