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Vom Labor zum Startup: Warum gute Forschung allein nicht reicht

Vom Labor zum Startup: Warum gute Forschung allein nicht reicht

Beim Panel „Gründen in Biotech“ spricht Dr. Philipp Baaske mit Christina Port und Yasmin Gärtner

Credit: Munich Startup

Beim Panel „Gründen in Biotech“ spricht Dr. Philipp Baaske mit Christina Port und Yasmin Gärtner – Credit: Munich Startup

Kyrill Ring

Kyrill Ring

Eine vielversprechende wissenschaftliche Entdeckung ist noch lange kein erfolgreiches Biotech-Produkt. Zwischen Labor und Markt liegen Patente, Finanzierung, Regulierung – und vor allem die Entscheidung, Forschung tatsächlich in die Anwendung bringen zu wollen. Beim Munich Startup Festival diskutierten Moderator Dr. Philipp Baaske und die Gründerinnen Yasmin Gärtner und Christina Port darüber, warum sie diesen Schritt wagen und weshalb ihnen wissenschaftlicher Erfolg allein nicht genügt.

20. August 2026

10 Min. Lesezeit

Biotech kann ziemlich abstrakt klingen. RNA, Epigenetik, fluoreszierende Sonden, personalisierte Medizin: Schnell verschwinden die Menschen hinter den Fachbegriffen. Dr. Philipp Baaske, Vizepräsident für Entrepreneurship an der LMU, Gründer und Executive Chairman von NanoTemper, macht deshalb zu Beginn des Panels „Gründen in Biotech: Wie Forschung zum Unternehmen wird“ auf dem Munich Startup Festival deutlich, warum das Thema für ihn sehr persönlich ist.

Seine Mutter erkrankte 2006 an Brustkrebs. Ihr Leben sei durch ein Biotech-Medikament gerettet worden, erzählt Baaske. Auch sein Vater hatte Krebs, drei seiner vier Großeltern starben daran. Als Physiker könne er selbst zwar keine Medikamente entwickeln. Was er aber entwickeln könne, seien Messinstrumente, die anderen dabei helfen, neue Medikamente schneller zu entwickeln.
Damit ist die zentrale Frage des Panels gesetzt: Wie schafft es Forschung aus dem Labor dorthin, wo sie tatsächlich etwas bewirken kann?

Wenn das Paper nicht mehr reicht

Für Christina Port, Gründerin von 2NA Fish, war genau diese Frage ein wichtiger Auslöser für ihren Weg ins Unternehmertum. Während ihres Postdocs hatte sie an einem Thema gearbeitet und publiziert, mit dem sich PatientInnen mit einer seltenen Krebsart hätten helfen lassen können. Doch danach sollte wissenschaftlich das nächste Projekt folgen: Das vorherige Thema war bereits publiziert, ein Folgeprojekt damit nicht mehr neu genug.

Port störte diese Logik. Es sei „zu viel Blut, Schweiß und Tränen“ in die Forschung geflossen, um am Ende nichts davon in die Welt zu bringen. Parallel zu ihrem Postdoc beschäftigte sie sich deshalb intensiver mit Entrepreneurship, führte User- und Experteninterviews und sprach mit WissenschaftlerInnen und ÄrztInnen. Dabei habe sie festgestellt: Es gibt einen konkreten medizinischen Bedarf. Ihre Konsequenz war denkbar einfach:

„Ich mache das jetzt einfach.“

Bei Yasmin Gärtner, Gründerin von Epicure, begann der Weg weniger geplant. Zum Zeitpunkt des Panels ist ihr Vorhaben noch nicht ausgegründet, sondern als Projekt an der Universität angesiedelt. Gärtner beschreibt ihren Einstieg selbst als eine Art Hineinrutschen. Für das geplante Spin-off wurde ein Biochemiker beziehungsweise eine Biochemikerin gebraucht, sie fand die Idee spannend und stieg ein.

Auch ihre wissenschaftliche Laufbahn war ursprünglich nicht bis ins Detail geplant. Gärtner kam aus der Industrie, hatte zunächst eine Ausbildung absolviert und gearbeitet, bevor sie studierte. Selbst eine Promotion hatte sie zunächst nicht unbedingt vor. Durch Networking landete sie schließlich in der Forschungsgruppe von Thomas Carell und aus der Mitarbeit an einem Projekt neben ihrer eigentlichen Promotion wurde nach und nach ein Ausgründungsvorhaben.

Zwei ziemlich unterschiedliche Wege also, die zum selben Punkt führen: Gute Forschung allein genügt nicht, wenn daraus keine Anwendung entsteht.

Die richtige Therapie für die richtigen PatientInnen

Ports Technologie soll dabei helfen, Genaktivität direkt im Gewebe sichtbar zu machen. Mit spezifischen DNA-Nanostrukturen werden RNA-Moleküle im Gewebekontext gemessen. Das Gewebe muss dafür nicht aufgelöst werden. Fluoreszierende Sonden binden an die entsprechenden Ziel-RNAs, anschließend werden Mikroskopiebilder aufgenommen und mit einer KI-basierten Software ausgewertet. Innerhalb von ein bis zwei Stunden soll so eine quantitative Analyse entstehen.
Das Ziel dahinter: besser vorhersagen zu können, welche Therapie bei welchen PatientInnen funktionieren könnte.

