PITCH & PEOPLE Folge 46: Ilya Ballier
60, 70 oder sogar 80 Stunden pro Woche – gehört das zum Gründen einfach dazu? HR-Expertin Ilya Ballier spricht bei Pitch & People über Hustle Culture, mentale Gesundheit und die Verantwortung von GründerInnen für eine gesunde Unternehmenskultur. Außerdem erklärt sie, warum gerade Startups frühzeitig professionelle HR-Strukturen schaffen sollten.
Ilya Ballier kennt die HR-Welt seit rund zehn Jahren. Sie hat in unterschiedlichen Bereichen der Personalarbeit gearbeitet und sich vor einem halben Jahr selbstständig gemacht. Ihre Idee: Startups, Scaleups und kleinere Unternehmen dabei unterstützen, professionelle HR-Strukturen aufzubauen, ohne dafür direkt eine eigene Vollzeitstelle schaffen zu müssen.
„Gerade bei kleinen Firmen“ gebe es häufig Herausforderungen, Struktur und Ordnung in HR-Themen zu bringen, erklärt Ballier im Videocast Pitch & People. Gleichzeitig könnten oder wollten viele Unternehmen die Kosten einer Festanstellung noch nicht tragen: genau hier setzt ihr HR-Outsourcing an. Unternehmen sparen sich unter anderem Recruiting- und Onboardingkosten sowie das Setup eines zusätzlichen Arbeitsplatzes. Vor allem aber sollen GründerInnen dadurch wieder mehr Zeit für ihr eigentliches Geschäft gewinnen.
Während das Outsourcing etwa von Marketing oder Vertrieb längst bekannt ist, sei dieser Ansatz im HR-Bereich noch vergleichsweise neu, beobachtet Ballier.
„Das Schlimmste, was passieren kann, ist, dass es nicht funktioniert“
Mit ihrer eigenen Gründung hat Ballier dabei selbst die Seite gewechselt. Nach zehn Jahren Berufserfahrung entschied sie sich, ihr eigenes Ding zu machen. Angst vor dem Schritt in die Selbstständigkeit habe sie dabei nicht aufgehalten. Ballier sagt:
„Das Schlimmste, was passieren kann, ist, dass es nicht funktioniert. Dann habe ich es aber zumindest mal probiert.“
Neben klassischen HR-Strukturen beschäftigt sie sich intensiv mit einem zweiten Thema: Gesundheit am Arbeitsplatz. Bereits während ihres Studiums kam Ballier mit Gesundheitsmanagement in Berührung. Später setzte sie sich immer stärker mit betrieblichem Gesundheitsmanagement auseinander. In mittleren und großen Unternehmen habe das Thema inzwischen seinen Platz gefunden. In kleinen Firmen dagegen werde es ihrer Erfahrung nach noch zu wenig berücksichtigt.
Gerade dort hält sie es jedoch für besonders wichtig. Denn wer ein Startup aufbaut und schnell ein Team wachsen lässt, legt früh die Grundlagen für die spätere Unternehmenskultur.
Wenn Erschöpfung zum Erfolgsmaßstab wird
Ein Problem sieht Ballier in der Startup-typischen Hustle Culture. Gerade in den ersten Jahren sind Arbeitswochen mit 60, 70 oder sogar 80 Stunden keine Seltenheit. Gleichzeitig werde viel Arbeit häufig mit unternehmerischem Erfolg gleichgesetzt. Ballier warnt:
„Auf Dauer 60, 70, 80 Stunden zu arbeiten, ich weiß nicht, welcher Mensch das wirklich aushalten kann.“
Phasen mit extrem hoher Belastung könne es durchaus geben. Problematisch werde es jedoch, wenn daraus ein Dauerzustand entsteht.
„Solange Erschöpfung und Dauerstress als Erfolg gelten, ist das schon eine Problematik, auf die man definitiv schauen muss.“
Erholung müsse deshalb bewusst eingeplant werden. Ob Yoga, Sport, Zeit mit Familie und FreundInnen oder eine andere Form des Ausgleichs, sei individuell. Entscheidend sei, diese Zeiten tatsächlich zu schützen. Ballier empfiehlt, Erholung ähnlich verbindlich zu behandeln wie eine Deadline, ein wichtiges Meeting, einen Kundentermin oder einen Launch.
GründerInnen prägen die Kultur
Dabei geht es nicht nur um die eigene Gesundheit. GründerInnen haben aus Balliers Sicht eine besondere Vorbildfunktion gegenüber ihrem Team.
Sie habe kleinere Teams erlebt, in denen Mitarbeitende genau wussten, dass Chef oder Chefin regelmäßig Nachtschichten machen. Selbst wenn niemand ausdrücklich verlange, dieses Verhalten zu kopieren, könne dadurch eine Erwartungshaltung entstehen. Auch ständige Erreichbarkeit oder permanent sichtbarer Stress können sich auf die Kultur übertragen.
