Munich Startup: Für welches Problem bietet ihr eine Lösung?
Amir Zahiri, Co-Founder: Aktive Frauen nutzen bereits Wearables, tracken ihre Workouts und achten auf ihre Ernährung, aber viele der Informationen, die sie erhalten, beschränken sich immer noch auf eine Punktzahl oder ein Dashboard. Wir sehen dabei drei Probleme. Erstens können physiologische Signale genau dann unzuverlässiger werden, wenn Bewegung und Trainingsintensität zunehmen. Zweitens basierte ein Großteil der Sport- und Bewegungswissenschaft historisch gesehen auf männerdominierter Forschung und wurde nicht speziell auf die weibliche Physiologie ausgerichtet. Und drittens, selbst wenn ein Wearable eine Veränderung erkennt, muss die Nutzerin oft selbst entscheiden, was sie dann unternimmt.
Unser Ziel mit Zura ist es, diese Lücke zwischen Messung und Handlung zu schließen. Wir möchten die individuellen Ausgangswerte jeder Frau verstehen und diese nutzen, um praktische Fragen zu beantworten: Sollte sie heute trainieren oder sich erholen? Sollte ihr Trainingsumfang angepasst werden? Muss ihre Ernährung verändert werden? Und wenn wir dann eine Empfehlung aussprechen, hat diese dann auch tatsächlich funktioniert? Zura ist nicht einfach nur darauf ausgelegt, ihr eine weitere Kennzahl zu geben, sondern physiologische Prozesse in Entscheidungen umzuwandeln.
Munich Startup: Was könnt nur ihr Stand heute?
Amir Zahiri: Wir kombinieren zwei Dinge, die normalerweise getrennt sind: einen adaptiven KI-Coach, der bereits im Einsatz ist, und unsere eigene Hardware zur Erfassung physiologischer Daten über das Ohr. Unser erster Validierungsprototyp für einen intelligenten Ohrring misst Herzfrequenz, Herzfrequenzvariabilität (HRV), Temperatur und Aktivität direkt am Ohrläppchen. Das Ohr ist ein interessanter Messort, da es bei vielen Aktivitäten weniger Bewegung ausgesetzt ist als das Handgelenk; zudem haben unsere Tests eine vielversprechende Signalqualität gezeigt, insbesondere während körperlicher Betätigung.
Es gibt auch einen praktischen Unterschied zu anderen Wearables. Ringe können beim Krafttraining mit Lang- oder Kurzhanteln unbequem werden oder müssen abgenommen werden. Uhren und Sportarmbänder bleiben sichtbar technische Geräte. Ein Ohrring bleibt von den Händen und dem Handgelenk fern und kann so gestaltet werden, dass die Trägerin ihn ohnehin gerne tragen würde.
Deshalb ist uns die Form genauso wichtig wie der Sensor. Wir entwickeln das Gerät als Schmuckstück mit austauschbaren Fronten, anstatt einfach einen Fitness-Tracker zu verkleinern und am Ohr zu befestigen. Ziel ist es, dass der Ohrring Teil des Alltags, des Trainings und schließlich auch des Tragens über Nacht wird.
Aber es ist nicht allein der Ohrring, der Zura auszeichnet. Die physiologischen Signale werden mit Informationen wie Zykluskontext, Schlaf, Aktivität und Verhalten kombiniert, um eine individuelle Ausgangsbasis zu erstellen. Unser KI-Coach nutzt diesen Kontext anschließend, um Training, Ernährung und Regeneration anzupassen und aus den Reaktionen des Körpers der Nutzerin zu lernen. Dieser geschlossene Kreislauf – Wahrnehmen, Verstehen, Anpassen und Lernen – ist das, was wir letztendlich aufbauen wollen.
Von der Softwareidee zum adaptiven Coach
Munich Startup: Was war der Auslöser für die Gründung?
Amir Zahiri: Zura begann eigentlich als Softwareidee. Ursprünglich wollten wir einen adaptiven Gesundheitscoach entwickeln, der Training, Ernährung, Schlaf und Erholung miteinander verbindet, anstatt die Nutzenden mit der Verwaltung mehrerer voneinander unabhängiger Apps zu überfordern. Bei der Softwareentwicklung stießen wir jedoch auf eine gravierendere Einschränkung. Wer sich ausschließlich auf Wearables von Drittanbietern verlässt, ist auch von Art, Qualität und Verfügbarkeit der von diesen Geräten gelieferten physiologischen Daten abhängig.
Gleichzeitig wurde uns eine weitere Lücke immer deutlicher bewusst: Viele der im Fitness- und Gesundheitsbereich verwendeten Modelle und Empfehlungen wurden ursprünglich nicht auf die weibliche Physiologie zugeschnitten. Das hat unsere Denkweise verändert.
Anstatt eine umfassende Gesundheitsplattform für alle zu entwickeln, haben wir uns entschieden, den Fokus verstärkt auf Frauen zu richten. Und anstatt lediglich die Sensordaten anderer zu interpretieren, haben wir untersucht, ob wir die Sensorik letztendlich selbst entwickeln könnten. So wurde Zura zu dem, was es heute ist: ein adaptiver KI-Coach kombiniert mit einem intelligenten Ohrring, der auf die weibliche Physiologie zugeschnitten ist.
Munich Startup: Gab es einen Moment, in dem ihr ans Aufgeben gedacht habt?
