Munich Startup: Für welches Problem bietet ihr eine Lösung?
Daniel Angloher, Head of AI & Co-Founder: Wir ermöglichen es, Vitalparameter wie Herz-, Atemfrequenz, Blutdruck und Sauerstoffsättigung kontaktlos über eine normale Kamera zu erfassen. Unser Ziel ist, dass Gesundheitsinformationen dadurch überall dort verfügbar werden können, wo ohnehin ein Bildschirm oder eine Kamera vorhanden ist: im Krankenhaus, in der Telemedizin oder perspektivisch auch im Alltag.
Munich Startup: Was könnt nur ihr Stand heute?
Daniel Angloher: Besonders ist bei uns die Kombination aus medizinischer Zulassung, eigener KI-Technologie, klinischer Validierung und einfacher Softwareintegration. Unsere Technologie ist robust und funktioniert nicht nur bei Idealbedingungen mit Ringlicht, sondern auch in der Hektik einer echten Notaufnahme, zu Hause beim Videocall mit dem Arzt und sogar im Auto mit wechselnden Schatten und viel Bewegung.
Neuer Zugang zu Vorsorge und Früherkennung
Munich Startup: Was war der Auslöser für die Gründung?
Daniel Angloher: Unser Gesundheitssystem ist zunehmend überlastet. Wir wollen mit unserer Technologie dazu beitragen, medizinische Versorgung effizienter zu machen und gleichzeitig Prävention und Früherkennung zu verbessern. Ein erster Hebel ist die Vitalparametermessung selbst. Sie gehört zu den häufigsten Prozessen im Gesundheitswesen, benötigt heute aber meist mehrere Geräte, Zeit und oft auch medizinisches Personal. Wir arbeiten daran, diesen Prozess so einfach zu machen wie einen Blick in eine Kamera.
Der zweite Hebel ist für uns noch grundlegender: Gesundheitsdaten passiv verfügbar zu machen. Bei einem Wearable muss ich mich bewusst dafür entscheiden, ein zusätzliches Gerät zu kaufen, es zu tragen, zu laden und dauerhaft zu nutzen. Kameras dagegen sind bereits überall im Smartphone, Laptop, Tablet oder Auto.
Unsere Vision ist deshalb, Vitalparameter in bestehende Interaktionen zu integrieren, ohne dass Menschen dafür einen zusätzlichen Messprozess starten müssen. Wir arbeiten zum Beispiel daran, eine Blutdruckmessung direkt im Rahmen von Face ID auf dem Smartphone zu ermöglichen. Während ich ohnehin mein Telefon entsperre, könnte gleichzeitig eine gesundheitlich relevante Messung stattfinden.
Wenn solche Messungen regelmäßig und ohne zusätzliche Hürde stattfinden, entsteht ein völlig neuer Zugang zu Vorsorge und Früherkennung: Veränderungen könnten sichtbar werden, lange bevor jemand bewusst zum Arzt geht oder sich entscheidet, seine Vitalparameter zu messen.

Caire Health AI wurde 2023 von Daniel Angloher, Hamdi Belhassen und Mohtadi Ben Fraj gegründet.
Angloher studierte Maschinenbau und Informatik in den USA und absolvierte anschließend den Masterstudiengang Robotics, Cognition and Intelligence an der TUM.
Berufliche Stationen führten ihn unter anderem zu BMW und als Senior Data Scientist zu Precibake.
Bei Caire Health AI ist er als Head of AI tätig.
Munich Startup: Gab es einen Moment, in dem ihr ans Aufgeben gedacht habt?
Daniel Angloher: Nicht den einen großen Moment, aber sehr viele kleine. Medizintechnik bedeutet lange Entwicklungszyklen, Regulierung, klinische Studien und gleichzeitig die Realität eines Startups mit begrenzten Ressourcen. Es gab definitiv Situationen, in denen wir uns gefragt haben, ob wir uns nicht ein einfacheres Problem hätten aussuchen sollen.
Munich Startup: Woran würdet ihr in einem Jahr erkennen, dass ihr auf dem richtigen Weg seid?
Daniel Angloher: Für uns wäre der wichtigste Beweis, dass unsere Technologie Teil des medizinischen Alltags geworden ist, dass Patienten damit täglich gemessen werden, Kliniken und Softwarepartner sie selbstverständlich in ihre Prozesse integrieren und die Technologie einen messbaren Nutzen liefert.
Wenn wir in einem Jahr nicht mehr hauptsächlich darüber sprechen müssen, ob kamerabasierte Vitalparameter funktionieren, sondern darüber, wo sie überall eingesetzt werden, wären wir auf einem sehr guten Weg.
Standort Europa ist aus Gründersicht verbesserungswürdig
Munich Startup: Würdet ihr wieder in München gründen und warum?
Daniel Angloher: Das ist tatsächlich eine schwierige Frage. Wenn ich wieder in Europa gründen würde, dann sehr gerne in München. Für mich persönlich ist München Heimat und ich stehe auch klar hinter vielen europäischen Werten. Ich würde zum Beispiel nicht für bessere wirtschaftliche Rahmenbedingungen ohne Weiteres andere Arbeitsnormen oder den Verlust unseres sozialen Sicherheitsnetzes in Kauf nehmen wollen.
Wenn man die Frage aber rein aus Gründersicht betrachtet, muss man auch ehrlich sagen: In anderen Regionen gibt es teilweise deutlich bessere Voraussetzungen für den Aufbau eines schnell wachsenden Technologieunternehmens, insbesondere beim Zugang zu Kapital, beim unternehmerischen Mindset und bei regulatorischen Rahmenbedingungen.
München bietet dafür eine sehr starke Forschungslandschaft, hervorragende Universitäten, Kliniken, Industriepartner und eine hohe Lebensqualität. Für mich ist deshalb nicht die Frage, ob München ein guter Standort ist, sondern wie wir es schaffen, Europa insgesamt zu einem noch besseren Ort für ambitionierte Technologieunternehmen zu machen.
Munich Startup: Fokus oder Diversifikation?
Daniel Angloher: Für uns ist das kein Widerspruch. Unser Fokus liegt sehr klar auf einer grundlegenden KI-Schicht für physiologische Messungen mit dem Ziel, diese Funktionalität langfristig in möglichst vielen Geräten verfügbar zu machen.
Wir wollen nicht für jeden einzelnen Anwendungsfall ein eigenes Produkt bauen. Stattdessen möchten wir eine Technologie schaffen, die Entwickler überall integrieren können: in einer Telemedizin-App, auf dem Tablet einer Pflegeeinrichtung, in einem Fitnessgerät wie einem Peloton Bike oder direkt in einem Fahrzeug. Die Anwendungen können also sehr unterschiedlich sein, aber die technologische Basis bleibt dieselbe.
Unser Fokus ist deshalb nicht auf eine einzelne Industrie beschränkt, sondern auf eine klar definierte Kerntechnologie: Physiologische Informationen sollen zu einer grundlegenden Softwarefunktion werden, die auf jedem kamerafähigen Gerät verfügbar ist.