„Manchmal wird Stress zur Selbstverständlichkeit und das färbt auf das gesamte Team ab.“
Stattdessen sollten Unternehmen eine Kultur schaffen, in der Mitarbeitende offen sagen können, wenn sie an ihre Belastungsgrenze kommen. Das bedeute nicht, dass man private oder gesundheitliche Details mit KollegInnen oder Vorgesetzten teilen müsse. Entscheidend sei vielmehr die Möglichkeit, Überlastung ansprechen zu können und gemeinsam nach einer Lösung zu suchen.
Dazu können konkrete Angebote kommen, von Sport und Unterstützung für die mentale Gesundheit bis hin zu gemeinsamen Aktivitäten im Team. Auch die psychische Gefährdungsbeurteilung nennt Ballier als Instrument, um Belastungen im Unternehmen zu erkennen, Ergebnisse zu analysieren und daraus Maßnahmen abzuleiten.
Schlechter Schlaf und kurze Zündschnur als Warnsignale
Doch woran merken GründerInnen überhaupt, dass die eigene Belastungsgrenze näher rückt? Laut Ballier sendet der Körper dafür durchaus deutliche Signale – nur würden diese häufig ignoriert.
Dazu gehören etwa dauerhaft schlechter Schlaf, Erschöpfung und eine zunehmende Gereiztheit. Wer in Konfliktsituationen über längere Zeit eine immer kürzere Zündschnur bemerkt, sollte genauer hinschauen. Gleiches gelte, wenn es im Urlaub ungewöhnlich lange dauert, überhaupt herunterzufahren.
Auch Essgewohnheiten können ein Indikator sein. Wer dauerhaft gestresst am Schreibtisch isst, sich überwiegend von Fast Food ernährt und Mahlzeiten nur noch möglichst schnell hinter sich bringt, sollte dies laut Ballier ebenfalls als mögliches Warnsignal betrachten.
Für sie selbst ist Yoga ein Werkzeug, um im Alltag wieder mehr Klarheit zu gewinnen. Dabei betont sie ausdrücklich, dass Yoga keine Pauschallösung sei. Ihr gehe es vielmehr darum, Wege zu finden, aus Überlastung und Dauerstress herauszukommen und Entscheidungen wieder bewusster zu treffen.
„Yoga ist ein Werkzeug, was mich im Alltag, im beruflichen und im privaten, immer wieder dazu bringt, bei mir selbst anzukommen. Mit dem Ziel, Entscheidungen aus einer Klarheit zu treffen und nicht aus einer Überlastung.“
InfoboxIlya Ballier ist Gründerin von Ballier HR Management Consulting und unterstützt Startups, Scaleups und kleinere Unternehmen als externe HR-Partnerin. Nach rund zehn Jahren Berufserfahrung im Personalbereich machte sie sich 2026 selbstständig. Ihr Fokus liegt auf dem Aufbau und der Weiterentwicklung von HR-Strukturen – von Recruiting und Onboarding über Personalentwicklung und Administration bis zu Gesundheit am Arbeitsplatz. Daneben beschäftigt sich Ballier intensiv mit betrieblichem Gesundheitsmanagement und der Frage, wie Unternehmen eine gesunde und langfristig leistungsfähige Arbeitskultur schaffen können.
„Wir sind keine Maschinen“
Dass im Startup-Alltag nicht jede Woche entspannt verlaufen kann, stellt Ballier nicht infrage. Finanzierungsrunden, Wachstum oder andere entscheidende Unternehmensphasen können Stressspitzen mit sich bringen. Ihr Appell: Wer eine solche Phase bewusst durchzieht, sollte danach ebenso bewusst wieder herunterfahren.
„Bitte plane dir und deinem Team danach ganz bewusst wieder eine Phase ein, in der man runterfahren kann.“
Denn den Peak dauerhaft zu halten, könne nicht funktionieren. Ballier bringt es schließlich auf einen einfachen Vergleich: Selbst Maschinen würden bewusst nicht permanent mit voller Leistung betrieben, damit sie nicht kaputtgehen.
„Wir sind keine Maschinen. Wir sind nicht die KI, die das alles dauerhaft bewerkstelligen kann. Wir sind keine Roboter, die das dauerhaft können.“
Vielleicht ist genau das eine der schwierigsten Erkenntnisse beim Gründen: Nicht jede freie Stunde muss zur Arbeitsstunde werden. Und wer ein Unternehmen auf Dauer leistungsfähig machen will, muss nicht nur auf Zahlen, Wachstum und Finanzierung schauen, sondern auch auf die Menschen, die es aufbauen.














