Foto: Seal Robotics GmbH

Women in Tech: Marie-Elisabeth Makohl von Seal Robotics

Marie-Elisabeth Makohl gründete gemeinsam mit Daniel Leidner im Jahr 2025 Seal Robotics. Das Unternehmen entwickelt modulare Robotersysteme, die sicherheitskritische, manuell ausgeführte Prozesse in der Terminallogistik automatisieren, insbesondere Aufgaben im Zusammenhang mit der Handhabung von Twistlocks und Bolzen zur Sicherung von Frachtcontainern auf Schiffen und Zügen. Die Technologie zielt darauf ab, die Zuverlässigkeit, Effizienz und Arbeitssicherheit zu verbessern, indem sie repetitive, gefährliche Arbeitsschritte übernimmt, die traditionell unter Zeitdruck ausgeführt werden.

Munich Startup: Was hat Dich zur Gründung motiviert?

Marie-Elisabeth Makohl: Die Motivation hinter Seal Robotics ist denkbar konkret: echte Probleme lösen, die ich selbst aus erster Hand erlebt habe. Ich habe selbst einige Wochen auf einem Containerschiff verbracht – im Europäischen Nordmeer und im Nordatlantik – und dabei hautnah miterlebt, unter welchen Bedingungen dort gearbeitet wird: extremer Zeitdruck, widrige Wetterverhältnisse und körperlich außerordentlich anspruchsvolle Tätigkeiten. Diese Erfahrung hat mich nachhaltig geprägt. Mir war danach klar: Hier gibt es dringenden Handlungsbedarf und Technologie kann einen echten Unterschied machen. Seal ist aus diesem Antrieb heraus entstanden – nicht aus einer theoretischen Marktanalyse, sondern aus gelebter Praxis.

Finanzierung, Learnings und Anforderungen im VC-Umfeld

Munich Startup: Was hättest du gerne vor Deiner ersten Gründung gewusst?

Marie-Elisabeth Makohl: Vor allem eines: Wann welcher Aufwand wirklich gerechtfertigt ist und wann er schlicht verfrüht ist. Brauche ich eine perfekt ausgearbeitete Satzung bereits vor meiner ersten VC-Runde? Wie lange können behördliche Prozesse in Deutschland tatsächlich dauern und wie plane ich das realistisch ein? Und was muss konkret vorbereitet sein, bevor ich in eine Finanzierungsrunde gehe – wie sieht beispielsweise ein wirklich überzeugender Datenraum aus? Diese scheinbar pragmatischen Fragen können über Erfolg oder Misserfolg entscheiden.

Munich Startup: Wie ist Dein Unternehmen bislang finanziert?

Marie-Elisabeth Makohl: Seal ist venture-capital-finanziert. Unser Lead-Investor ist ein britischer Deeptech-VC, ergänzt durch zwei deutsche und einen amerikanischen Investor sowie einen deutschen Business Angel. Insgesamt haben wir bislang etwa 1,8 Millionen Euro eingesammelt.

Munich Startup: Wann und wo bekommst Du die besten Ideen?

Marie-Elisabeth Makohl: Immer dann, wenn ich wirklich abschalten kann und neue Eindrücke auf mich einwirken lasse – und vor allem, wenn ich mit Menschen ins Gespräch komme, die normalerweise nicht Teil meines Alltags sind. Das Verlassen der eigenen Echokammer ist für mich entscheidend. Segeln, Wandern, Tauchen – das sind für mich keine Freizeitaktivitäten im klassischen Sinne, sondern mentale Räume, in denen die besten Gedanken entstehen. Kein Zufall, dass unser Unternehmen maritime Wurzeln hat.

Munich Startup: Was sind Deine drei liebsten Arbeitstools?

Marie-Elisabeth Makohl: Mein wichtigstes Tool ist Fokus und der ist erschreckend selten. Daneben: Notion für Struktur, Claude als Denkpartner und konsequentes E-Mail-Batching, weil Dauererreichbarkeit der größte Produktivitätskiller ist, über den niemand redet.

