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Rocket Tutor-Gründer Yue Wu: Gerettet von seiner Oma, getrieben von einer Mission

Rocket Tutor-Gründer Yue Wu: Gerettet von seiner Oma, getrieben von einer Mission

Kyrill Ring

Kyrill Ring

Kyrill Ring hat 15 Jahre lang als Live-Reporter fürs Fernsehen gearbeitet und ist seit Juli 2025 als Brand & Communications Manager bei Munich Startup tätig. Hier verantwortet er neben seiner Arbeit als Redakteur für die Webseite neue Formate wie den Videopodcast Pitch&People.

8. Juni 2026

PITCH & PEOPLE Folge 37: Rocket Tutor

Als Kind kämpfte Yue Wu an einer Eliteschule in Shanghai um den Anschluss. Gerettet hat ihn seine Großmutter – mit Geduld, System und täglicher Nachhilfe. Heute will der Rocket-Tutor-Gründer genau diese Form der individuellen Förderung mithilfe von KI für Millionen SchülerInnen zugänglich machen, wie er im Videocast Pitch & People erzählt.

EdtechStartup

„Meine Großmutter war eigentlich mein erster KI-Tutor.“

Wenn Yue Wu heute über die Entstehung von Rocket Tutor spricht, beginnt die Geschichte nicht mit künstlicher Intelligenz, Unternehmertum oder InvestorInnen. Sie beginnt bei seiner Oma.

Als Sechsjähriger zog Wu von Deutschland nach China. Seine Eltern schafften einen Platz für ihn an einer der besten Grundschulen Shanghais. Die Anforderungen waren hoch: In den ersten beiden Schuljahren sollten die Kinder rund 2.000 chinesische Schriftzeichen lernen. Für den jungen Yue schien die Aufgabe nahezu unmöglich. Während seine MitschülerInnen bereits viele Zeichen beherrschten, hatte er einen deutlichen Rückstand.

Die Rettung kam aus der eigenen Familie. Seine Großmutter, eine pensionierte Professorin, nahm sich seiner an. Tag für Tag lernte sie mit ihm bis spät in den Abend. Gemeinsam entwickelten sie Lernsysteme, führten Fortschrittslisten und arbeiteten systematisch Wissenslücken auf. Die Methoden seiner Großmutter – individuelles Lernen, klare Ziele und konsequentes Feedback – prägen Yue Wu bis heute.

Genau diese Erfahrung bildet die Grundlage für das Startup, das er viele Jahre später gründen sollte, wie er im Videocast Pitch & People erzählt.

Bildung darf kein Privileg sein

Heute ist Yue Wu zusammen mit Lionel Rühlemann und Komaldeep Chahal Gründer von Rocket Tutor. Das Münchner Edtech-Startup entwickelt KI-basierte Lernbegleiter, die SchülerInnen individuell unterstützen sollen.

„Wir glauben, dass personalisierte und gute Bildung kein Privileg sein sollte.“

Für Wu liegt das größte Problem im Bildungssystem im Lehrkräftemangel. Gute Lehrkräfte sind schwer zu finden, individuelle Förderung oft nicht möglich und klassische Nachhilfe für viele Familien zu teuer.

Die Lösung von Rocket Tutor soll genau diese Lücke schließen. Die Plattform analysiert Lernfortschritte, erkennt Wissenslücken, begleitet SchülerInnen bei Aufgaben und erstellt individuelle Lernpläne. Anders als menschliche Nachhilfekräfte steht die KI rund um die Uhr zur Verfügung und kann jeden Lernenden dauerhaft begleiten.

Von der TU München zur Gründung

Dass er eines Tages gründen würde, war für Wu lange nicht selbstverständlich. Zwar wollte er schon früh etwas im Bildungsbereich bewegen, sein Karriereweg schien jedoch zunächst in eine andere Richtung zu führen. Praktika im Investment Banking, Consulting und Private Equity standen auf dem Programm.

„Ich wusste schon immer, dass ich eines Tages für die Bildung etwas machen wollte.“

Der entscheidende Impuls kam während seines Masterstudiums an der TU München. Über die UnternehmerTUM erhielt er die Möglichkeit, seine Masterarbeit mit einer Startup-Idee zu verbinden. MentorInnen ermutigten ihn, seine Gründungsidee direkt umzusetzen, statt sie auf später zu verschieben.

Gemeinsam mit seinem Mitgründer Leo entwickelte Wu erste Prototypen für die Vorbereitung auf das bayerische Mathe-Abitur. Anschließend verschickte das Team E-Mails an Gymnasien im Freistaat und stellte den Service kostenlos zur Verfügung.

Der Zuspruch war überraschend groß: Rund zehn Prozent eines bayerischen Abiturjahrgangs nutzten damals den Prototypen. Für die Gründer ein deutliches Signal, dass sie einen echten Bedarf getroffen hatten.

Die Inspiration seiner Großmutter lebt im Produkt weiter

Viele der didaktischen Prinzipien hinter Rocket Tutor gehen laut Wu direkt auf die Erfahrungen mit seiner Großmutter zurück. Damals lernte er nicht nur chinesische Schriftzeichen, sondern vor allem eine systematische Herangehensweise an Wissen.

