PITCH & PEOPLE Folge 45: Treesense
Bäume können nicht sagen, wann sie Durst haben. Das Münchner Startup Treesense will das ändern. Mit Sensoren direkt im Baum macht das Team Wasserstress messbar – und hilft Städten dabei, ihre Bäume gezielter zu bewässern. Das spart Wasser, Arbeitszeit und im besten Fall tausende Bäume. Semir Babajic, Mitgründer von Treesense, im Gespräch bei Pitch & People.
Wenn Städte über Klimaschutz sprechen, geht es oft um Wärmepumpen, Solaranlagen oder den öffentlichen Nahverkehr. Stadtbäume spielen dagegen häufig nur eine Nebenrolle. Für Semir Babajic, CEO von Treesense, ist das ein Fehler. Denn gerade sie seien entscheidend dafür, Städte an den Klimawandel anzupassen.
„Mir ist am Anfang vor allem aufgefallen: Bäume waren nicht so sexy in der öffentlichen Diskussion. Bäume waren nur interessant, wenn sie gefällt wurden,“
sagt Babajic im Videocast Pitch & People.
Mit Treesense will der Gründer genau das ändern. Das Spin-off der Technischen Universität München entwickelt Sensoren und eine IoT-Plattform, die sichtbar machen, wie es einem Baum tatsächlich geht. Das Ziel: Städte sollen ihre Bäume nicht mehr nach starren Bewässerungsplänen, sondern auf Basis von Daten pflegen.
Der Baum spricht – über Sensoren
Herzstück der Technologie ist der eigens entwickelte Sensor „Treesense Pulse“. Zwei kleine Elektroden werden minimalinvasiv im äußeren Jahresring des Baumes angebracht – genau dort, wo Wasser von der Wurzel in die Krone transportiert wird.
Gemessen wird der elektrische Widerstand. Je mehr Wasser durch den Baum fließt, desto geringer ist dieser. So lässt sich erkennen, wann ein Baum unter Trockenstress leidet.
„Sobald wir das wissen, können wir natürlich unsere Pflegemaßnahmen planen. Statt jeden Baum nach demselben Schema zu bewässern, kann gezielt dort gehandelt werden, wo tatsächlich Bedarf besteht.“
74 Prozent weniger Bewässerung
Welches Potenzial darin steckt, zeigt eines der Projekte des Startups. An 21 Standorten habe Treesense berechnet, dass sich 74 Prozent der Bewässerung und der dafür notwendigen Arbeitskraft einsparen ließen.
Für Städte ist das mehr als eine ökologische Frage. Nach Angaben von Babajic kostet es durchschnittlich rund 5.000 Euro, einen abgestorbenen Baum zu ersetzen und über Jahre hinweg zu pflegen. Allein München fällt und ersetzt jedes Jahr rund 3.000 Bäume.
„Wir wollen einfach sicherstellen, dass die Bäume auch durchkommen.“
Das Problem ist nicht der Baum
Für Babajic liegt die größte Herausforderung allerdings nicht bei den Bäumen selbst, sondern in den bestehenden Abläufen.
„Der Unternehmer wird nach Zahl der Wässergänge bezahlt. Je mehr Wässergänge er macht, desto mehr Cash hat er in seiner Tasche. Er ist dadurch incentiviert, Wasser zu verbrauchen.“
Treesense setzt stattdessen auf einen datengetriebenen Ansatz. Jeder Baum und jeder Standort sollen individuell betrachtet werden – denn nicht jeder Baum benötigt zur gleichen Zeit die gleiche Menge Wasser.
Der lange Weg zum Geschäftsmodell
Dass dieser Anwendungsfall heute so klar klingt, war nicht selbstverständlich. Ursprünglich beschäftigte sich das Team mit Waldbrandprävention, später mit Anwendungen in der Landwirtschaft. Erst nach zahlreichen Gesprächen mit Kommunen kristallisierte sich die Bewässerung von Stadtbäumen als wichtigstes Problem heraus.
„Es hat eine Zeit gedauert, bis wir da hingekommen sind“,
sagt Babajic rückblickend.
Heute verkauft Treesense nicht einfach Sensoren, sondern betreute Pilotprojekte. Mit einem vergleichsweise kleinen Einstiegspaket können Kommunen die Technologie testen und anschließend eigenständig weiter nutzen. Dadurch will das Startup auch kleineren Städten den Zugang erleichtern.

Treesense ist ein Münchner Cleantech-Startup und Spin-off der Technischen Universität München. Das Unternehmen wurde 2021 von Giancarlo Foderá, Julius Kübler-Walzik, Moritz Spielvogel und Semir Babajić gegründet. Gemeinsam entwickelt das Team Sensoren und eine digitale Plattform, mit denen Städte und Kommunen den Gesundheitszustand ihrer Bäume überwachen und die Bewässerung bedarfsgerecht steuern können. Ziel ist es, Ressourcen zu sparen, Stadtbäume langfristig zu erhalten und die Anpassung an den Klimawandel datenbasiert zu unterstützen.
Wachstum ohne InvestorInnen
Gegründet wurde Treesense 2021. Das Unternehmen wächst bis heute ohne Venture Capital. Stattdessen finanziert sich das Team vollständig über eigene Umsätze.
Zum Zeitpunkt des Interviews beschäftigt das Startup zehn MitarbeiterInnen, arbeitet mit rund 160 KundInnen und hat etwa 2.000 Sensoren im Einsatz. Zu den Referenzen zählen unter anderem München, Stockholm, London, Helsinki, Düsseldorf und Mainz. Für Babajic war dieser Weg nicht immer einfach.
„Die schwierigste Frage, die sich ein Gründer immer stellt, ist: Wann ist es Zeit aufzuhören?“,
sagt er. Gerade in den ersten Jahren seien die Gehälter niedrig gewesen, gleichzeitig musste das Vertrauen innerhalb des Gründerteams erst wachsen.
Mit jedem neuen Kunden sei dieses Vertrauen jedoch größer geworden. Ein wichtiger Meilenstein war dabei ein Projekt mit der Bayerischen Schlösserverwaltung am Schloss Nymphenburg.
Warum wir mehr über Autos wissen als über Bäume
Eine Aussage aus dem Gespräch bringt die Mission von Treesense besonders gut auf den Punkt. Auf die Frage, warum wir heute oft mehr über den Zustand unserer Autos als über den unserer Stadtbäume wissen, verweist Babajic auf jahrzehntelange Prioritäten.
Kennzahlen wie Umsatz, EBIT oder Return on Investment hätten lange im Mittelpunkt gestanden. Die Leistungen von Bäumen – bessere Luft, kühlere Städte oder der Umgang mit Starkregen – seien dagegen kaum messbar gewesen und deshalb häufig unterschätzt worden.
Genau das will Treesense ändern: den Zustand von Bäumen sichtbar machen und ihren Wert mit Daten belegen.












