Michael Hochholzer, Assaf Shamia und Andreas Barthelmes (v.r.)
Foto: G+D Ventures

G+D Ventures: „Wir verstehen uns als Sparringspartner für unsere Portfolio-Firmen“

Der Münchner Konzern Giesecke+Devrient bietet weltweit Sicherheitstechnologien an, unter anderem in den Bereichen Bezahlen, Management von digitalen Identitäten und digitale Infrastrukturen – allesamt Zukunftsbranchen, die von Innovationen abhängig sind. Um den Kontakt zur Startup-Szene zu halten und von innovativen Jungunternehmen zu profitieren, hat das Unternehmen 2018 den Investment-Arm G+D Ventures gegründet. Wir haben mit Michael Hochholzer gesprochen, Managing Director bei G+D Ventures.

Munich Startup: Stellt Euch bitte kurz vor.

Michael Hochholzer: G+D Ventures ist der Corporate-Venture-Capital-Arm der Giesecke+Devrient Gruppe. Wir sind 2018 mit zwei erfahrenen Venture-Capital-Investoren gestartet. Mein Partner Assaf Shamia kommt ursprünglich aus Israel und hat sein Handwerk dort bei Carmel Venture, heute Viola Group, gelernt. Wir haben uns 2015 bei Siemens Venture Capital kennengelernt.

Ich selbst bin seit 2001 im Venture-Capital-Geschäft tätig mit unterschiedlichen Stationen bei Corporate- und Financial-VC-Gesellschaften – als Partner bei Infineon Ventures, dann bei Baytech Venture Capital und vor G+D als Managing Partner des Industry Fonds bei Siemens Venture Capital (heißt jetzt Next47).

Seit Mai letzten Jahres sind wir zu dritt – mit Andreas Barthelmes. Er hat nach seinen zwei Masterstudiengängen an der TU München im Chief Technology Office und Strategiebereich bei G+D gearbeitet.

Munich Startup: Was bietet Ihr Startups?

Michael Hochholzer: Als Investoren stellen wir Mittel bereit für die weitere Entwicklung unserer Beteiligungen und bringen hierfür eine langjährige Expertise im Venture Capital mit. Wir sind aber noch mehr. Wir verstehen uns als Sparringspartner für unsere Portfolio-Firmen und begleiten sie bei ihrem weiteren Wachstum. Dabei verfügen wir durch die Verbindung zur G+D Gruppe über ein einzigartiges Netzwerk und eine Fach- und Markt-Expertise im Bereich Sicherheitstechnologie. Im Fokus stehen die Kerngeschäftsfelder von G+D rund um Bezahlen, Konnektivität, Identitäten und die Absicherung digitaler Infrastrukturen. Unser Ziel ist es, durch Anbahnen von Kooperationen sowohl dem Startup als auch der G+D Gruppe einen strategischen Mehrwert zu liefern. G+D Ventures agiert quasi als Business Developer in beide Richtungen.

Diesen Weg gehen wir derzeit mit fünf Firmen – IDnow und Build38 in München, Brighter AI und Verimi in Berlin sowie unserem jüngsten Investment, der Metaco in Lausanne.

Michael Hochholzer, Managing Director bei G+D Ventures (Foto: G+D Ventures)

„G+D Ventures ist für Giesecke+Devrient die Verbindung zur Startup-Welt“

Munich Startup: Welche Aufgabe hat G+D Ventures innerhalb von Giesecke+Devrient?

Michael Hochholzer: Ein großer Teil an Innovationen findet heute nicht mehr ausschließlich in Unternehmen statt. Viele innovative Technologien, Produkte und Geschäftsmodelle kommen aus der Startup-Welt. Zudem werden die Lösungen, die man Kunden anbietet, komplexer – es braucht Netzwerke und Partnerschaften.