Amir Zahiri: Es gab durchaus Momente, in denen wir die eingeschlagene Richtung in Frage stellten, wenn auch nicht das Problem selbst. Zura wollte anfangs zu viel abdecken. Fitness, Ernährung, Regeneration, mentales Wohlbefinden und Prävention sind alles interessante Bereiche, aber der Versuch, alles auf einmal zu lösen, macht es sehr schwierig, ein klares Unternehmen aufzubauen. Und dann haben wir noch Hardware hinzugefügt, was die Sache natürlich nicht einfacher gemacht hat.
Die wichtigste Lektion für uns war, dass ein Richtungswechsel nicht dasselbe ist wie Aufgeben. Sobald wir uns auf aktive Frauen, die weibliche Physiologie und den Zusammenhang zwischen Wahrnehmung und adaptivem Coaching konzentrierten, wurde das Bild viel klarer.
Dieser Fokus half uns auch dabei, wichtige Meilensteine zu erreichen: Wir erhielten Exist-Fördergelder, gründeten das Unternehmen, begannen mit dem Testen unseres KI-Coaches im Rahmen eines TUM-Pilotprojekts und bauten die erste Validierungshardware für den Ohrring. Es liegen noch schwierige technische und wirtschaftliche Fragen vor uns, aber wir wissen jetzt viel genauer, welche Fragen wir beantworten müssen.
Zura soll zum Alltagsbegleiter werden
Munich Startup: Woran würdet ihr in einem Jahr erkennen, dass ihr auf dem richtigen Weg seid?
Amir Zahiri: Für mich wäre das wichtigste Zeichen nicht einfach die Anzahl der Downloads, sondern ob Frauen Zura weiterhin nutzen, weil es ihnen tatsächlich hilft, bessere Entscheidungen in Bezug auf ihre Gesundheit zu treffen. Wir wollen eine hohe Nutzerbindung, zahlende Nutzerinnen und klare Verhaltensänderungen sehen: Passen die Frauen ihr Training, ihre Ernährung und ihre Regeneration auf der Grundlage der Empfehlungen von Zura an, und werden diese Empfehlungen nützlicher, je mehr das System aus ihrer individuellen Physiologie lernt?
Wir wollen außerdem zunehmend personalisierte Modelle des Zyklus jeder Frau erstellen und kontinuierliche hormonelle physiologische Muster aus Signalen messen, die wir aus unserem intelligenten Ohrring und dem Zykluskontext erhalten ohne den Hormonspiegel direkt zu messen. Generell möchten wir mit Zura einen Beitrag zu einem Wandel in der Frauengesundheit leisten, weg von allgemeinen, pauschalen Empfehlungen hin zu einem besseren Verständnis des individuellen Körpers, Zyklus und der physiologischen Muster jeder Frau.
Wenn Frauen uns sagen, dass Zura ihnen hilft, ihren Körper besser zu verstehen und selbstbewusstere Entscheidungen für ihre Gesundheit im Alltag zu treffen, dann wissen wir, dass wir auf dem richtigen Weg sind.
Munich Startup: Würdet ihr wieder in München gründen und warum?
Amir Zahiri: Ja. München ist für ein Unternehmen wie unseres besonders geeignet, weil es Ingenieurwesen, KI, Gesundheitsforschung, Industrie und Unternehmertum in einem Ökosystem vereint. Unsere Verbindung zur TU München war besonders wertvoll. Wir haben nicht nur von technischer Expertise profitiert, sondern auch von wissenschaftlichem Wissen, unternehmerischer Unterstützung und dem Zugang zu Menschen, die bereit sind, unsere Annahmen zu hinterfragen.
Exist hat auch für uns eine wichtige Rolle gespielt. Deeptech- und hardwareintensive Ideen brauchen Zeit, um grundlegende technische Fragen zu klären, bevor sie marktreif sind. Programme wie Exist ermöglichen dies, ohne ein Startup zu zwingen, sofort alles auf kommerzielles Wachstum auszurichten.
Zudem gibt es hier einen außergewöhnlich starken Talentpool. Für ein Unternehmen, das Mitarbeitende aus den Bereichen KI, Elektrotechnik, Gesundheitswissenschaften, Produktentwicklung und Wirtschaft benötigt, ist das von großer Bedeutung. Also ja, ich würde mich definitiv wieder für München entscheiden.
Weitere Anwendungsbereiche könnten folgen
Munich Startup: Fokus oder Diversifikation?
Amir Zahiri: Focus first. Das ist wahrscheinlich eine der wichtigsten Lektionen, die wir bisher gelernt haben. Zura könnte sich in Zukunft zu vielen Dingen entwickeln. Die kontinuierliche physiologische Datenerfassung könnte für die allgemeine Frauengesundheit, die Prävention, die Fruchtbarkeit, die Wechseljahre und möglicherweise auch für klinische Anwendungen relevant sein. Doch diese Möglichkeiten können auch zu Ablenkungen werden, wenn man sie zu früh verfolgt.
Unser Fokus ist heute viel einfacher: Können wir die Physiologie einer aktiven Frau verstehen und diese Informationen nutzen, um ihr Training, ihre Ernährung und ihre Regeneration sinnvoller und anpassungsfähiger zu gestalten? Das ist das Problem, das wir zuerst lösen müssen.
Wenn uns das gelingt, können die zugrunde liegende Technologie, die Langzeitdaten und die physiologischen Modelle schließlich viel breitere Anwendungen im Bereich der Frauengesundheit ermöglichen. Für uns sollte Diversifizierung daher das Ergebnis davon sein, etwas Wertvolles aufgebaut zu haben – und kein Ersatz für Fokussierung.