Port verweist darauf, dass weltweit Milliarden in die Entwicklung neuer Therapien investiert werden. Gleichzeitig spreche ein großer Teil der KrebspatientInnen nicht auf die jeweilige Therapie an. Eine bessere Diagnostik könnte aus ihrer Sicht helfen, PatientInnen gezielter den passenden Therapien zuzuordnen.

Das hätte nicht nur Auswirkungen auf die Behandlung selbst. Bereits in klinischen Studien könnten PatientInnen gezielter ausgewählt und neue Therapien dadurch potenziell schneller und günstiger entwickelt werden.

Ein Molekül gegen die Heterogenität von Tumoren

Gärtners Projekt setzt an einer anderen Herausforderung der Krebsmedizin an: der Heterogenität von Tumoren.

Das Team hat ein kleines Molekül entwickelt, das auf epigenetischer Ebene wirkt. Vereinfacht gesagt beschäftigt sich Epigenetik damit, welche Gene in der DNA an- beziehungsweise abgeschaltet sind. Bei Tumoren besteht das Problem laut Gärtner häufig darin, dass nicht jede Zelle der anderen gleicht. Eine einzelne Therapie erreicht deshalb womöglich nicht sämtliche Zellen gleichermaßen.

Genau dort soll das entwickelte Molekül ansetzen: Es verändert die Epigenetik der Zellen und soll dadurch heterogener auf den Tumor wirken können. Perspektivisch könnte das Molekül theoretisch sogar als Tablette verabreicht werden. Gärtner betont allerdings, dass dafür noch weitere Forschung nötig sei.

Gerade daran wird deutlich, wie lang der Weg eines Biotech-Startups sein kann. Die Gründung beginnt nicht mit einem fertigen Produkt. Sie kann zu einem Zeitpunkt starten, an dem zentrale wissenschaftliche Fragen noch beantwortet werden müssen.

Erst das Patent, dann das Paper

Und noch etwas verändert sich beim Schritt aus der Forschung Richtung Startup: die Prioritäten.

In der Wissenschaft spielen Publikationen eine zentrale Rolle. Für ein Unternehmen wird dagegen Intellectual Property entscheidend. Gärtner arbeitet in einer Forschungsgruppe, die bereits Erfahrung mit Ausgründungen hat. Das erleichtere den Prozess. Trotzdem bedeutet die Gründung ein Umdenken: Wenn neue schützenswerte IP entsteht, müsse zunächst diese gesichert werden und erst danach könne publiziert werden.

Port wiederum gründete nicht direkt aus ihrer Promotion heraus. Nach der Promotion begann sie zunächst einen Postdoc und beschäftigte sich zunehmend mit Unternehmertum. Ihre ersten Schritte als Unternehmerin machte sie sogar außerhalb der Biotechnologie mit einem eigenen E-Commerce-Projekt, das sie parallel zu ihrer wissenschaftlichen Arbeit betrieb.

Die beiden Wege zeigen: Der Wechsel von der Wissenschaft ins Unternehmertum ist nicht nur ein beruflicher Wechsel. Er verlangt eine andere Art, über die eigene Arbeit nachzudenken.

„Es war nicht der richtige Berg.“

Warum nimmt man diese zusätzliche Belastung überhaupt auf sich?

Port beschreibt einen Moment während ihrer Doktorarbeit, in dem sie intensiv darüber nachdachte, was sie eigentlich mit ihrem Leben machen wollte. Sie habe bereits damals viel gearbeitet, aber zunehmend das Gefühl gehabt, einen Berg hochzulaufen, der nicht der richtige für sie war.

Gleichzeitig habe sie in ihrem wissenschaftlichen Umfeld wahrgenommen, dass eine akademische Karriere als das höchste erreichbare Ziel galt und andere Karrierewege teilweise wie eine zweite Wahl erschienen. Doch dieser Gedanke habe sich für sie nie richtig angefühlt.

Schließlich entschied sie sich, Entrepreneurship auszuprobieren. Der Gedanke dahinter: Würde sie es nicht versuchen, könnte sie das später bereuen. Zwar gebe es durchaus Tage, an denen sie ihre Entscheidung hinterfrage. Die meiste Zeit sei sie aber froh darüber, das tun zu können, was sie selbst für richtig hält.

Was sie dabei weitermachen lässt, ist vor allem die Überzeugung von der eigenen Technologie. Port glaubt daran, dass sie funktioniert und großes Potenzial besitzt. Ihr selbst gesetzter Grundsatz: Sie macht weiter, bis das Vorhaben funktioniert – oder endgültig gegen die Wand fährt. Noch sei Letzteres nicht passiert.