G+D Ventures ist für Giesecke+Devrient die Verbindung zur Startup-Welt: Wir verfolgen die Trends in den vier Kernfeldern, die G+D adressiert, entwickeln sogenannte „Landscapes“ zu den neuen Themen, das heißt eine Übersicht, welche Startups wir in einem Marktsegment finden – beispielsweise Crypto Custodians – und wie sich diese zueinander und zu etablierten Spielern positionieren. Wir identifizieren die unserer Meinung nach aussichtsreichsten Startups. Diese sprechen wir an und bringen sie dann in Kontakt mit den Unternehmensbereichen, so dass beide Seiten eine potenzielle Partnerschaft ausloten können.

Wenn junge Unternehmen Kapital suchen und wir einen strategischen Nutzen für das Startup, aber auch für einen Unternehmensbereich von G+D erkennen, und wir einen guten Investment Case sehen, dann suchen wir eine Beteiligung an diesen Startups. Als strategischer Investor wollen wir natürlich genau wie jeder Finanz-VC, dass unsere Beteiligung Früchte trägt und einen Risiko-angemessenen Ertrag abwirft.

Schließlich bringen wir eine ganz andere „Denke“ und Betrachtungsweise zu Innovationen, Geschäftsmodellen und Technologie-Trends in die G+D Gruppe. Dadurch, meine ich, leisten wir auch für die Unternehmenskultur einen wichtigen Beitrag und stoßen Veränderungen an.

Munich Startup: In welche Startups investiert Ihr bevorzugt?

Michael Hochholzer: Den größten Nutzen als Investor bringen wir, wenn wir uns an Startups in den vier erwähnten Kernfeldern von G+D beteiligen und den „starken Arm“ der G+D Gruppe zusätzlich einbringen können. Wir bezeichnen diese als sogenannte „Trust Technologies“. Beispiele sind die Segmente Trusted Payments, Secure Identities, Cloud Security, IoT Security, Blockchain / Distributed Ledger Technologies oder im weiten Feld der Artifical Intelligence und des Deep Learning.

Dabei suchen wir ausschließlich gut skalierbare Geschäftsmodelle (z.B. Software-as-a-Service), hauptsächlich im B2B-Feld mit einem Fokus auf europäische Startups inklusive Israel. Selektiv schauen wir aber auch in andere Regionen. Der Fokus liegt auf der Finanzierung in früheren Phasen wie Seed, Pre-Series-A, Series-A. Ein typisches Investment bewegt sich im Rahmen von 250.000 Euro bis 2 Millionen Euro. Wir haben in einer Runde aber auch schon deutlich mehr investiert.

Munich Startup: In welche Unternehmen würdet Ihr nie investieren?

Michael Hochholzer: Wie erwähnt setzen wir einen klaren Fokus auf Technologien und Marktsegmente mit Bezug zu den Kernfeldern von G+D, die wir gut kennen – die erwähnten Trust Technologies. In Unternehmen, die in Bereichen aktiv sind, zu denen wir keinen Zugang und kein Know-how haben, stecken wir kein Geld. Dazu gehören zum Beispiel Themen wie Biotech, Pharma oder Consumer Marketing.

Munich Startup: Wie werdet Ihr auf potenzielle Investments aufmerksam?

Michael Hochholzer: Dazu priorisieren wir für uns Themenfelder und erarbeiten die genannten Landscapes zu diesen Feldern. So sprechen wir zielgerichtet die Startups an und bilden eine Investment-Hypothese.
Natürlich sind wir auch in regem Austausch mit unserem Netzwerk an Gründern, Unternehmen und Investoren, lernen dadurch weitere interessante neue Startups kennen oder schauen uns gemeinsam neue Investment-Opportunitäten an.

Schließlich kommen auch einige Startups direkt auf die G+D Unternehmensbereiche zu. Unsere operativen Kollegen aus der Gruppe nehmen uns dann mit in die Diskussion, da die meisten jungen Firmen ja auch an einer Finanzierung interessiert sind.

Gewinner und Verlierer der Krise

Munich Startup: Wie hat sich die Corona-Krise bisher auf Eure Arbeit ausgewirkt?

Michael Hochholzer: Wie wir aus Gesprächen wissen, ging es uns wie den meisten Venture Capital Kollegen: Zunächst haben wir mit unseren Portfolio-Firmen gemeinsam daran gearbeitet, die Pläne und Budgets für das Krisenjahr 2020 zu hinterfragen, gegebenenfalls anzupassen und für eine möglichst lange Cash-Reichweite zu sorgen.

