Munich Startup: Was hat dich zur Gründung motiviert?
Doris Diebold: 2019 wollte ich mit meiner Arbeit unbedingt einen positiven Impact schaffen. Als zweifache Mutter habe ich viel online bestellt und mich jedes Mal geärgert, dass eine eigentlich wertige Verpackung nach einem einzigen Transportweg im Müll landet. Eine nachhaltige Versandlösung gab es schlicht nicht. Aus meinen 14 Jahren im Konzern wusste ich, wie sehr am Ende die Wirtschaftlichkeit über solche Entscheidungen bestimmt. Genau das wollte ich nutzen, um zu zeigen, dass Mehrweg im Versand ökologisch und ökonomisch funktioniert. Also habe ich meinen sicheren Job verlassen und Hey Circle gegründet.
Munich Startup: Was hättest du gerne vor deiner ersten Gründung gewusst?
Doris Diebold: Wie lange es dauert, etablierte Logistik- und Handelsprozesse zu verändern. Märkte, die über Jahrzehnte auf Einweg optimiert wurden, drehen sich nicht über Nacht. Und dass man als Gründerin nicht in allem Expertin sein muss. Am Anfang habe ich gedacht, ich müsste jede Antwort parat haben. Heute weiß ich: Viel wichtiger ist, die richtigen Fragen zu stellen, sich ehrliches Feedback von Menschen zu holen, die den Markt kennen.
Munich Startup: Wie ist dein Unternehmen bislang finanziert?
Doris Diebold: Wir haben in der Anfangszeit vieles aus eigener Kraft und über erste Umsätze gestemmt. Ende 2023 haben wir eine Seed-Runde über 1,5 Millionen Euro abgeschlossen und diese in 2024 auf 2,2 Millionen Euro aufgestockt mit Business Angels und Impact-orientierten Investoren, die zu unserer Vision passen. Dazu kommt das wachsende Kundengeschäft, das uns Schritt für Schritt trägt.
Einfälle kommen in Bewegung oder im Gespräch
Munich Startup: Wann und wo bekommst du die besten Ideen?
Doris Diebold: Selten am Schreibtisch. Die besten Gedanken kommen mir in Bewegung – beim Sport am Morgen und an der frischen Luft – und im direkten Gespräch: mit unseren Kundinnen und Kunden, wenn ich sehe, wo es in ihrem Versandalltag wirklich hakt, und im Austausch mit dem Team.
Munich Startup: Was sind deine 3 liebsten Arbeitstools?
Doris Diebold: Unser CRM für alles rund um Kunden und Vertrieb (Pipedrive), KI Tools, um Fragen schnell zu beantworten und Rechenmodelle zu bauen und tatsächlich ganz einfach Stift und Papier um die Gedanken zu sortieren.
Munich Startup: Dein Top-Tipp zum Thema „Pitchen“?
Doris Diebold: Kenne deine Zahlen und sei ehrlich und authentisch. Ein Pitch überzeugt durch ein klares Problem, eine glaubwürdige Lösung und belastbare Zahlen. Teile deine Vision und begeistere dafür, aber mit echten Belegen dahinter.
„Innovation braucht es zu jeder Zeit“
Munich Startup: Erscheint es dir gerade als eine gute Zeit, um zu gründen? Warum?
Doris Diebold: Ja, denn Innovation braucht es zu jeder Zeit. Im Kreislauf- und Nachhaltigkeitsbereich macht die EU-Verpackungsverordnung (PPWR) aus einem „nice to have“ eine Notwendigkeit: Ab 2030 kommen verbindliche Mehrwegvorgaben und der Druck auf Einweg steigt. Wer jetzt praktikable Lösungen baut, trifft auf einen Markt, der sich öffnet. Dass Kapital selektiver ist als noch vor ein paar Jahren, sehe ich sogar als Vorteil: Es zwingt zu Fokus und Wirtschaftlichkeit und das baut gesündere Unternehmen.
Munich Startup: Auf welche Technologie oder Branche würdest du bei deiner nächsten Gründung setzen?
Doris Diebold: Ich bin da voreingenommen: Kreislaufwirtschaft. Besonders spannend finde ich alles, was Kreisläufe mit Daten schließt: digitale Produktpässe, Track-and-Trace für Mehrwegobjekte, smarte Rückführungslogistik. Ich würde vermutlich wieder an der Schnittstelle aus Nachhaltigkeit, Logistik und Digitalisierung ansetzen.

Hey Circle entwickelt wiederverwendbare Versandboxen und -taschen für den E-Commerce und B2B-Versand.
Die Mehrwegverpackungen ersetzen im Schnitt rund 50 Einwegkartons und sparen laut Unternehmen bis zu 94 Prozent Abfall und 76 Prozent CO2. Nach der Nutzung lassen sie sich zurückführen und erneut in den Versandkreislauf bringen.
Unter dem Leitmotiv „choose reuse“ will das 2021 gegründete Startup Mehrweg als wirtschaftliche Alternative zu Einwegverpackungen etablieren.
Munich Startup: Was könnte aus deiner Sicht am Gründungsstandort München noch verbessert werden?
Doris Diebold: München hat starke Netzwerke, viel Talent und gute Kapitalgeber, aber der Standort ist teuer für Büros wie fürs Leben. Mehr bezahlbarer Raum für junge Teams, schnellere und unbürokratischere Förderprozesse und noch engere Brücken zwischen den großen Industrie- und Handelsunternehmen und der Startup-Szene würden enorm helfen.
Munich Startup: Welche Gründerin oder welchen Gründer würdest du gerne einmal persönlich treffen? Und was würdest du sie oder ihn fragen?
Doris Diebold: Ich würde gern jemanden treffen, der Nachhaltigkeit konsequent zum Geschäftsmodell gemacht hat, zum Beispiel Yvon Chouinard, den Gründer von Patagonia. Meine Frage wäre: Wie hält man über Jahrzehnte die Balance zwischen echtem ökologischem Anspruch und wirtschaftlichem Wachstum, ohne dass eines das andere auffrisst?










