Francesco Sciortino, CEO von Proxima Fusion, arbeitete bis 2022 im Bereich sogenannter Tokamaks. Das ist die bislang verbreitetste Bauform für Fusionsreaktoren. Ein Tokamak ist vereinfacht gesagt ein ringförmiges Magnetfeld-System, das extrem heißes Plasma, also ein ionisiertes Gas, einschließt, damit Atomkerne miteinander verschmelzen können.
Doch 2022 kam für Sciortino die Wende. Neue Forschungsergebnisse zeigten, dass ein anderes Konzept, der sogenannte Stellarator, plötzlich deutlich besser berechenbar und optimierbar ist als bislang gedacht. Sciortino erklärt im Gespräch mit Munich Startup im Rahmen der Münchner Sicherheitskonferenz im MSC Startub Hub:
„2022 haben wir erkannt, dass Tokamaks sich nicht zu Kraftwerken skalieren lassen. Gleichzeitig wurde klar, dass sich Stellaratoren numerisch optimieren lassen – weiter, als ich selbst je für möglich gehalten hätte.“
Was ist ein Stellarator?
Ein Stellarator ist ebenfalls ein Fusionsreaktor, der Plasma mit Magnetfeldern einschließt. Der Unterschied: Während Tokamaks auf relativ symmetrische Ringstrukturen setzen, sind Stellaratoren extrem komplex geformt, ihre Magnetspulen winden sich dreidimensional umeinander. Lange galt das als zu kompliziert.
Doch neue Simulationsmethoden ermöglichen es, diese Geometrien numerisch so zu optimieren, dass es keine offensichtlichen technischen Showstopper mehr gibt.
Von der Simulation zur industriellen Realität
Sciortino betont im Interview: Reine Machbarkeit genügt nicht.
„Machbarkeit ist eine Voraussetzung, aber nicht ausreichend. Wir müssen tatsächlich Dinge bauen, damit wir iterieren können und daraus eine Industrialisierung von Fusionskomponenten machen.“
Genau hier setzt Proxima Fusion an. Das Unternehmen entwickelt nicht nur das Reaktordesign, sondern will die Schlüsselkomponenten selbst industrialisieren. Dazu gehören insbesondere hochkomplexe Magnetstrukturen. Eine eigene Magnetfabrik ist geplant.
Die Dynamik wird zusätzlich durch Fortschritte bei Hochtemperatur-Supraleitern beschleunigt. Diese Materialien ermöglichen stärkere Magnetfelder, ein zentraler Faktor für stabile Fusionsprozesse. Langfristig soll ein Stellarator mit Netto-Energiegewinn entstehen. Ein erstes Kraftwerk visiert Proxima für die Mitte der 2030er-Jahre an.
100 Milliarden Bewertung
Doch wie überzeugt man InvestorInnen von einer Idee, die am Limit des Machbaren zu liegen scheint? Sciortino stellt klar:
„Solange die Bewertung weiter stark wächst und es einen Multiplikator vor uns gibt, ist das finanzierbar. Die Angst eines VCs entsteht nur, wenn es keinen weiteren Wertzuwachs gibt. In der Fusion aber stehen wir erst am Anfang.“
Er geht sogar noch weiter: Bevor die Menschheit von sauberer Energie profitiere, entstehe zunächst ein wirtschaftliches Ökosystem. In den 2030er-Jahren könnten Unternehmen, die erste Fusionskraftwerke bauen, Bewertungen nahe der hundert Milliarden erreichen. Und selbst das sei kein Endpunkt, die Energiemärkte seien deutlich größer. Und doch kann Sciortino nicht versprechen, in fünf oder zehn Jahren billige Energie im Überfluss zu liefern.
Startup-Kultur statt Behördenlogik
Fusion war lange das Spielfeld staatlicher Megaprojekte. Doch Proxima setzt bewusst auf eine Startup-Kultur.
„Wir sind kein Physikunternehmen, wir sind ein Engineering-Unternehmen.“
An Bord sind Fachleute aus Luft- und Raumfahrt, Automotive und Software. Die akademische Exzellenz wird ergänzt, nicht kopiert. Doch Europa hat ein Problem: die sogenannte Scaleup-Lücke. Große Finanzierungsrunden im Milliardenbereich sind hier schwieriger als in den USA. Deshalb spricht Proxima global mit InvestorInnen und holt internationales Kapital nach Deutschland.
Proxima Fusion ist ein 2022 in München gegründetes Deeptech-Startup mit dem Ziel, Fusionsenergie kommerziell nutzbar zu machen. Das Unternehmen setzt auf das Stellarator-Konzept – eine besonders komplexe, magnetbasierte Bauform von Fusionsreaktoren – und entwickelt die dafür notwendigen Hochleistungsmagnete sowie Simulationssoftware. Als Spin-out aus dem Umfeld der Max-Planck-Gesellschaft verbindet Proxima Fusion wissenschaftliche Exzellenz mit industriellem Engineering und verfolgt das Ziel, in den 2030er-Jahren das erste Fusionskraftwerk mit Netto-Energiegewinn zu realisieren.
Foto: Munich Startup Redakteur Kyrill Ring und Proxima Fusion CEO Francesco Sciortino auf dem MSC Startup Hub
Warum das alles beim MSC Startup Hub diskutiert wurde
Der MSC Startup Hub bringt im Umfeld der Münchner Sicherheitskonferenz GründerInnen, InvestorInnen, Industrie und Politik zusammen. Ziel ist es, sicherheitsrelevante Innovationen sichtbar zu machen – von Dual-Use-Technologien bis hin zu strategischer Energieinfrastruktur. Denn Energie bedeutet Sicherheit.
Eine stabile, saubere und geopolitisch unabhängige Energieversorgung gehört zu den zentralen sicherheitspolitischen Fragen unserer Zeit. Wer die Energie von morgen kontrolliert, gestaltet geopolitische Machtverhältnisse neu. Fusion ist damit nicht nur eine Klimafrage, sondern eine strategische.
Der MSC Startup Hub schafft genau dafür die Bühne: Er verbindet Kapital, Technologie und politische Entscheidungsträger auf internationalem Parkett. Startups wie Proxima Fusion stehen exemplarisch für eine neue Generation europäischer Deeptech-Champions, die nicht nur Märkte, sondern geopolitische Dynamiken verändern könnten.
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