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Vom Tabu zum Milliardenmarkt: Warum Startups immer mehr auf Defence setzen

Vom Tabu zum Milliardenmarkt: Warum Startups immer mehr auf Defence setzen

Das „Innovation between Civil & Defence“ Panel auf dem Munich Startup Festival

Credit: Munich Startup

Das „Innovation between Civil & Defence“ Panel auf dem Munich Startup Festival – Credit: Munich Startup

Kyrill Ring

Kyrill Ring

Defencetech erlebt einen Boom. InvestorInnen, Industrie und Bundeswehr suchen verstärkt nach innovativen Technologien. Beim Munich Startup Festival diskutierten ExpertInnen aus Startups, Bundeswehr und Wissenschaft darüber, warum sich zivile und militärische Innovation immer stärker vermischen und was GründerInnen wissen müssen, wenn sie in den Defence-Markt einsteigen.

27. August 2026

7 Min. Lesezeit

Lange war Defence für viele GründerInnen und InvestorInnen ein schwieriges Thema, doch spätestens seit dem russischen Angriff auf die Ukraine hat sich die Wahrnehmung grundlegend verändert. Verteidigungsfähigkeit ist wieder ins Zentrum der politischen Debatte gerückt und mit ihr die Frage, welche Rolle Startups dabei spielen können.

Beim Munich Startup Festival 2026 diskutierten ExpertInnen aus Startups, Bundeswehr und Wissenschaft genau darüber. Moderator Anton Lesnicar macht zu Beginn des Panels „Innovation between Civil and Defence“ deutlich, dass die klassische Trennung zwischen ziviler und militärischer Technologie ohnehin immer weniger funktioniert.

Viele Technologien würden heute schnell und kostengünstig im zivilen Bereich entwickelt und anschließend für Verteidigungsanwendungen genutzt. Gleichzeitig finden Innovationen aus sicherheitskritischen Bereichen ihren Weg in zivile Märkte. Entscheidend sei deshalb die Frage:

„Wie kann man diese zwei Ökosysteme so zusammenführen, dass sie sich gegenseitig sinnvoll befruchten?“

Lesnicar kennt beide Welten. Rund 16 Jahre entwickelte er elektrische Antriebe bei BMW. Heute unterstützt er an der Universität der Bundeswehr München im Rahmen eines NATO-Defence-Accelerators Startups bei der technischen Entwicklung ihrer Produkte, von der Lieferkette bis zum späteren Einsatz beim Kunden.

Defence wird gesellschaftsfähiger

Wie fundamental der Wandel ist, zeigt Timo Zaiser. Er ist Chief Programs Officer beim Startup Project Q, das sich mit der Vernetzung von Sensoren beschäftigt und in München gegründet wurde. Zaiser war selbst Soldat und erinnert sich an Zeiten, in denen SoldatInnen teilweise davon abgeraten wurde, in Uniform mit dem Zug nach Hause zu fahren.

Auch Unternehmen hielten öffentlich lieber Abstand zur Defence-Branche. Bei einem früheren Projekt Zaisers mit einem deutschen Automobilhersteller wurde eine gemeinsame Pressemitteilung verhindert, weil sein damaliges Unternehmen sichtbar im Defence-Bereich tätig war. Heute beobachtet er die gegenteilige Bewegung:

„Automotive drängt in den Defence-Bereich letztendlich hinein.“

Die Sichtbarkeit von Defence im öffentlichen Raum habe sich aus seiner Sicht „supergut“ zum Positiven verändert.

Patrick Jeschke sieht einen ähnlichen Wandel. Als Head of Innovation and Entrepreneurship beim Cyber Innovation Hub der Bundeswehr verantwortet er Innovationsprojekte, die gemeinsam mit Startups für die Bundeswehr umgesetzt werden. Der Hub wurde bereits 2017 gegründet.

Spätestens seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine habe das Thema jedoch eine andere gesellschaftliche Dringlichkeit bekommen. Es gehe zunehmend darum, einen Beitrag zu leisten.

„Auch für unsere eigene Freiheit, für unseren eigenen Frieden.“

Gleichzeitig öffnen sich Förder- und Innovationsprogramme stärker für Defence und Dual Use. EU und NATO wollen junge Technologieunternehmen schneller mit Kapital, Testmöglichkeiten und potenziellen AnwenderInnen zusammenbringen. Für Startups entsteht damit ein Markt, der lange schwer zugänglich war.

„Nothing beats Reality“

Doch Defencetech ist kein Markt, den Startups allein mit einem überzeugenden Pitch erobern können. Das zeigt Steffen Müller. Er ist Geschäftsführer und Mitgründer der Wolf Radar GmbH aus Erlangen. Das junge Defencetech-Unternehmen entwickelt Radartechnologie zur Erkennung, Ortung und Abwehr von Drohnen.

Bereits im ersten Jahr entwickelte das Team zwei Prototypen und testete diese mit konkreten Stakeholdern, darunter der Cyber Innovation Hub und etablierte Defence-Unternehmen. Müllers wichtigste Erkenntnis:

„Nothing beats Reality. Man muss abliefern.“

Die Branche sei „sehr, sehr ergebnisorientiert“. Natürlich gehöre auch ein Pitch dazu, am Ende müsse ein Startup aber beweisen, dass seine Technologie ein konkretes Problem tatsächlich lösen kann. Genau das habe Wolf Radar Glaubwürdigkeit und Sichtbarkeit bei potenziellen Kunden verschafft.

Doch der Weg vom Prototypen zum Auftrag bleibt anspruchsvoll. Lesnicar beschreibt drei Bereiche, in denen junge Unternehmen Unterstützung benötigen: beim Business und der Finanzierung, bei der Produktentwicklung und vor allem beim Verständnis des tatsächlichen militärischen Bedarfs.

