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Vom Startup zum Unicorn: Die Egym-Story

Vom Startup zum Unicorn: Die Egym-Story

Credit: Munich Startup

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Kyrill Ring

Kyrill Ring

Vom ersten Prototypen, der noch per Sprinter zu InvestorInnen gefahren wurde, bis zum Unicorn mit mehr als 1.000 Mitarbeitenden: Egym gehört zu den bekanntesten Erfolgsgeschichten des Münchner Startup-Ökosystems. Auf dem Munich Startup Festival sprach Egym-Gründer und Co-CEO Florian Sauter mit Mathias Renz, Head of Venture Capital Magazin, darüber, wie aus einer Idee zweier Schulfreunde ein Milliardenunternehmen wurde – und warum Naivität, Beharrlichkeit und die richtigen InvestorInnen dabei eine entscheidende Rolle spielten.

13. August 2026

9 Min. Lesezeit

Die Geschichte von Egym beginnt nicht mit besonderer Fitnessbegeisterung. Im Gegenteil. Florian Sauter und sein Mitgründer Philipp Rösch-Schlanderer kannten sich bereits aus der Schule und hatten immer wieder darüber gesprochen, gemeinsam ein Unternehmen aufzubauen, nur die passende Idee fehlte. Beide gingen zwar ins Fitnessstudio, waren dort laut Sauters eigener Einschätzung aber nicht besonders erfolgreich.

Der entscheidende Impuls kam während eines Auslandssemesters in den USA. Dort gehörte der Besuch des University Gyms selbstverständlich zum Alltag. Gleichzeitig erlebten Sauter und sein späterer Mitgründer eine Fitnesswelt, die ihnen erstaunlich analog erschien: Trainingspläne auf Papier, manuell einzustellende Gewichte und Geräte, deren Bedienung für Einsteiger kompliziert war. Das war zu einer Zeit, in der das iPhone gerade zeigte, wie grundlegend sich Alltagserlebnisse digitalisieren ließen. Warum sollte das nicht auch beim Training funktionieren?

Ein Personal Trainer in Maschinenform

Die beiden Gründer entschieden sich bewusst dafür, das Problem zunächst über Hardware zu lösen. Ihre Vorstellung: eine Maschine, die NutzerInnen durch das Training führt und dabei ein Stück weit die Rolle eines Personal Trainers übernimmt. Was heute selbstverständlich klingen mag, war vor 16 Jahren ein ungewöhnlicher Ansatz.

Hilfreich war dabei unter anderem die Teilnahme am Münchner Businessplan-Wettbewerb. Der größte Wert lag für Sauter weniger darin, dass die damaligen Annahmen später exakt eintrafen. Vielmehr zwang der Wettbewerb die Gründer dazu, ihr Geschäftsmodell einmal vollständig und logisch durchzudenken. Beim Versuch, eine Idee verständlich zu erklären, werden Schwächen sichtbar und können früh adressiert werden.
Finanziell begann Egym ausgesprochen klein. Die Gründer standen noch am Ende ihres Studiums und verfügten kaum über eigenes Kapital. Über das EXIST-Programm konnten sie sich zwölf Monate lang finanzieren, dazu kamen Sachmittel im Wert von 12.000 Euro. Für ein Hardware-Startup, das einen ersten Prototypen entwickeln wollte, war das eine überschaubare Ausgangsbasis. Entsprechend langsam fühlten sich die ersten zwölf Monate für die Gründer an.

150 Kilo schweres Pitchdeck

Auch die Suche nach InvestorInnen hatte wenig mit heutigen SaaS-Pitches zu tun. Hardware galt damals im Venture-Capital-Umfeld eher als Exot, während Software-as-a-Service-Unternehmen im Fokus standen. Für Egym bedeutete das viele Gespräche und viel Überzeugungsarbeit.

Der erste Business Angel Achim Lederle glaubte an die Idee und bewahrte das Gründerteam nach Sauters Einschätzung gleichzeitig vor einem entscheidenden Fehler: Egym hatte ursprünglich darüber nachgedacht, direkt in den USA zu gründen. Rückblickend sei es gerade für das Hardware-Geschäft richtig gewesen, zunächst in Deutschland zu starten.

Um weitere InvestorInnen zu überzeugen, setzte das Team auf maximale Anschaulichkeit. Mit dem ersten selbst zusammengebauten Prototypen ging es im Sprinter quer durch Deutschland. Bei potenziellen Geldgebern wurde die rund 150 Kilogramm schwere Maschine vom Anhänger gehoben und ins Büro getragen. Statt Folien allein sollten InvestorInnen sehen: Dieses Produkt existiert tatsächlich.

Der Aufwand zahlte sich aus. Nach dem ersten Investment des High-Tech Gründerfonds konnte Egym das Team vergrößern und die Entwicklung der ersten echten Geräte vorantreiben. Früh holten die Gründer zudem Sportwissenschafts-Kompetenz ins Unternehmen. Mitarbeiter Nummer Eins, zunächst als Werkstudent eingestellt, ist laut Sauter bis heute in leitender Position bei Egym tätig.

