Munich Startup
Mit Minimalist Phone weniger Zeit am Handy

Mit Minimalist Phone weniger Zeit am Handy

Das Team von Minimalist Phone

Credit: Foto: Minimalist Phone

Das Team von Minimalist Phone – Credit: Foto: Minimalist Phone

Regina Bruckschlögl

Regina Bruckschlögl

Wahrscheinlich verbringen wir fast alle zu viel Zeit am Handy und scrollen durch eine Flut an Bildern & Co, ohne dass viel dabei rumkommt. Wer etwas dagegen tun möchte, kann sich beispielsweise mit Hilfe von Blocker-Apps selbst beschränken. Oder er setzt auf die Lösung von Minimalist Phone. Was das Münchner Startup anders macht als herkömmliche Blocker und was ein verändertes Userinterface damit zu tun hat, erklärt uns Gründer Martin Moravek im Interview. Zuerst veröffentlicht am: 21. Oktober 2024

4. Januar 2025

5 Min. Lesezeit

Munich Startup: Was macht Euer Startup? Welches Problem löst Ihr?

Martin Moravek, Minimalist Phone: Wir entwickeln eine App namens Minimalist Phone, die Menschen hilft, weniger Zeit an ihrem Handy zu verbringen. Sie richtet sich an alle, die ein digitales Detox machen möchten oder unter Handysucht leiden. Wie funktioniert das?

Minimalist Phone unterstützt auf mehrere Arten:

  • Keine Icons auf dem Startbildschirm: Minimalist Phone ersetzt den Startbildschirm und entfernt alle Icons. Icons fördern gedankenloses Öffnen von Apps, weil das Gehirn schnell lernt, dass sich hinter einem bestimmten Symbol, zum Beispiel einem pinken Icon, ansprechende Bilder und stimulierende Inhalte verbergen. So öffnet man Apps oft im Autopilot-Modus, ohne wirklich darüber nachzudenken.
  • In-App-Zeiterinnerung: Bevor man eine Social-Media-App oder ein Spiel öffnet, muss man auswählen, wie viel Zeit man darin verbringen möchte. Anstatt tägliche Limits zu setzen, wählt man die Zeit für jede einzelne Session. Wenn die gewählte Zeit abgelaufen ist, wird man benachrichtigt. Möchte man doch länger in der App bleiben, kann man die Zeit nach einer kurzen Pause verlängern.
  • Benachrichtigungsfilter: Minimalist Phone bietet einen Benachrichtigungsfilter, mit dem man Benachrichtigungen von ausgewählten Apps ausblenden kann. Oft dienen diese Benachrichtigungen nur dazu, einen wieder in die App zu locken, wodurch man erneut Zeit mit ziellosem Scrollen verbringst. Zum Beispiel bringt eine Benachrichtigung wie „Hey, dein Freund XY hat gerade ein Bild geliked, schau es dir an“ keinen echten Mehrwert.

Zusätzlich kann man mit Minimalist Phone Apps für mehrere Stunden oder Tage blockieren, um ein längeres digitales Detox durchzuführen. Oder man nutzt ausgewählte Apps in Schwarz-Weiß, wodurch sie deutlich weniger interessant wirken.

Verändertes Benutzerinterface anstatt Blocker

Munich Startup: Aber das gibt’s doch schon längst!

Martin Moravek: In dieser Kombination von Features gibt es das tatsächlich nicht. Es gibt zwar Blocker-Apps, mit denen man lediglich andere Apps blockieren kann, aber wir gehen die Ursache direkt an und verändern das Benutzerinterface, das unerwünschte Verhaltensmuster auslöst. Minimalist Phone hat bisher über vier Millionen Downloads erzielt, was zeigt, dass dieser Ansatz nicht nur einzigartig ist, sondern auch gut ankommt.

Munich Startup: Was ist Eure Gründungsstory?

