Munich Startup: Für welches Problem bietet ihr eine Lösung?
Joscha Specks, Co-Founder und CEO: Speditionen investieren gerade massiv in eigene Ladeinfrastruktur für E-Lkw. Mehr als 60 Prozent dieser Depot-Ladekapazität bleiben heute ungenutzt, weil die eigene Flotte vor allem nachts lädt. Gleichzeitig finden E-Lkw unterwegs kaum passende Lademöglichkeiten und weichen auf teure öffentliche Schnellladesäulen aus. Die Kapazität ist also da, es fehlt nur die Brücke zwischen den Unternehmen: Wer darf wann laden, zu welchem Preis, und wer rechnet ab?
Genau das lösen wir mit Depotcharge. Man kann sich unsere Lösung ein wenig vorstellen wie Airbnb, nur nicht für das Vermieten privater Wohnungen, sondern für das Nutzen privater Ladeinfrastruktur. Depotbetreiber vermarkten freie Kapazität zu ihren eigenen Konditionen, Flotten erhalten Zugang zu einem wachsenden Netz aus Depot-Ladepunkten, und wir übernehmen Zugangssteuerung, Abrechnung und Zahlungsabwicklung.
Munich Startup: Was könnt nur ihr Stand heute?
Joscha Specks: Wir verbinden Depot-Ladeinfrastruktur verschiedener Unternehmen zu einem gemeinsamen Netz, unabhängig von Ladehardware, Backend und Fahrzeughersteller. Die Plattform baut auf dem Wissen aus unserer Zeit bei Digital Charging Solutions auf. Dort haben wir öffentliche Ladepunkte unzähliger Betreiber europaweit in einem Netz zusammengeführt und abgerechnet. Diese Logik übertragen wir jetzt auf das Depot. Jeder Depotbetreiber legt selbst fest, wann, für wen und zu welchem Preis geladen wird, und wir übernehmen Zugang und Abrechnung zwischen den Unternehmen, auch grenzüberschreitend.
Differenzierend ist dabei unser Weg in den Markt: Wir setzen den Branchenstandard für geteiltes Laden über die Zusammenarbeit mit Transportverbänden. In der Schweiz ist uns das gemeinsam mit dem Schweizerischen Nutzfahrzeugverband Astag und dem Service Astag Charge bereits gelungen. Mit dem Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL) übertragen wir das Modell nun in Deutschland und lancieren hier BGL Charge. Weitere Verbände in Europa folgen.
„Wir sind beide durch und durch unternehmerisch“
Munich Startup: Was war der Auslöser für die Gründung?
Joscha Specks: Bei Digital Charging Solutions haben wir erlebt, wie aus vielen einzelnen Ladepunkten ein europäisches Netz für Pkw entstanden ist. Das hat erst funktioniert, als Zugang und Abrechnung über alle Betreiber hinweg einfach wurden. Beim E-Lkw sahen wir dasselbe Problem an einer anderen Stelle: Lkw laden vor allem im Depot und dort gibt es bislang keine unternehmensübergreifende Lösung. In Gesprächen mit weit über 100 Logistikunternehmen wurde uns klar, dass wir nicht nur ein relevantes Problem gefunden hatten, sondern auch genau wussten, wie man es löst. Dazu kommt: Julius und ich sind beide durch und durch unternehmerisch und wollten noch einmal komplett eigenständig gründen.
Munich Startup: Gab es einen Moment, in dem ihr ans Aufgeben gedacht habt?
Joscha Specks: Klar, und zwar mehr als einmal. Entscheidend war und ist, was man in diesen Momenten tut: nach Rückschlägen und in Phasen großer Unsicherheit wieder aufstehen und weitermachen. Immer wieder. Gerade im ersten Jahr schiebt man nur an, ohne große Ergebnisse zu sehen. Und das in Zeiten großer Unsicherheit. Ich denke, das gehört dazu, denn wäre alles klar, wäre die unternehmerische Chance gering und der Markt vermutlich schon bedient.
