Munich Startup
Velth: Arbeitsschutz raus aus dem Aktenordner

Velth: Arbeitsschutz raus aus dem Aktenordner

Credit: Velth

Credit: Velth

Saskia Doll

Saskia Doll

Gefährdungsbeurteilungen sind für Arbeitgeber Pflicht, trotzdem scheitert ihre Umsetzung in vielen Betrieben am Aufwand. Velth bündelt die Arbeitsschutzdokumentation an einem Ort und erstellt strukturierte Entwürfe für Gefährdungsbeurteilungen und weitere erforderliche Dokumente. Hinter dem Startup stehen fünf GründerInnen, die sich unter anderem über das Münchner Hochschulumfeld kennengelernt haben. Co-Founder Frederik Tress bringt KI-Erfahrung aus der Group IT von BMW mit und studiert Informatik an der LMU München. Im Interview erklärt er, warum Velth bewusst für den Mittelstand entwickelt wird und weshalb bei KI im Arbeitsschutz fachliche Qualität vor Geschwindigkeit geht.

14. September 2026

5 Min. Lesezeit

Munich Startup: Für welches Problem bietet ihr eine Lösung?

Frederik Tress, Co-Founder: Jeder Arbeitgeber in Deutschland muss die Gefährdungen im Betrieb beurteilen und das Ergebnis dokumentieren, ab dem ersten Beschäftigten. Nach der GDA-Betriebsbefragung führt trotzdem nur gut die Hälfte der Betriebe überhaupt eine Gefährdungsbeurteilung durch und von diesen durchläuft nur eine Minderheit alle vorgeschriebenen Prozessschritte. Das liegt selten am Fachwissen. Es liegt daran, dass an einer Gefährdungsbeurteilung noch ein halbes Dutzend anderer Dokumente hängt: Sicherheitsdatenblätter, Gefahrstoffverzeichnis, Betriebsanweisungen, Unterweisungsnachweise. Ändert sich etwas im Betrieb, muss alles davon nachgezogen werden, meistens in Word und auf einem Ordnerlaufwerk. Für die meisten Geschäftsführer ist das ein zähes Thema, das man vor sich herschiebt. Velth führt diese Dokumente an einem Ort zusammen und erzeugt für jedes einen strukturierten Entwurf. Freigeben muss ihn weiterhin eine fachkundige Person, verantwortlich bleibt der Arbeitgeber.

Munich Startup: Was könnt nur ihr Stand heute?

Frederik Tress: Software für Gefährdungsbeurteilungen gibt es seit Jahren und im Gefahrstoffbereich lesen mehrere Anbieter Sicherheitsdatenblätter automatisch ein und erzeugen daraus Verzeichnis und Betriebsanweisung. Was davor fehlt, ist der Einstieg. Diese Werkzeuge setzen voraus, dass jemand im Betrieb weiß, welche Tätigkeiten zu beurteilen sind und welcher Katalog dazu passt. Genau daran scheitern Betriebe ohne eigene Arbeitsschutzabteilung.

Bei uns beschreibt der Betrieb seine Tätigkeit in eigenen Worten, Velth erkennt Branche und Gefährdungen dazu und alle Folgedokumente hängen an denselben Daten. Ändert sich etwas, ziehen Gefährdungsbeurteilung, Maßnahmenplan, Betriebsanweisung und Unterweisung mit, nicht nur der Gefahrstoffzweig. Das klingt unspektakulär, ist aber genau der Grund, warum die Dokumentation in kleinen Betrieben nach zwei Jahren nicht mehr stimmt.

Velth adressiert den Mittelstand

Munich Startup: Was war der Auslöser für die Gründung?

Frederik Tress: Wir haben uns bei Muniquant kennengelernt, dem Quantitative-Finance-Club der TUM. Wir hatten alle vorher schon in oder mit Startups gearbeitet, aber der eigentliche Auslöser war ein ganz anderer: Durch den familiären Hintergrund eines unserer Mitgründer im Bereich Arbeitsschutz haben wir hautnah mitbekommen, vor welchen Hürden Betriebe in der Praxis stehen. Jeder Betrieb hat hier dieselbe gesetzliche Pflicht, aber das nötige Wissen dazu steckt oft mühsam in Word-Dateien, Aktenordnern und den Köpfen einzelner Leute. Ich bin im April dazugekommen, weil dieser Schmerz absolut echt ist und ich gesehen habe, wie viel Zeit das im Alltag kostet.

Der deutsche Mittelstand bekommt beim Thema Software meistens eine von zwei Optionen: eine Lösung, die für Konzerne gebaut und drei Nummern zu groß ist oder: gar keine. Arbeitsschutz ist dafür das beste Beispiel. Die Pflicht gilt ab dem ersten Mitarbeiter, die Werkzeuge sind aber auf Unternehmen mit eigener Arbeitsschutzabteilung ausgelegt. Wir wollten an etwas arbeiten, das eine echte Erleichterung bringt und wirklich für die KMUs in Deutschland gebaut ist.

Munich Startup: Gab es einen Moment, in dem ihr ans Aufgeben gedacht habt?