Florian Sauter, Co-Gründer von Egym, auf dem Munich Startup Festival. Credit: Munich Startup

Verkauft, bevor das Produkt existierte

Einen der wichtigsten frühen Meilensteine beschreibt Sauter heute mit sichtbarem Erstaunen: Egym schaffte es, einen Kaufvertrag für einen kompletten Zirkel aus acht Geräten abzuschließen, obwohl lediglich eines davon als Prototyp existierte. Der Rest bestand zu diesem Zeitpunkt nur aus CAD-Bildern.

Für Sauter steckt darin eine zentrale Lektion für GründerInnen: Marktvalidierung sollte so früh wie möglich stattfinden. Erst danach folgten die Auslieferung der ersten echten Geräte, Messeauftritte, weitere Kunden sowie über die Jahre neue Produkte und Geschäftsbereiche.

Dass der Weg vom Startup zum Unicorn trotzdem keineswegs geradlinig verlief, betont der Gründer mehrfach. Das hardwarelastige Geschäftsmodell war über Jahre nicht profitabel. Egym war darauf angewiesen, mit Investorengeld die nötige Größenordnung aufzubauen. Jede weitere Finanzierungsrunde bedeutete daher erneut Überzeugungsarbeit.

Die wohl größte existenzielle Herausforderung kam allerdings deutlich später.

Von Vollgas auf Vollbremsung

Als die Coronapandemie begann, traf sie Egym direkt im Kern des Geschäftsmodells. Das Unternehmen arbeitet im B2B-Bereich vor allem mit Fitnessstudios – und die waren während der Pandemie insgesamt rund elf Monate geschlossen.

Besonders problematisch: Egym hatte unmittelbar zuvor auf massives Wachstum gesetzt und Mitarbeitende sowie Ressourcen entsprechend aufgebaut. Innerhalb kürzester Zeit musste das Unternehmen deshalb von „Vollgas auf Vollbremsung“ umstellen. Die Situation sei sehr knapp gewesen, sagt Sauter rückblickend. Gleichzeitig habe die Krise das Unternehmen stärker gemacht. Seitdem funktioniere das Wachstum sehr gut.

Entscheidend war in dieser Phase auch die Unterstützung der InvestorInnen. Sie waren bereit, das zusätzliche Risiko mitzutragen. Für Sauter ein Beleg dafür, dass Egym bei der Auswahl seiner Kapitalgeber offenbar die richtigen Partner gefunden hatte.

Von EXIST über Business Angels, Bayern Kapital und den High-Tech Gründerfonds bis zu internationalen InvestorInnen wuchs das Finanzierungsumfeld mit dem Unternehmen mit. Schließlich erreichte Egym die nächste symbolische Marke: die Unicorn-Bewertung von mehr als einer Milliarde Euro.

Amerikanische InvestorInnen und der Mut, größer zu denken

Sauter selbst bezeichnet sich im Gespräch als „Techie“. Den Kontakt zu InvestorInnen habe deshalb vor allem Mitgründer Philipp übernommen. Trotzdem beobachtete Sauter, wie sich die Rolle der Kapitalgeber im Laufe der Unternehmensentwicklung veränderte.

In der frühen Phase konnten Business Angels mit sehr praktischen Ratschlägen helfen und die Gründer vor Fehlern bewahren. Internationale und insbesondere amerikanische InvestorInnen brachten später eine andere Perspektive mit: deutlich größere Ambitionen und einen von Beginn an globaleren Blick. Für Egym sei entscheidend gewesen, dass diese InvestorInnen erst in einer Unternehmensphase dazukamen, in der diese internationale Perspektive auch zum Unternehmen passte. Gleichzeitig hätten sie das Gründerteam dazu gebracht, selbst größer zu denken.

Dieses größere Denken zeigt sich inzwischen auch in der Vision des Unternehmens. Egym startete mit Hardware, bietet heute aber zahlreiche Services rund um das ursprüngliche Produkt an. Im Zentrum steht zunehmend die Frage, wie sich Fitness und Prävention stärker mit dem Gesundheitsmarkt verbinden lassen.

Ein wichtiger Schritt auf diesem Weg war die Übernahme von Qualitrain, heute Wellpass. Die Logik dahinter beschreibt Sauter klar: Die Geräte sollten zunächst dafür sorgen, dass sich Menschen im Fitnessstudio zurechtfinden. Der nächste Schritt bestand darin, überhaupt mehr Menschen in die Studios und damit zu mehr Bewegung zu bringen. Firmenfitness bot dafür einen Zugang zu Personen, die zuvor teilweise gar keinen Sport gemacht hatten.

Langfristig soll Fitness aus Sicht von Egym deshalb stärker aus der Kategorie Freizeitaktivität herauskommen und eine aktive Rolle in der gesundheitlichen Prävention übernehmen. Davon sollen NutzerInnen, Studios und letztlich auch Egym selbst profitieren.