Moderator des Panels ist Dr. Philipp Baaske, Vizepräsident für Entrepreneurship an der LMU, Gründer und Executive Chairman von NanoTemper. Credit: Munich Startup

„Es bringt nichts, wenn man ein Patent hat und nichts draus macht.“

Auch Gärtner nennt die Technologie selbst als wichtigste Motivation. Sie arbeitet mit dem Produkt im Labor und sieht nach eigener Aussage stabile und robuste Daten. Genau diese Ergebnisse überzeugen sie vom Potenzial des Vorhabens. Und sie will dieses Potenzial zugänglich machen:

„Es bringt nichts, wenn man ein Patent damit hat und man macht nichts draus.“

Daneben reizt sie die persönliche Entwicklung. Eine Gründung bietet ihr die Gelegenheit, nicht nur wissenschaftlich weiterzulernen, sondern erstmals das größere Ganze eines Unternehmens zu verstehen: Wie funktioniert ein Markt? Wie funktioniert ein Unternehmen? Wie werden Entscheidungen getroffen?

Für Gärtner ist die Ausgründung damit nicht nur der Versuch, Forschung zu kommerzialisieren, sondern auch eine Chance, eine vollkommen neue Rolle einzunehmen.

Noch immer zu wenige Gründerinnen

Dass auf der Bühne zwei Gründerinnen sitzen, führt das Gespräch schließlich zur Rolle von Frauen im Startup-Ökosystem.

Gärtner hat dabei persönlich eher positive Erfahrungen gemacht. Sie habe nicht das Gefühl, als Frau fehl am Platz zu sein, und erlebe die Menschen in der Szene grundsätzlich als offen.

Port nimmt ihr Umfeld dagegen als deutlich männerlastig wahr – teilweise noch stärker als die Wissenschaft. Gerade im Biotech- und Life-Science-Bereich sieht sie dabei auch strukturelle Ursachen. Wer nach Studium und Promotion Anfang 30 bereit für eine Gründung ist, könne zeitlich in Konflikt mit der Familienplanung geraten. Männer hätten dabei häufig mehr zeitlichen Spielraum, das könne Frauen von einer Gründung abschrecken. Für Port ist deshalb klar, dass sich auch an den Rahmenbedingungen etwas verändern muss.

20 Millionen Euro – und dann?

Zum Ende des Panels stellt Baaske eine provokante Frage: Würde Port ihr Unternehmen verkaufen, wenn ihr jemand 20 Millionen Euro dafür bieten würde?

Ihre Antwort zeigt ziemlich genau, warum sie überhaupt gegründet hat. Natürlich seien 20 Millionen Euro eine Menge Geld. Entscheidend wäre für sie aber, was anschließend mit dem Unternehmen passiert.

Verschwände die Technologie nach dem Verkauf in einer Schublade, würde sie den Deal nicht machen. Schließlich hätte sie dann fünf Jahre Arbeit investiert, ohne dass das Ergebnis tatsächlich in die Anwendung gelangt.

„Das Paper all over again,“

wie Port es ausdrückt.

Gärtner wiederum nennt Freiheit und die Möglichkeit, selbst zu gestalten, als weitere Reize des Unternehmertums. Sie schätzt es, den eigenen Arbeitstag gestalten und Entscheidungen selbst mitbestimmen zu können. Dabei müsse sie allerdings lernen, mit Unsicherheit umzugehen: Viele unternehmerische Entscheidungen seien Risikoentscheidungen, deren Ausgang sich vorher schlicht nicht kennen lasse.

Gründen heißt plötzlich auch führen

Und natürlich bringt der Wechsel ins Startup Aufgaben mit sich, die im Labor kaum eine Rolle gespielt haben.

Für Port ist Teamführung eine der größten Veränderungen. Wissenschaftliche Arbeit sei häufig von individuellen Projekten geprägt. Zwar werde auch dort kollaboriert, doch ein Team zu führen sei noch einmal etwas völlig anderes.

Eine weitere Überraschung: die Bürokratie. Port hatte erwartet, dass es nach Forschungsanträgen und universitären Prozessen außerhalb der Hochschule einfacher werden würde. Diese Hoffnung hat sich offenbar nicht erfüllt. Der „Bürokratiewahnsinn“ könne auch nach der Gründung gut mit der Universität mithalten, sagt sie.

Was vom Panel bleibt, ist deshalb weniger eine Blaupause für die perfekte Biotech-Ausgründung als eine grundlegende Erkenntnis: Der Schritt vom Labor zum Startup beginnt nicht zwingend mit dem Wunsch, UnternehmerIn zu werden. Er beginnt mitunter mit einer anderen Frage: Was soll mit meiner Forschung eigentlich passieren?

Für Yasmin Gärtner und Christina Port reicht es nicht, wenn die Antwort darauf Patent oder Publikation lautet. Sie wollen, dass aus Forschung Anwendung wird. Dafür müssen sie wissenschaftliche Gewissheiten gegen unternehmerische Unsicherheit tauschen, neue Rollen lernen und Entscheidungen treffen, deren Ausgang sie nicht kennen.

Denn gute Forschung allein reicht nicht. Sie muss irgendwann raus aus dem Labor.

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