Der Absender der Mail vor fast genau 10 Jahren: Tubulis-Mitgründer Jonas Helma-Smets. Nach seiner Zeit bei Chromotek bleibt er an der LMU, um seine Promotion abzuschließen und parallel an einer neuen Technologie zu arbeiten: einer Methode zur gezielten Modifikation von Proteinen mit Anwendung in Antikörper-Wirkstoff-Konjugaten (ADCs).
Doch 2016 steht davon erst die Idee. Es fehlt an Geld, an Geräten, an Partnern.
Also schreibt Helma-Smets direkt an Philipp Baaske, Mitgründer von NanoTemper und heutigem Vizepräsident Entrepreneurship der LMU. Kein formeller Pitch, kein Netzwerk im Hintergrund – sondern eine persönliche Anfrage nach Austausch und möglicher Zusammenarbeit.
Für Baaske ist rückblickend weniger die Idee entscheidend als die Person dahinter: jemand, der nicht aufhört, an seine Idee zu glauben. Oder wie Baaske es in seinem LinkedIn-Post beschreibt:
„Im Laufe der Jahre habe ich gesehen, wie Jonas und Dominik Tubulis von innen heraus gebaut haben.
Die schlaflosen Nächte. Die Opfer. Die Momente, in denen fast niemand außer ihnen selbst an die Technologie glaubte. Das ist der Teil, den keine Pressemitteilung je einfangen wird. So sehen 5 Milliarden Dollar tatsächlich aus.“
Parallel an der LMU: Der Weg vom Forschungsprojekt zum Startup
Unabhängig davon nimmt die Tubulis-Story bereits 2015 an der LMU Fahrt auf. Helma-Smets und Mitgründer Dominik Schumacher wenden sich an den LMU Spin-off Service, um ihre Idee weiterzuentwickeln und Fördermittel zu beantragen, wie uns Startup-Manager Michael Blind im Interview erzählt.
„Sie haben mir von ihrer Idee berichtet, dass sie Technologien haben, um verbesserte ADCs herzustellen, und dass sie sich mit der Ausgründung beschäftigen und Fördergelder einwerben wollen“.
Der Weg führt über klassische Förderprogramme wie den EXIST-Forschungstransfer und später den M4-Award. Diese Phase ist aufwendig – nicht nur wissenschaftlich, sondern auch administrativ. Förderanträge müssen ausgearbeitet, Businesspläne erstellt und das Potenzial der Technologie überzeugend dargestellt werden.
Im Zentrum steht ein bekanntes Problem im ADC-Bereich: Die Verbindung zwischen Antikörper und Wirkstoff ist oft instabil und schwer kontrollierbar.
Blind beschreibt das so:
„Das Problem ist, dass die Verbindung zwischen Antikörpern und Toxinen mit traditionellen Methoden eher zufällig ist. Man kann nicht kontrollieren, wie viele Toxine gebunden werden, die Verbindungen sind instabil – und das führt zu starken Nebenwirkungen.“
Genau hier setzt Tubulis an.
„Der Kern der Idee war eine neue Technologie, die es ermöglicht, stabil und sehr gezielt diese Konjugate herzustellen“.
Für ihn ist früh klar: Diese Innovation hat Potenzial – auch weil es bereits erste große Deals im Markt gibt, die zeigen, wie hoch das Interesse der Pharmaindustrie an solchen Technologien ist.
Vom LMU Spin-off zum Milliarden-Deal mit Gilead
2020 verlässt Tubulis die Universität und geht den nächsten Schritt als eigenständiges Unternehmen. Die erste größere Finanzierungsrunde über rund zehn Millionen Euro markiert den Übergang vom Forschungsprojekt zum skalierbaren Biotech-Startup.
Blind beschreibt die Gründer als außergewöhnlich fokussiert:
„Ich habe sie immer sehr zielorientiert erlebt. Sie haben das mit viel Engagement und Leidenschaft verfolgt. Sie haben sich darauf konzentriert, ein Kernproblem im Herstellungsprozess dieser ADCs zu lösen – und das war ein echter Durchbruch in diesem Feld. Heute würde man das auch als Sprunginnovation bezeichnen.“
Eine Innovation, die das Interesse großer Pharmaunternehmen weckt.
Mit der Übernahme durch Gilead erreicht Tubulis schließlich eine Dimension, die in Deutschland selten ist. Für Blind ist der Deal ein „echter Meilenstein“, nicht nur für München, sondern auch für Europa. Er sieht darin auch eine Signalwirkung:
„Das zeigt, dass sich solche großen Geschichten nicht nur in den USA realisieren lassen, sondern auch hier in Deutschland und Europa.“
Mehr als ein Exit: Was die Tubulis-Story zeigt
Und doch beginnt alles mit einer einzelnen E-Mail. Nicht als Teil eines Programms. Nicht als strategisch geplanter Schritt. Sondern als direkter Versuch, jemanden zu erreichen, der weiterhelfen könnte. Parallel dazu: Jahre strukturierter Aufbauarbeit an der Universität – Förderanträge, Validierung, Finanzierung. Die Tubulis-Story zeigt beides: exzellente Wissenschaft und die Initiative, den ersten Schritt selbst zu machen.
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Quellen
-Munich Startup Interview mit LMU-Startup Manager Michael Blind 21.04.2026
-LinkedIn-Post Philipp Baaske zu Tubulis 13.04.2026
-Interview mit Philipp Baaske zu Tubulis 21.04.2026