KI soll bei Egym nicht nur Sache neuer Mitarbeitende sein

Mit inzwischen mehr als 1.000 Mitarbeitenden hat sich auch Sauters eigene Aufgabe fundamental verändert. Vom operativen Arbeiten der Anfangszeit sei seine Rolle immer stärker in Richtung Führung gewachsen. Einen universellen Ratschlag zum Thema Unternehmenskultur will er daraus nicht ableiten. Für Egym sei aber wichtig gewesen, eine Firma und ein Arbeitsumfeld zu bauen, in dem die Gründer selbst gerne arbeiten.

Eine besonders große Herausforderung sieht das Unternehmen aktuell bei Künstlicher Intelligenz: gute KI-Talente zu finden, sei schwierig. Allein neue Spezialisten einzustellen, reicht Sauter jedoch nicht. Mindestens ebenso wichtig sei es, die bestehende Belegschaft dazu zu befähigen, mit KI zu arbeiten. Egym investiere deshalb viel Zeit und Energie in dieses Thema.

Sauters Prognose ist deutlich: So gut wie jeder Job bei Egym werde in zwei Jahren völlig anders aussehen. Der Wandel müsse deshalb aus dem Unternehmen selbst heraus entstehen.

Auch in der Softwareentwicklung verändert KI bereits die Arbeitsweise. Obwohl Egym physische Fitnessgeräte herstellt, habe sich das Unternehmen schon immer eher als Software- denn als Hardware-Company verstanden. Eine einzelne Maschine reiche nicht aus. Erst durch ein Software-Ökosystem werde daraus ein überzeugendes Gesamterlebnis. Durch die aktuellen Entwicklungen im KI-Bereich müsse Egym nun erneut grundlegend darüber nachdenken, wie Softwareteams künftig funktionieren.

Die USA als nächster Wachstumsmotor

Ein weiteres zentrales Thema bleibt die Internationalisierung. Mitgründer Philipp arbeitet inzwischen in den USA. Zudem hat Egym nach Sauters Angaben jüngst einen Zusammenschluss mit dem amerikanischen Unternehmen Playlist abgeschlossen und eine gemeinsame Gruppe gebildet. Damit will das Unternehmen seinen Footprint auf dem US-Markt weiter ausbauen.

Das Potenzial dort sei enorm. Gleichzeitig bleibt die nächste große Stufe der Egym-Vision bestehen: der Schritt vom Fitness- in den Gesundheitsmarkt.

Dass Egym auf diesem Weg angekommen ist, erklärt Sauter allerdings nicht allein mit strategischer Brillanz. Zum Erfolg gehöre auch Zufall – zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen zu sein. Ebenso wenig bedeute Erfolg als Gründer automatisch, ein guter Investor zu sein. Zwar tätigen die Egym-Gründer punktuell kleinere Angel-Investments, wenn sie ein Thema oder Team besonders überzeugt, aber nicht im großen Stil.

„Zwei Drittel der Dinge funktionieren nicht wie geplant“

Welche Lektion bleibt nach 16 Jahren Unternehmensaufbau? Sauter hält sich mit pauschalen Ratschlägen bewusst zurück. Eine Erfahrung zieht sich für ihn aber durch die Egym-Geschichte: GründerInnen brauchen ein klares Ziel und dürfen sich von den unvermeidlichen Umwegen nicht davon abbringen lassen.

Egym habe immer an der Vorstellung festgehalten, das Erlebnis im Fitnessstudio zu verbessern und sich langfristig stärker in Richtung Gesundheit zu entwickeln. Der Weg dorthin sei keine gerade Linie gewesen. Entscheidend sei, die eigene Überzeugung nicht bei jedem Hindernis infrage zu stellen. Gleichzeitig müsse man realistisch damit rechnen, dass ein großer Teil der ursprünglichen Pläne nicht aufgeht. Sauter formuliert es drastisch: GründerInnen sollten damit rechnen, dass zwei Drittel der Dinge nicht so funktionieren wie ursprünglich gedacht – und trotzdem weitermachen.

Vielleicht gehört auch eine Portion Naivität dazu. Rückblickend sagt Sauter, dass die Gründer Egym möglicherweise gar nicht gestartet hätten, wenn sie schon damals gewusst hätten, wie kompliziert insbesondere das Hardware-Geschäft werden würde. Nicht jede Schwierigkeit müsse von Anfang an vollständig durchdacht werden. Manchmal helfe es, vorwärtszugehen, ohne sich zu viele Sorgen zu machen – solange man die Realität dabei nicht ausblendet.

Und noch etwas hat sich nach 16 Jahren nicht geändert: Florian Sauter und sein Mitgründer stehen weiterhin gemeinsam an der Spitze des Unternehmens. Eine klare Rollenverteilung habe dazu beigetragen, sagt Sauter. Vor allem aber müsse das Feuer weiterhin da sein.

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