Foto: Isar Aerospace

Zweiter Raketenstart von Isar Aerospace: Warum jede Sekunde zählt

Wenn im norwegischen Andøya erneut eine Spectrum-Rakete von Isar Aerospace abhebt, geht es um weit mehr als nur um einen weiteren Test. Der zweite Startversuch des Münchner Raumfahrt-Startups markiert einen entscheidenden Moment für die europäische New-Space-Szene und für den kommerziellen Zugang zum All. Denn bei diesem Flug zählt tatsächlich jede Sekunde. Wir haben mit Chiara Manfletti, Raumfahrtexpertin an der TUM, über den Start gesprochen.

Für Chiara Manfletti, Professorin für Raumfahrtantriebe und Mobilität an der Technischen Universität München (TUM), ist bereits der zweite Start ein wichtiges Signal.

„Schon die Tatsache, dass wir einen zweiten Start sehen, ist für mich ein Erfolg“,

sagt sie im Interview mit Munich Startup. Europa versuche seit Jahren, kommerziell getriebene Raumfahrtunternehmen aufzubauen – jeder reale Start bringe dieses Ziel ein Stück näher, unabhängig vom Ausgang. Isar Aerospace hat in den vergangenen Jahren umfangreiche private Finanzierungen eingesammelt. Damit wächst auch der Erwartungsdruck.

„Jetzt müssen sie liefern. Auf der anderen Seite ist es absolut außergewöhnlich, dass ein europäisches Startup in dieser kurzen Zeit diesen Punkt überhaupt erreicht hat.“

Warum bei einem Raketenstart jede Sekunde zählt

Raketenstarts sind keine Alles-oder-Nichts-Ereignisse. Selbst wenn ein Flug vorzeitig endet, liefert er wertvolle Erkenntnisse. Manfletti erklärt:

„Eine Rakete ist eine extrem komplexe Maschine. Jede Sekunde, die sie läuft, zeigt uns, wie sie sich verhält und wie die einzelnen Systeme performen.“

Diese Daten sind entscheidend, um Schwachstellen zu identifizieren und Verbesserungen vorzunehmen. Der Ansatz erinnert bewusst an Entwicklungsprozesse aus der Startup-Welt: testen, lernen, anpassen.

„Es ist wie beim Autofahren: Mit jeder Fahrt lernt man dazu und wenn man selbst optimieren könnte, würde man die Performance steigern.“

Internationale Vorbilder zeigen, dass dieser Weg funktionieren kann. Auch SpaceX mit Elon Musk gelang der Durchbruch erst beim vierten Versuch. Daniel Metzler und Isar Aerospace wollen es bereits im dritten Anlauf schaffen.

Gründergeist unter Extrembedingungen

Dass Isar Aerospace diesen „Startup-Weg“ geht, ist eng mit der Mentalität seines Gründerteams verbunden. Manfletti beschreibt CEO Daniel Metzler als Vertreter einer Generation, die nach dem Studium nicht auf bestehende Strukturen wartet, sondern selbst Dynamik erzeugen will. „Er macht das einfach“, sagt sie und verweist auf die enorme Resilienz, die es braucht, um ein Raumfahrt-Startup durch gute wie schlechte Phasen zu führen.

Denn Raketenentwicklung ist ein unternehmerischer Hochrisiko-Pfad: hohe Investitionen, lange Entwicklungszeiten, kein fertiges Produkt und trotzdem die Notwendigkeit, InvestorInnen von der eigenen Vision zu überzeugen.

Hinein in neue Dimensionen

Die Mission trägt den Namen „Onward and Upward“. Anders als beim ersten Flug handelt es sich diesmal nicht nur um einen reinen Test, sondern zugleich um die Qualifikationsmission der Rakete und den ersten Flug mit Nutzlasten an Bord. Geplant ist der Transport von fünf CubeSats sowie eines technologischen Experiments, darunter Projekte von Universitäten und Forschungseinrichtungen aus Deutschland, Österreich und Norwegen.

Unterstützt wird die Mission durch das ESA-Programm Boost!. Isar Aerospace hatte sich zuvor in der Microlauncher Competition der Deutschen Raumfahrtagentur im DLR durchgesetzt – ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur industriellen Nutzung der Rakete.

Start von Europas erstem orbitalen Raumhafen

Gestartet wird die Mission vom Isar-Aerospace-Launchkomplex am Raumfahrtstandort Andøya in Norwegen. Der Standort wurde Ende 2023 offiziell eröffnet und gilt als erster operativer orbitaler Weltraumbahnhof auf dem europäischen Festland. Isar Aerospace verfügt dort über exklusiven Zugang zu einer Startanlage für Orbitalmissionen.

Die geografische Lage ermöglicht insbesondere polare und sonnensynchrone Orbits – ein entscheidender Vorteil für Erdbeobachtungs- und Kommunikationssatelliten.

Spectrum: Kleinrakete mit industriellem Anspruch

Zum Einsatz kommt erneut die zweistufige Trägerrakete Spectrum, die vollständig von Isar Aerospace entwickelt, gefertigt und getestet wird. Die Rakete ist rund 28 Meter lang, hat einen Durchmesser von zwei Metern und nutzt flüssigen Sauerstoff und flüssiges Propan als Treibstoffe.

Die geplanten Flugphasen von Spectrum. (Foto: Isar Aerospace)

Angetrieben wird die erste Stufe von neun Aquila-Triebwerken, die zweite Stufe von einem vakuumoptimierten Aquila-Triebwerk. Perspektivisch soll Spectrum bis zu 1.000 Kilogramm Nutzlast in einen niedrigen Erdorbit (LEO) oder 700 Kilogramm in einen sonnensynchronen Orbit (SSO) transportieren können.

Mehr als ein Testflug

Ob die Spectrum-Rakete beim zweiten Versuch ihr ultimatives Ziel erreicht, bleibt offen. Sicher ist jedoch: Jeder weitere Flug liefert Erkenntnisse, die Europas kommerzielle Raumfahrt voranbringen. Oder, wie Manfletti es formuliert:

„Es geht weniger darum, was wir machen, Raketen bauen können wir, sondern wie wir es machen.“

Der Start in Andøya ist damit mehr als ein technischer Test. Er ist ein Symbol für den Versuch, Raumfahrt in Europa neu zu denken – schneller, mutiger und näher an der Logik von Startups.

Quellen

  • Interview mit Prof. Dr. Chiara Manfletti, Professorin für Raumfahrtantriebe und Mobilität an der Technischen Universität München (TUM), geführt von Munich Startup am 19.01.2026
  • Isar Aerospace: Press Kit zur Mission „Onward and Upward“ 2026

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