Zwei Jahre nach der Gründung ernten wir jetzt die ersten Früchte. Das Momentum baut sich auf und viele Dinge passieren inzwischen von allein. Mein Rat an alle, die gründen wollen: einfach weitermachen, nicht aufgeben und Spaß dabei haben. Auch nach vielen Rückschlägen kommen irgendwann der erste Kunde und der erste Investor und ab dann kommt alles ins Rollen.
Depotcharge will Ladenetz für E-Lkw in Europa aufbauen
Munich Startup: Woran würdet ihr in einem Jahr erkennen, dass ihr auf dem richtigen Weg seid?
Joscha Specks: Wir wollen in einem Jahr Marktführer für das geteilte Laden von E-Lkw in der DACH-Region und den Benelux-Ländern sein. Daran messen wir uns nicht nur in Zahlen, sondern vor allem in der Wahrnehmung der Branche. Wenn Speditionen an das Laden im halböffentlichen Raum denken, sollen sie an Depotcharge denken. Gleichzeitig haben wir dann die Expansion in weitere Länder gestartet, denn unser Ziel ist es, das Ladenetz für E-Lkw in Europa aufzubauen. Und all das gelingt nur mit dem richtigen Team. In einem Jahr wollen wir deshalb ein Unternehmen sein, in dem Top-Talente mit Leidenschaft für die Sache arbeiten und gemeinsam Spaß daran haben, eine ganze Branche zu verändern.
Munich Startup: Würdet ihr wieder in München gründen und warum?
Joscha Specks: Ja, München ist für uns der richtige Standort. Viele der Industrieunternehmen, mit denen wir zusammenarbeiten, sitzen hier, und mit Messen wie der Transport Logistic oder der The smarter E Europe trifft sich die Branche regelmäßig direkt vor unserer Haustür. Dazu kommt ein Startup-Ökosystem, das in Europa zu den stärksten gehört, mit der TUM, UnternehmerTUM und einer aktiven Investorenszene. Und schließlich finden wir hier starke Talente. Für Julius und mich kommt noch etwas Persönliches dazu. Wir haben unser Netzwerk in der E-Mobilität über viele Jahre in München aufgebaut. Das hilft enorm, gerade in der Anfangsphase.

Depotcharge wurde 2024 von Joscha Specks und Julius Wilhelm gegründet. Specks studierte Maschinenbau an der Technischen Universität München und arbeitete anschließend mehrere Jahre in der Strategieberatung. Er verfügt über rund 13 Jahre Erfahrung in der E-Mobilität. Bei Digital Charging Solutions, einem Joint Venture von BMW Group, Mercedes-Benz und BP, war er am Aufbau des Unternehmens beteiligt und als Chief Strategy Officer tätig. Dort arbeitete er bereits mit seinem heutigen Mitgründer Julius Wilhelm zusammen, der bei Depotcharge die Rolle des CPTO übernimmt.
Munich Startup: Perfektion oder Geschwindigkeit?
Joscha Specks: Ganz klar Geschwindigkeit, aber mit klarem Blick dafür, wo Qualität keine Kompromisse verträgt. Im ersten Jahr haben wir Depotcharge gebootstrapped. Das hat uns gezwungen, von Anfang an konsequent am Kunden zu arbeiten und nur das zu bauen, was wirklich gebraucht wird. Daran halten wir bis heute fest. Bei unserem Produkt entscheidet ohnehin weniger die perfekte Technologie als Exekution und Tempo. Als Marktplatz leben wir von Netzwerkeffekten. Jedes neue Depot macht das Netz für Flotten attraktiver, jede neue Flotte das Netz für Depotbetreiber. In einem solchen Markt entscheiden Größe und Geschwindigkeit.
Gleichzeitig gibt es Bereiche, in denen Geschwindigkeit nicht vor Sorgfalt gehen darf. Wenn wir für Speditionen über Ländergrenzen hinweg untereinander Strom abrechnen, muss jede Rechnung auch steuerlich korrekt sein. Das ist keine Qualitätsfrage, sondern die Voraussetzung dafür, dass wir überhaupt operieren können. An diesen kritischen Stellen arbeiten wir deshalb von Anfang an sauber und auf Skalierung ausgerichtet.