Ehrlich analysieren, was man kann und was nicht. Wissenslücken identifizieren. Einen klaren Plan entwickeln. Fortschritte messbar machen.

Genau dieses Prinzip steckt heute im Kern von Rocket Tutor. Die Plattform versucht, Lernstoff in einzelne Wissenselemente zu zerlegen und für die NutzerInnen sichtbar zu machen, welche Inhalte bereits beherrscht werden und welche noch fehlen.

Was KI kann – und was noch nicht

Trotz aller technologischen Möglichkeiten sieht Wu die Grenzen künstlicher Intelligenz sehr klar. Die größte Stärke menschlicher NachhilfelehrerInnen liege weiterhin in der persönlichen Beziehung zu ihren SchülerInnen. Vertrauen aufzubauen, zu motivieren und emotionale Unterstützung zu geben, sei für KI deutlich schwieriger.

Deshalb konzentriert sich Rocket Tutor aktuell darauf, fachlich möglichst präzise Unterstützung zu liefern: individuelle Erklärungen, passgenaue Übungen und eine systematische Analyse von Fehlern und Wissenslücken.

Gleichzeitig sieht Wu große Vorteile in der Technologie. Während menschliche NachhilfelehrerInnen nur begrenzt Zeit haben, kann eine KI Lernfortschritte kontinuierlich verfolgen und jederzeit auf individuelle Schwächen eingehen.

Vom Mathe-Abitur zur Bildungsplattform

Was mit Mathematik begann, entwickelt sich inzwischen zu einer deutlich größeren Plattform. Neben Mathe bietet Rocket Tutor mittlerweile auch Inhalte für Physik und Chemie an. Weitere Fächer sollen folgen. Langfristig will das Startup SchülerInnen über ihre gesamte Schullaufbahn hinweg begleiten.

Die Vision dahinter ist ambitioniert: Rocket Tutor soll eines Tages einen Großteil dessen leisten können, was heute menschliche NachhilfelehrerInnen übernehmen. Nicht als Ersatz für Lehrkräfte, sondern als Werkzeug, das individuelle Förderung für deutlich mehr Menschen ermöglicht.

Yue Wu ist Mitgründer und CEO des Münchner Edtech-Startups Rocket Tutor. Der gebürtige Deutsche wuchs größtenteils in China auf und studierte später an der Technischen Universität München (TUM). Gemeinsam mit seinen Mitgründern Lionel Rühlemann und Komaldeep Chahal entwickelt er KI-gestützte Lernbegleiter, die personalisierte Bildung für SchülerInnen zugänglicher machen sollen. Geprägt wurde seine Mission durch die intensive Unterstützung seiner Großmutter, die ihn als Kind mit täglicher Nachhilfe förderte – eine Erfahrung, die zur Inspiration für Rocket Tutor wurde.

Profitabel – und dennoch erst am Anfang

Das Unternehmen wächst derzeit stark. Nach Angaben von Wu hat sich Rocket Tutor in den vergangenen sechs Monaten verdoppelt und ist inzwischen profitabel. Gleichzeitig sieht er das Startup noch weit entfernt vom eigentlichen Ziel. Er spricht im Interview offen über die Fehler, die das Gründerteam in den ersten Jahren gemacht hat.

„Ich glaube, wir haben extrem viele Fehler gemacht als First-Time-Founder.“

Mit dem Wissen von heute, sagt Wu, hätte das Team denselben Stand vermutlich in deutlich kürzerer Zeit erreicht. Besonders beim Thema Monetarisierung habe Rocket Tutor wichtige Lektionen gelernt. Rückblickend sei es ein Fehler gewesen, zu lange zu warten, bevor NutzerInnen für das Produkt bezahlen mussten. Für GründerInnen sei es wichtig, die Zahlungsbereitschaft der KundInnen möglichst früh zu testen und nicht ausschließlich auf Wachstum zu setzen.

Auch im Umgang mit frischem Kapital habe das Team Lehrgeld bezahlt. Gerade nach Finanzierungsrunden sei die Versuchung groß, schnell zu investieren.

„Du hast auf einmal so viel Geld und wirst investieren. Und dann merkst du: Ups, das wäre vielleicht nicht die schlauste Idee gewesen.“

Heute gehe Rocket Tutor deutlich fokussierter vor. Statt möglichst schnell Kapital auszugeben, konzentriert sich das Team darauf, neue Ideen systematisch zu testen, schneller zu lernen und das Produkt Schritt für Schritt weiterzuentwickeln. Die Erfahrungen der vergangenen Jahre haben den Gründern geholfen, nachhaltiger zu wachsen und klarere Prioritäten zu setzen.

Dennoch sieht Wu das Unternehmen erst am Anfang seiner Reise. Die Vision reicht über Deutschland hinaus. Weitere Schulfächer, neue Märkte und internationale Expansion stehen auf der Agenda. Vor allem aber soll die Plattform immer näher an das herankommen, was Yue Wu einst selbst erlebt hat: einen Tutor, der jederzeit verfügbar ist, individuelle Unterstützung bietet und genau weiß, wo Hilfe gebraucht wird.

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