Frederik Tress: Ans Aufgeben nicht, aber es gab einen Punkt, an dem wir gemerkt haben, wie viel Arbeit noch vor uns liegt. Ein Entwurf, der auf den ersten Blick gut aussieht, reicht im Arbeitsschutz nicht. Eine Sicherheitsfachkraft merkt in zwei Minuten, ob eine Gefährdungsbeurteilung fachlich trägt oder nur plausibel klingt. Als uns das erste Mal jemand aus der Praxis Zeile für Zeile auseinandergenommen hat, war klar: entweder wir gehen bei der Qualität bis ganz nach unten oder wir lassen es. Wir haben uns für den langen Weg entschieden und arbeiten seitdem eng mit Sicherheitsfachkräften zusammen, die uns ungeschönt sagen, was noch nicht passt. Das kostet Zeit, ist aber der einzige Weg in einem Feld, in dem am Ende Menschen geschützt werden sollen.

Langfristige Nutzung des Tools entscheidend

Munich Startup: Woran würdet ihr in einem Jahr erkennen, dass ihr auf dem richtigen Weg seid?

Frederik Tress: Wenn auch wirklich alle Betriebe, die Velth nutzen und nutzen werden, ihre Dokumente auch tatsächlich darin pflegen, statt sie einmal zu exportieren und danach wieder in Word weiterzuarbeiten. Die Zahl der Neukunden interessiert uns dabei weniger als die Frage, ob jemand nach sechs Monaten noch im Tool arbeitet. Arbeitsschutz ist kein Thema, das man einmal erledigt, und wenn wir es schaffen, dass Betriebe von selbst zurückkommen, wenn sich etwas ändert, dann funktioniert das Produkt und genau dann sind wir erfolgreich mit unserer Mission.

Munich Startup: Würdet ihr wieder in München gründen und warum?

Frederik Tress: Ja, aber nicht nur wegen des Startup-Ökosystems. Für uns zählt die Nähe zu den Betrieben, an die wir verkaufen: Verbände, Innungen und Mittelstand im Umland. Wir sitzen nicht nur in München, wir sind über die Hochschule Heilbronn und die Campus Founders auch in Heilbronn stark vernetzt. Für ein Produkt, das an Handwerk, Bau und Logistik verkauft wird, ist diese Nähe in Bayern und Baden-Württemberg sehr viel wert. Dazu kommt, dass wir über die LMU München und die TU München einfach an wertvolle und unterstützende Verbindungen kommen.

Munich Startup: Fokus oder Diversifikation?

Frederik Tress: Fokus, denn wir machen Arbeitsschutzdokumentation für den Mittelstand und ansonsten nichts. Dass wir mehrere Branchen abdecken, ist kein Widerspruch dazu, sondern die Voraussetzung: ein Malerbetrieb und eine Spedition haben völlig unterschiedliche Gefährdungen, aber dieselbe Pflicht und denselben Prozess. Die Versuchung, nebenbei noch Schulungen, Zeiterfassung oder Qualitätsmanagement anzubieten, ist groß, weil die Nutzer danach fragen, aber solange die Qualität unserer Dokumente nicht überall stimmt, wäre das momentan noch der falsche Weg.

Mehr davon

Passende Beiträge zum Weiterlesen

PanelWave: Münchner Startup entwickelt offenes Format für Comics
Interviews

PanelWave: Münchner Startup entwickelt offenes Format für Comics

19.10.26
5 Min.
Klarbeats: Mehr Überblick für Fußballvereine
Interviews

Klarbeats: Mehr Überblick für Fußballvereine

16.10.26
4 Min.
Munich Startup Experts: Rechtsformwahl für Startups
Interviews

Munich Startup Experts: Rechtsformwahl für Startups

15.10.26
9 Min.
Women in Tech: Eva Bodenmüller & Grace Forsyth von Dais
Interviews

Women in Tech: Eva Bodenmüller & Grace Forsyth von Dais

13.10.26
7 Min.
Bella & Bona: Mit Bürolunches in die Gewinnzone
Interviews

Bella & Bona: Mit Bürolunches in die Gewinnzone

12.10.26
4 Min.
Kiolo: Damit wichtige Gespräche nicht verloren gehen
Interviews

Kiolo: Damit wichtige Gespräche nicht verloren gehen

09.10.26
3 Min.
Women in Tech: Doris Diebold von Hey Circle
Interviews

Women in Tech: Doris Diebold von Hey Circle

06.10.26
4 Min.
Caire Health AI: Gesundheitscheck per Kamera
Interviews

Caire Health AI: Gesundheitscheck per Kamera

05.10.26
5 Min.
Wer überzeugt die Investorin? Balderton VC über Münchens Deeptech-Szene
Interviews

Wer überzeugt die Investorin? Balderton VC über Münchens Deeptech-Szene

02.10.26
7 Min.
Women in Tech: Leonie Wagner von Furo
Interviews

Women in Tech: Leonie Wagner von Furo

01.10.26
5 Min.
Upcoming Startups im September
Interviews

Upcoming Startups im September

01.10.26
3 Min.
Dais will mehr als Periodenunterwäsche
Interviews

Dais will mehr als Periodenunterwäsche

28.09.26
5 Min.