Munich Startup: Dein Top-Tipp zum Thema “Pitchen”?

Marie-Elisabeth Makohl: Lerne, gleichzeitig CEO und Investor zu sein – zumindest im Kopf. Was ich damit meine: Ein guter Pitch ist kein Monolog, er ist ein Dialog, den du bereits vor dem Termin in deinem Kopf geführt hast. Verstehe, warum ein Investor eine bestimmte Frage stellt und was dahinter wirklich steckt. Erkenne, was ihm wichtig ist, was Nebensache ist und welche Frage er stellen müsste, um dein Produkt und deinen Business Case wirklich zu durchdringen, es aber nicht tut. Wer das beherrscht, pitcht nicht mehr. Der führt ein Gespräch auf Augenhöhe.

Deeptech, maritime Innovation und Standortfaktoren in München

Munich Startup: Erscheint es Dir gerade als eine gute Zeit, um zu gründen? Warum?

Marie-Elisabeth Makohl: Besser als während Corona – das ist schon mal gesagt. Im Ernst: Die Frage ist komplex. Einerseits bieten sich heute enorme Chancen, gerade im Deeptech-Bereich. Andererseits haben sich die Rahmenbedingungen spürbar verändert. Geopolitische Unsicherheiten – die zahlreichen Konflikte weltweit – führen bei manchen Investoren zu erhöhter Zurückhaltung.

Gleichzeitig hat sich das Verständnis von Pre-Seed-Runden fundamental gewandelt: Eine überzeugende Idee und ein starkes Team reichen vielen VCs heute nicht mehr – sie erwarten bereits erste Traction, was vor wenigen Jahren noch undenkbar war. Und wer wie wir nicht rein Software baut, sondern Hardware und Software kombiniert, bewegt sich in einem nochmals anspruchsvolleren Umfeld.

Munich Startup: Auf welche Technologie oder Branche würdest Du bei Deiner nächsten Gründung setzen?

Marie-Elisabeth Makohl: Ganz klar: wieder Maritime. Diese Branche ist riesig, systemrelevant und gleichzeitig in vielen Bereichen technologisch noch weit hinter ihrem Potenzial. Was wir bei Seal angefangen haben zu verstehen, kratzt wirklich erst an der Oberfläche dessen, was möglich ist. Hier liegen noch enorme Chancen für mutige Gründerinnen und Gründer.

Munich Startup: Was könnte aus Deiner Sicht am Gründungsstandort München noch verbessert werden?

Marie-Elisabeth Makohl: Wir sind am Gate Garching sehr glücklich – das ist ein wirklich unterstützendes Umfeld. Aber was München und Bayern insgesamt noch stärker brauchen: mehr Räume wie diesen. Gerade für Startups, die nicht nur Software entwickeln, sondern physische Produkte bauen, ist ausreichend Platz für Hardware-Entwicklung oft eine echte Herausforderung. Hier sollte die Infrastruktur gezielt ausgebaut werden, denn Deeptech entsteht nicht im Home Office.

Munich Startup: Welchen Gründer oder welche Gründerin würdest Du gerne einmal persönlich treffen? Und was würdest Du sie oder ihn fragen?

Marie-Elisabeth Makohl: Ich würde Demis Hassabis wählen, den Mitgründer von DeepMind. Was mich an ihm fasziniert, ist nicht nur das, was DeepMind aufgebaut hat, AlphaFold, AlphaGo, Gemini, sondern wie er denkt. Er ist gleichzeitig Neurowissenschaftler, Schachprofi und Spieleentwickler, und genau diese interdisziplinäre Denkweise hat zu wirklich grundlegenden Durchbrüchen geführt. Ich würde ihm eine ganz konkrete Frage stellen: „Ab welchem Punkt hast du erkannt, dass Spiele nicht nur ein Forschungsspielplatz sind, sondern der eigentliche Schlüssel zu allgemeiner Intelligenz?“

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