Kliniken mit einer hohen Quote beanstandeter Abrechnungen müssen ab 2027 mit deutlich mehr Prüfungen bis hin zu einer unbegrenzten Prüfquote rechnen. Für Calliora ist diese Änderung mehr als ein günstiges Marktumfeld. Sie trifft genau das Problem, das die 2023 gegründete Firma mit ihrer KI-Plattform angeht: Fehler und fehlende Informationen sollen erkannt werden, bevor eine Krankenhausrechnung an die Krankenkasse geht. Gleichzeitig will die Software sichtbar machen, an welchen Stellen im Klinikbetrieb Informationen verloren gehen oder Prozesse nicht ineinandergreifen.
Der regulatorische Druck kommt zu einem Zeitpunkt, an dem viele deutsche Kliniken ohnehin wirtschaftlich unter Druck stehen. Laut Krankenhaus-Barometer des Deutschen Krankenhausinstituts (DKI) schrieben 2024 rund zwei Drittel der Krankenhäuser Verluste.
Ab 2027 drohen Kliniken Prüfquoten von bis zu 100 Prozent
Im Juli 2026 wurde vom Bundestag das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz beschlossen. Es verschärft die Regeln für die Prüfung von Krankenhausabrechnungen durch die Krankenkassen deutlich.
Bei einem Anteil unbeanstandeter Abrechnungen zwischen 50 und 65 Prozent gilt künftig eine Prüfquote von 40 Prozent. Liegt der Anteil unbeanstandeter Rechnungen unter 50 Prozent, ist laut Bundesgesundheitsministerium eine unbegrenzte Prüfung möglich. Rechnerisch bedeutet das: Werden mehr als die Hälfte der geprüften Abrechnungen beanstandet, können im Extremfall sämtliche Rechnungen eines Krankenhauses geprüft werden.
Für Kliniken erhöht das den wirtschaftlichen Wert einer korrekten Dokumentation und Abrechnung. Denn Fehler entstehen nicht zwingend erst beim Erstellen der Rechnung. Ärztliche und pflegerische Dokumentation, Kodierung, Medizincontrolling und Abrechnung greifen ineinander und verteilen sich häufig auf unterschiedliche Systeme und Verantwortlichkeiten.
KI-Plattform verbindet Dokumentation, Kodierung und Medizincontrolling
Die Software des Münchner Startups Calliora soll bestehende Krankenhausanwendungen nicht ersetzen, sondern als zusätzliche Ebene auf ihnen aufsetzen. Sie führt Informationen aus klinischer Dokumentation, Krankenhausinformationssystem, Kodierung und Prüfverfahren zusammen.
Ist beispielsweise eine Diagnose dokumentiert, aber noch nicht korrekt kodiert, oder fehlt ein für eine spätere Prüfung relevanter Nachweis, soll die Plattform das zuständige Team darauf hinweisen, bevor die Rechnung versendet wird.
Der Anwendungsbereich geht dabei über die eigentliche Rechnungsstellung hinaus. Derzeit deckt die Plattform unter anderem Kodierung, Fallprüfung, MD-Management und Controlling ab. Perspektivisch soll sie einen Behandlungsfall von der Aufnahme bis zur Erstattung begleiten.
Die endgültigen Entscheidungen bleiben dabei bei Kodierfachkräften und Medizincontrollern. Abgerechnet werden soll ausschließlich, was durch die Patientenakte dokumentiert ist. Die Verarbeitung der sensiblen Daten erfolgt laut Calliora DSGVO-konform in Deutschland.
Mitgründer und CEO Frederik Träuble vergleicht die Funktion mit einer Assistenz im Operationssaal:
„Calliora macht das für Kodierung und Medizincontrolling. Sie legt die fehlende Diagnose oder den fehlenden Nachweis genau dann vor, wenn er gebraucht wird. Den Schnitt setzt sie nicht. Das bleibt bei den Fachkräften.“
Calliora meldet mehr als 50 Prozent weniger Aufwand je Fall
Die Plattform befindet sich nach Angaben von Calliora bereits in privaten, öffentlichen und kirchlichen Krankenhäusern in fünf Bundesländern im Einsatz. Dabei habe sich der Aufwand pro Fall um mehr als die Hälfte reduziert.
Mehr als 90 Prozent der von der Software identifizierten Lücken würden von den Klinikteams noch vor der Rechnungsstellung geschlossen, so Calliora. Dadurch lasse sich auch die Beanstandungsquote bei Prüfungen durch den Medizinischen Dienst reduzieren.
Die Kennzahlen stammen vom Unternehmen; öffentlich zugängliche unabhängige Auswertungen der Ergebnisse einzelner Kliniken liegen bislang nicht vor.
Damit liegt zugleich eine der entscheidenden Fragen für die nächste Wachstumsphase auf der Hand: Lässt sich die bislang gemeldete Effizienzsteigerung beim Rollout auf eine größere Zahl unterschiedlicher Krankenhäuser reproduzieren?
BHI und Redalpine führen Pre-Seed an
Für die weitere Expansion hat Calliora nun 5,3 Millionen Euro (6 Millionen Dollar) eingesammelt. Die Pre-Seed-Runde wird von Bertelsmann Healthcare Investments und dem Schweizer VC Redalpine angeführt.
Daneben beteiligen sich Business Angels aus Krankenhausmanagement und KI. Dazu gehören unter anderem der frühere Asklepios- und Mediclin-CEO Ulrich Wandschneider, Deloitte-Managerin Sara Siegel, Peter Sarlin und KI-Forscher Frank Hutter.
BHI sieht dabei auch Parallelen zum US-Gesundheitsmarkt. Maximilian Boner, Europe Lead bei BHI, sagt:
„In den USA setzt sich fehlerfreie Echtzeit-Abrechnung als Schlüssel zu mehr Wirtschaftlichkeit in Krankenhäusern durch. Calliora bringt dieses Prinzip jetzt nach Europa und setzt direkt an der Quelle an, statt Fehler im Nachhinein zu korrigieren.“
Das frische Kapital soll vor allem in die Bereiche KI, Engineering und Produkt fließen. Außerdem will Calliora seine Plattform auf weitere Stationen des Fallverlaufs ausweiten.