„Wenn man nicht versteht, was der Kunde will, wird es wahrscheinlich zu teuer oder zu lang dauern.“

Im schlimmsten Fall werde es schwierig, die eigene Technologie überhaupt zu platzieren.

„Die Bundeswehr sucht keine Produkte“

Patrick Jeschke bringt einen der entscheidenden Unterschiede zum klassischen B2B-Markt auf den Punkt:

„Die Bundeswehr und das Militär suchen keine Produkte, sondern Fähigkeiten.“

Für Startups bedeutet das: Nicht allein technische Spezifikationen sollten im Mittelpunkt stehen. Entscheidend ist die Frage, welches Problem die Technologie für SoldatInnen löst.

Eine militärische Anforderung könne beispielsweise „abstandsfähige Kampfmittelräumung“ heißen. Welche technische Lösung dafür notwendig ist, müsse erst daraus abgeleitet werden. Wer in den Defence-Markt möchte, muss also stärker vom Anwendungsfall als vom eigenen Produkt aus denken.

Der Cyber Innovation Hub übernimmt genau diese Vermittlerrolle zwischen Startups und Bundeswehr. Zum Zeitpunkt des Panels hatte er laut Jeschke 218 Innovationsprojekte durchgeführt. Innerhalb von zwölf Monaten sollen Ideen recherchiert, Lösungen beschafft und gemeinsam mit SoldatInnen unter realen Bedingungen getestet werden, etwa auf Truppenübungsplätzen oder Schießbahnen.

Für Bundeswehr-Verhältnisse sei das eine, wie Jeschke selbst sagt, „unglaublich schnelle“ Herangehensweise.

Foto: Munich Startup

Wo endet die Verantwortung der KI?

Doch der Defence-Boom wirft nicht nur wirtschaftliche Fragen auf. Je leistungsfähiger KI und autonome Systeme werden, desto wichtiger werden auch ethische Grenzen.

Christopher Koska bringt dazu bewusst die Perspektive außerhalb der Rüstungsindustrie ein. An der Universität Augsburg beschäftigt er sich unter anderem mit Responsible AI und Vorhersagemodellen in der industriellen Produktion.

Koska hält es für problematisch, Maschinen selbst Verantwortung zuzuschreiben. Bei einer Maschine könne man eher über Verlässlichkeit sprechen. Die Verantwortung liege weiterhin bei den Menschen hinter dem System.

„Im ersten Reflex und im letzten Moment ist natürlich immer ein Mensch verantwortlich dafür.“

Entscheidend sei allerdings, ob dieser Mensch überhaupt noch sinnvoll eingreifen kann. Koska spricht von „Meaningful Human Control“. Fehlt diese Kontrolle, könne ein Mensch formal verantwortlich gemacht werden, obwohl er faktisch kaum noch Einfluss auf die Entscheidung des Systems besitzt.

Gerade bei autonomen Drohnen, Fahrzeugen oder KI-gestützten Systemen wird diese Frage zunehmend relevant. Technologische Leistungsfähigkeit und Verantwortung wachsen damit gleichzeitig.

Dual Use funktioniert in beide Richtungen

Dabei bedeutet Defencetech nicht automatisch Waffentechnologie. Sensorik, Kommunikation, Cybersecurity oder der Schutz kritischer Infrastruktur zeigen, wie fließend die Grenzen geworden sind.

Project Q ist dafür ein Beispiel. Das Startup entwickelte seine Technologie zunächst mit einem klaren Fokus auf Defence. Inzwischen sieht Zaiser einen „ungemein großen Quernutzen“ für zivile Anwendungen – etwa beim Schutz kritischer Infrastruktur oder von Bahngleisen.

„Das Thema zwischen Heimatschutz und wirklichem Militär wird immer und immer mehr verschwimmen.“

Ähnlich sieht es Müller bei Wolf Radar. Ob seine Radartechnologie Drohnen rund um militärische Einrichtungen oder Angriffe auf zivile Infrastruktur erkennen soll, macht technologisch kaum einen Unterschied.

„Wir sind mit beiden Beinen sowohl im Defence wie auch im Dual Use Bereich unterwegs“,

sagt Müller. Das Ziel bleibe dasselbe: Bedrohungen erkennen und anschließend neutralisieren.

Foto: Munich Startup

München als Defencetech-Hub

Gerade München und Bayern könnten von dieser Entwicklung profitieren. Forschungseinrichtungen, die Universität der Bundeswehr, etablierte Defence-Unternehmen, neue Defencetech-Player, spezialisierte Zulieferer, Investoren und Acceleratoren treffen hier auf engem Raum zusammen.

Für Müller sind genau das die Zutaten, die Startups brauchen: Zugang zu Forschung, großen Defence-Unternehmen und neuen „Neo Primes“, lokalen Zulieferern und sicheren Lieferketten sowie zu Einrichtungen wie Palladion und Infrastruktur, auf der Technologien tatsächlich getestet werden können. Auch in der Investorenszene sei mittlerweile deutlich mehr Aufmerksamkeit für den Bereich vorhanden.

Damit trifft die Diskussion auf dem Munich Startup Festival einen Nerv. Deutschland und Europa investieren stärker in ihre Verteidigungsfähigkeit und suchen gleichzeitig nach Wegen, technologische Innovation schneller in die Anwendung zu bringen.

Für Startups eröffnet das enorme Chancen. Doch der neue Defence-Markt verlangt mehr als Kapital und gute Pitches. GründerInnen müssen zeigen, dass ihre Technologien funktionieren, konkrete Fähigkeiten schaffen und sich gleichzeitig damit auseinandersetzen, welche Verantwortung mit ihrem Einsatz verbunden ist.

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