Martin Moravek: Ich bin Softwareentwickler und habe früher als Freelancer für verschiedene Startups gearbeitet. Im Jahr 2020 wollten viele Firmen aufgrund der Unsicherheit durch Covid Geld sparen, und ich hatte für ein paar Wochen keine Aufträge. Das Problem zeigte sich schnell: Ich verbrachte immer mehr Zeit auf meinem Handy. Plötzlich war ich eine halbe Stunde oder sogar länger auf Instagram, ohne mich wirklich daran zu erinnern, warum ich die App überhaupt geöffnet hatte. Das war sehr frustrierend.

Da ich mich außer für User Interfaces auch für Psychologie interessiere und gerne Studien und Artikel darüber lese, suchte ich nach der Ursache. Was mir als Erstes auffiel, waren die Icons. Sie verleiteten mich dazu, Apps gedankenlos zu öffnen.

Innerhalb von vier Wochen hatte ich ein MVP (Minimum Viable Product) der App entwickelt – damals nur das iconlose Benutzerinterface, ohne die vielen Features, die Minimalist Phone heute bietet.

Die ersten zwei Jahre habe ich in meiner Freizeit an der App gearbeitet. Heute gibt es ein sechsköpfiges Team und das gesamte Projekt ist bootstrapped.

Bürokratische Hürden bei der Gründung

Munich Startup: Was waren bisher Eure größten Herausforderungen?

Martin Moravek: Die größten Herausforderungen bisher waren für uns vor allem die bürokratischen Hürden bei der Gründung in Deutschland. Ich muss sagen, dass der Gründungsprozess hierzulande oft sehr langsam und frustrierend ist. Man sollte es sich zweimal überlegen, bevor man in Deutschland gründet, da die Zeit, die man bei der Gründung sparen könnte, besser anderswo genutzt werden kann –zum Beispiel in der Produktentwicklung.

Außerdem ist derzeit die größte Herausforderung, von einer „One-Man-Show“ zu einem größeren Team zu skalieren. Man muss sich viele Gedanken über die Aufteilung von Aufgaben machen und darauf achten, die Qualität des Produkts zu bewahren.

Munich Startup: Wo möchtet Ihr in einem Jahr stehen, wo in fünf Jahren?

Martin Moravek: In einem Jahr möchten wir Minimalist Phone auch für iOS anbieten. Derzeit ist die App nur für Android verfügbar, aber wir arbeiten intensiv daran, sie auch für iPhone-Nutzer zugänglich zu machen.

In fünf Jahren sehen wir Minimalist Phone als die bekannte und klare Wahl für jeden, der weniger Zeit auf seinem Handy verbringen möchte. Unser Ziel ist es, das Bewusstsein für einen achtsamen Umgang mit Smartphones weltweit zu stärken und Millionen von Menschen dabei zu helfen, ihre Smartphone-Nutzung positiv zu verändern.

Nachhaltiges Wachstum anstatt kurzfristiger Hype

Munich Startup: Wie habt Ihr den Startup-Standort München bisher erlebt?

Martin Moravek: Ich wohne seit zwölf Jahren in München und finde die Stadt großartig zum Leben. Wir arbeiten im Base Coworking Space, der uns viele wertvolle Kontakte ermöglicht. Wenn wir an Startup-Events teilnehmen, finden diese allerdings meist außerhalb von München statt. Zum Beispiel waren wir auf der Slush-Konferenz in Helsinki, die wirklich eine tolle Erfahrung war.

Munich Startup: Hidden Champion oder Shooting Star?

Martin Moravek: Wir sehen uns eher als Hidden Champion. Obwohl wir mit Minimalist Phone bereits über vier Millionen Downloads erzielt haben, sind wir noch nicht im breiten öffentlichen Bewusstsein verankert. Unser Fokus liegt darauf, im Hintergrund kontinuierlich ein exzellentes Produkt zu entwickeln, das Menschen dabei hilft, weniger Zeit auf ihrem Handy zu verbringen. Wir glauben an nachhaltiges Wachstum und langfristige Wertschöpfung statt an kurzfristigen Hype.

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