Deutschland und Großbritannien wollen bei Zukunftstechnologien enger zusammenarbeiten. Am 8. Oktober 2026 haben beide Länder den neuen „Industrial Tech Corridor“ angekündigt. Die Initiative soll Technologieunternehmen mit Industriepartnern und InvestorInnen vernetzen. Ein gemeinsamer Fördertopf stellt zudem 20 Millionen Euro für Quantenforschung bereit. Auch Münchner Unternehmen profitieren von der Zusammenarbeit: Microagi schafft 180 Arbeitsplätze in London, Proxima Fusion baut seinen britischen Standort aus.
Die Initiative ist Teil des Kensington-Vertrags, mit dem Deutschland und Großbritannien ihre bilaterale Zusammenarbeit stärken. Zu den Unterstützern gehören große Industriekonzerne wie Allianz, Bosch, RWE und Siemens. Der neue Technologiekorridor soll insbesondere wachstumsstarken Unternehmen helfen, internationale Partnerschaften aufzubauen, neue KundInnen zu gewinnen und ihre Technologien schneller in die industrielle Anwendung zu bringen.
Microagi schafft 180 Jobs, Proxima Fusion expandiert
Für zwei Münchner Deeptech-Unternehmen bringt die Zusammenarbeit konkrete Expansionspläne mit sich. Das auf Robotik spezialisierte Startup Microagi erweitert seine Präsenz in London und will dort 180 neue, gut bezahlte Arbeitsplätze schaffen. Das Unternehmen entwickelt Technologien im Bereich Physical AI, also Künstliche Intelligenz, die mit der physischen Welt interagiert und beispielsweise in Robotern zum Einsatz kommt.
Bercan Kiliç, CEO von Microagi, erklärt:
„Großbritannien und Deutschland beherbergen einige der weltweit stärksten Industrieunternehmen. Unser Ziel ist es, ihnen mithilfe von Physical AI eine führende Rolle in der nächsten industriellen Revolution zu ermöglichen.“
Auch Proxima Fusion setzt auf den britischen Markt. Das Münchner Fusions-Startup erweitert seinen Standort in Culham, einem bedeutenden britischen Zentrum für Fusionsforschung. Bis 2028 könnte sich die Zahl der dortigen Mitarbeitenden vervierfachen.
Proxima Fusion arbeitet an der Entwicklung eines kommerziellen Fusionskraftwerks. Dabei spielt die britische Ingenieurskompetenz eine wichtige Rolle. Francesco Sciortino, Mitgründer und CEO von Proxima Fusion, sagt:
„Wir teilen mit unseren britischen Partnern das Ziel, wissenschaftliche Spitzenleistungen in eine neue Fusionsindustrie zu überführen und qualifizierte Arbeitsplätze in Großbritannien und Deutschland zu schaffen.“
20 Millionen Euro für gemeinsame Quantenforschung
Neben der industriellen Zusammenarbeit wollen beide Länder auch ihre Forschungsaktivitäten ausbauen. Dafür stellen sie gemeinsam rund 20 Millionen Euro für Projekte im Bereich Quantentechnologie bereit.
Die Förderung soll unter anderem die Entwicklung von Quantencomputern, Anwendungen im Finanzsektor und Quantensensoren vorantreiben. Letztere könnten beispielsweise neue Möglichkeiten für die medizinische Forschung eröffnen.
Hinzu kommt eine bereits im September gestartete gemeinsame Forschungsförderung über 2,4 Millionen britische Pfund. Sie richtet sich an Forschungsprojekte in den Bereichen saubere Energie, Lebenswissenschaften und synthetische Biologie. Einzelne Vorhaben können Fördermittel von bis zu 350.000 Pfund erhalten.
Auch beim Thema Künstliche Intelligenz soll die Zusammenarbeit enger werden. Das britische Softwareunternehmen Quantexa plant beispielsweise den Aufbau einer eigenen Geschäftseinheit für souveräne KI-Lösungen in Deutschland.
Bundesdigitalminister Karsten Wildberger sieht in der Initiative eine Chance für europäische Technologieunternehmen:
„Gemeinsam mit Großbritannien schaffen wir eine ideale Startrampe für KI-Unternehmen, die international skalieren wollen.“
Der Tech-Korridor soll damit nicht nur den Markteintritt erleichtern, sondern auch Europas digitale Souveränität stärken.
Celonis und Siemens unterstützen die Initiative
Auch das Münchner Softwareunternehmen Celonis gehört zu den Unterstützern der neuen Partnerschaft. Das Unternehmen sieht insbesondere in der Verbindung von technologischer Innovation und industrieller Nachfrage großes Potenzial.
Bastian Nominacher, Mitgründer und Co-CEO von Celonis, erklärt:
„Der neue Tech-Korridor schafft eine wesentliche Grundlage für eine engere deutsch-britische Zusammenarbeit, indem er technologische Innovation mit industrieller Nachfrage unter einem gemeinsamen regulatorischen und sicherheitspolitischen Rahmen verbindet.“
Großbritannien ist für Celonis bereits ein strategischer Wachstumsmarkt. Das Unternehmen will dort insbesondere den Einsatz von Enterprise AI vorantreiben.
Auch Siemens unterstützt das Vorhaben. Cedrik Neike, Mitglied des Vorstands und CEO von Siemens Digital Industries, betont, dass der größte wirtschaftliche Nutzen von Künstlicher Intelligenz nicht allein aus der Technologie selbst entstehe, sondern aus ihrer Anwendung in der realen Wirtschaft.
Der Industrial Tech Corridor soll genau hier ansetzen: Technologieunternehmen erhalten Zugang zu industriellen Partnern, während etablierte Konzerne neue Lösungen schneller einsetzen können. Für das Münchner Startup-Ökosystem eröffnet die Partnerschaft damit zusätzliche Möglichkeiten zur Internationalisierung.












