PITCH & PEOPLE Folge 51: Diafania
Sie wollte nie gründen. Heute baut Vera Meinert Diafania auf. Mit ihrem Münchner Proptech-Startup entwickelt sie eine KI-Plattform, die Ordnung in technische Gebäudedaten bringt – von Wartungsprotokollen bis zu Reparaturberichten. Bei Pitch & People spricht sie über den Sprung aus der Beratung ins eigene Unternehmen, erste KundInnen und die Unsicherheit, die trotz wachsender Umsätze bleibt. Außerdem erzählt sie, warum sich Gründen selbst im Team einsam anfühlen kann und wie schwer es ist, als Chefin Personalentscheidungen zu treffen. Eine Folge über Verantwortung, Mut und den Wunsch, mehr Frauen zum Gründen zu bewegen.
Als ihr späterer Mitgründer Johannes Peschko ihr 2022 vorhersagt, dass sie einmal gründen werde, ist Vera Meinert überrascht. Ein eigenes Unternehmen gehört nicht zu ihren Plänen. Ihre Mutter ist Psychologin, ihr Vater Pädagoge. Meinert studiert Wirtschaftsingenieurwesen und arbeitet später in der KI- und Datenberatung. Dort baut sie ein Geschäftsfeld auf. Peschko erkennt darin etwas, das sie selbst noch nicht sieht: eine künftige Gründerin.
Heute führt Vera Meinert, Mitgründerin und CEO des Münchner Startups Diafania, ein eigenes Unternehmen. Gemeinsam mit zwei Mitgründern entwickelt sie eine KI-Datenplattform für den Gebäudebetrieb. Im Videocast Pitch & People spricht sie darüber, warum sie ihren bisherigen Berufsweg verlässt und was sie am Gründen unterschätzt hat.
Gute Argumente, wenig Spielraum
Der Entschluss entsteht aus wachsender Unzufriedenheit. In der Beratung beschäftigt sich Meinert mit neuen Geschäftsmöglichkeiten, entwickelt Ideen und will sie vorantreiben. Doch sie stößt an Grenzen. Ihre Argumente überzeugen die Geschäftsführung nicht ausreichend, um bestimmte Themen weiterzuverfolgen.
Meinert könnte in ihren bisherigen Beratungsalltag zurückkehren, stattdessen sucht sie erneut das Gespräch mit Peschko. Diesmal will sie wissen, wie Gründen überhaupt funktioniert. Eine konkrete Geschäftsidee hat sie noch nicht.
In langen Gesprächen arbeiten die beiden heraus, welches Problem Meinert aus ihrem Berufsalltag besonders gut kennt: Unternehmen wollen KI nutzen, doch die dafür nötigen Daten fehlen, sind unvollständig oder schlecht aufbereitet. Schon bei ihrem Berufseinstieg 2019 hatte sie erwartet, dass diese Grundlagen längst geklärt seien. Die Praxis zeigt ihr das Gegenteil.
„In jedem Projekt, in dem ich war, war Datenverfügbarkeit eine riesen Herausforderung und es hat eigentlich nie gepasst.“
Aus dieser Erfahrung entsteht die Idee für Diafania. Meinert bringt ihre Erfahrung im Aufbau von Geschäftsbereichen ein, Peschko unternehmerisches Wissen. Für die technische Umsetzung holen sie Michael Brunzel als dritten Mitgründer hinzu.
Gemeinsam gegründet, trotzdem allein
Mit dem eigenen Unternehmen verändert sich Meinerts Arbeitsalltag grundlegend. Früher entwickelte sie Geschäftsfelder mit KollegInnen. Jetzt muss sie selbst herausfinden, welche Veranstaltungen sich lohnen, wie sie potenzielle KundInnen anspricht und wie der Vertrieb funktioniert.
Ihr technischer Mitgründer steht vor einer ähnlichen Aufgabe: Er baut die Technik auf und muss vieles erstmals allein umsetzen. Peschko unterstützt beide. Trotzdem wächst das Spezialwissen in den einzelnen Bereichen so schnell, dass sich nicht jede Entscheidung gemeinsam treffen lässt.
Gerade das überrascht Meinert. Ein Gründungsteam zu haben bedeutet für sie nicht automatisch, sich im Alltag als Team zu fühlen.
„Also ich war einfach schon sehr einsam mit manchen Entscheidungen.“
Sie spricht mit anderen GründerInnen darüber und fragt sich zunächst, ob sie etwas falsch macht. Viele schildern ähnliche Erfahrungen: Große Fragen diskutiert das Team gemeinsam. Die vielen kleinen Entscheidungen trifft jede Person im eigenen Verantwortungsbereich.
Hinzu kommt die Unsicherheit. Zunächst beschäftigt Meinert vor allem die Finanzierung. Das EXIST-Gründungsstipendium verschafft dem Team Luft, doch damit verschwinden die offenen Fragen nicht: Funktioniert die Idee? Spricht das Team mit den richtigen KundInnen? Welche Annahmen halten der Realität stand?
Nach dem Ende der Förderung rückt auch das Geld wieder in den Vordergrund. Gleichzeitig beschäftigt Diafania erste PraktikantInnen und Werkstudierende. Aus der Verantwortung für den eigenen Weg wird Verantwortung für andere.
Ein Aufzug zeigt, warum Diafania gebraucht wird
Welche Aufgabe das Startup lösen will, zeigt ein Fund bei einem Kunden: In den Unterlagen taucht ein Aufzug auf, den dort niemand in der Übersicht hatte. Die Anlage wird gewartet, Rechnungen treffen ein. Doch eine nachvollziehbare Dokumentation fehlt.
Solche Lücken will Diafania schließen. Die Plattform wertet technische Dokumente aus und führt ihre Inhalte strukturiert zusammen. Aus Wartungsprotokollen, Reparaturberichten und weiteren Unterlagen soll ein Überblick entstehen: Welche Anlagen gibt es? In welchem Zustand befinden sie sich? Welche Mängel sind offen, welche Wartungen stehen an?
Den Fokus auf technische Gebäudedaten findet das Team erst im Austausch mit potenziellen KundInnen. Anfangs vermutet es größere Probleme bei kaufmännischen Daten und Nachhaltigkeitsthemen. Die Gespräche zeigen jedoch: Bei technischen Anlagen besteht mehr Handlungsbedarf.
Im Sommer 2024 beginnt das Team mit ersten Interviews. Auf der Immobilienmesse Expo Real knüpft Meinert weitere Kontakte. Aus drei Absichtserklärungen entstehen später zwei Kundenbeziehungen. Den ersten Kunden gewinnt Diafania am Tag der Unternehmensgründung, zwölf Tage nach dem Start der EXIST-Förderung.
Inzwischen arbeitet das Startup mit sechs Kunden und hat für das laufende Jahr sechsstellige Umsätze gesichert. Vollständig finanzieren kann sich das Unternehmen damit noch nicht. Das Team entwickelt das Produkt anhand erster Pilotprojekte weiter und hat einen Antrag für die zweite Phase des EXIST-Forschungstransfers eingereicht.
Meinert sieht rückblickend auch, wo sie früher hätte nachsteuern müssen: Die ersten Gespräche liefern viele Perspektiven, doch das Team trennt die Bedürfnisse unterschiedlicher Zielgruppen zu spät systematisch voneinander. Ihr Rat lautet deshalb:
„Ich würde immer empfehlen, so früh wie möglich mit Kunden zu sprechen und das vor allem auch sehr, sehr strukturiert anzugehen.“
InfoboxVera Meinert ist Mitgründerin und CEO des Münchner Proptech-Startups Diafania. Sie studierte Wirtschaftsingenieurwesen am Karlsruher Institut für Technologie und arbeitete anschließend in der KI- und Datenberatung, wo sie ein Geschäftsfeld aufbaute. Mit Diafania entwickelt sie eine KI-Datenplattform, die technische Gebäudedokumente strukturiert und Wartungen sowie Anlagenzustände nachvollziehbar macht. Neben dem Unternehmensaufbau setzt sich Meinert dafür ein, mehr Frauen für technische Berufe und das Gründen zu gewinnen.
Ein großes Herz ersetzt keine harte Entscheidung
Wie schwierig die neue Verantwortung werden kann, erlebt Meinert bei einer Personalentscheidung. Eine Praktikantin arbeitet fast ein Jahr bei Diafania. Sie begleitet wichtige Schritte, wächst ins Team hinein und identifiziert sich mit dem jungen Unternehmen. Trotzdem kann das Startup sie nicht übernehmen. Die finanziellen Möglichkeiten und die nächsten Aufgaben lassen es nicht zu.
Für Meinert gehört das zu den härtesten Entscheidungen als Geschäftsführerin. Sie will Menschen unterstützen, muss aber zugleich die Zukunft des Unternehmens sichern. Vor solchen Gesprächen sucht sie Rat bei erfahrenen GründerInnen und engen FreundInnen. Ihr Anspruch bleibt, klar zu entscheiden und fair mit der anderen Person umzugehen.
Welche Unternehmenskultur sie aufbauen möchte, beschäftigt Meinert auch darüber hinaus. In ihrem Studium, in der KI-Beratung und bei Industrieprojekten arbeitet sie häufig in männlich geprägten Umfeldern. Bei Diafania will sie deshalb gezielt Frauen für technische Aufgaben gewinnen. Das Team gestaltet Stellenanzeigen entsprechend und verbreitet sie unter anderem in Women-in-Tech-Netzwerken.
Ihre Vorstellung von Erfolg reicht dabei über Umsatz und Profitabilität hinaus. In fünf Jahren möchte sie ein möglichst paritätisches, vielfältiges Team aufgebaut haben. Besonders freuen würde sie, wenn Mitarbeiterinnen bei Diafania den Mut und die Erfahrung sammeln, selbst ein Unternehmen zu gründen.