Dabei gibt es in unserem Portfolio Gewinner aus der Krise, d.h. deren Geschäft hat entweder gar nicht unter der Krise gelitten oder die Lösungen wurden sogar stärker nachgefragt. Und leider gibt es dann auch Portfolio-Unternehmen, die die deutlich verlangsamten Zyklen und die Kaufzurückhaltung der Corporate-Kunden zu spüren bekommen haben.

Und was das Thema Deals closen anbelangt, so ist das für uns ohne ein Team physisch zu treffen sehr schwer. Wir haben kürzlich ein neues Investment in der Schweiz abgeschlossen. Da hatten wir das Team bereits vor dem Covid-Lockdown mehrfach getroffen. Das war hilfreich. Jetzt re-normalisiert sich die Situation zumindest in Deutschland und den umliegenden Ländern dahingehend, dass wir Startups auch wieder persönlich treffen können – die entsprechenden Vorsichtsmaßnahmen vorausgesetzt.

Munich Startup: Müssen Startups Angst haben, dass Ihr Euch zu stark einmischt?

Michael Hochholzer: Ich denke, dass dies eine „alte Angst“ vor Corporate-Investoren ist. In den Anfängen des Venture Capital hatten einige von ihnen versucht, Haken und Ösen in die Beteiligungen zu verhandeln – was immer schief ging.

Wir beiden „Senioren“ im G+D Ventures Team haben in reinen Finanz-VC-Gesellschaften gearbeitet. Wir trennen Investment rigoros von der Kooperations-Seite, um keinen Interessenskonflikt zuzulassen. Schließlich glauben wir ganz stark an das Investoren-Syndikat: ein gutes und möglichst harmonisierendes Syndikat bringt die Portfolio-Firmen durch ihre komplementären Netzwerke voran.

„Es gibt damit nicht das Erfolgsrezept“

Munich Startup: Wie lang braucht es von der ersten Kontaktaufnahme bis zum Vertragsabschluss?

Michael Hochholzer: Da sind wir im „Industrie-Standard“: unser Investment Komitee ist sehr klein und sehr schnell erreichbar – da haben wir keine „Entschuldigung“, wenn wir langsamer sind als andere VCs.

Due Diligence und Syndikat-Bildung nehmen unserer Erfahrung nach die längste Zeit in Anspruch. Bei einem Series-A-Deal mit zwei oder drei Investoren rechne ich realistischerweise mit drei Monaten. Wenn wir mit unseren Portfolio-Firmen ins Fundraising gehen, dann nehmen wir typischerweise an, dass der Prozess ein halbes Jahr dauert. Wir erleben dabei durchaus positive Überraschungen, dass das Fundraising deutlich schneller abzuschließen ist, aber auch, dass es manchmal wirklich die sechs Monate dauert.

Munich Startup: Um erfolgreich zu sein, muss ein Startup…

Michael Hochholzer: Nun, Startups gibt es in vielen Formen und Ausprägungen. Es gibt damit nicht das Erfolgsrezept. Aber wir haben im Laufe der Zeit beobachtet, dass erfolgreiche Neugründungen in ihrer Anfangszeit tendenziell diese Kriterien erfüllen:

Sie orientieren sich an Märkten, denen ein starkes künftiges Wachstum prognostiziert wird, angetrieben durch einen Trend wie eine neue Regulierung oder eine neue Technologie. Ihr Produkt oder ihre Dienstleistung ist klar und einfach zu erklären. In ihrer Frühphase konzentrieren sie sich darauf, herauszufinden, wer wirklich ihr Kunde ist und welches spezifische Geschäftsproblem sie lösen. Meistens stellt sich heraus, dass die Antwort ganz anders ausfällt als die Vorstellung bei der ersten Idee. Und sie verstehen es, ausreichend Geld zu sammeln, um für den Start der Unternehmung die größten Risiken aus dem Weg zu räumen, gleichzeitig aber nicht zu viel Kapital, um nicht zu früh zu wachsen bzw. zu wenig, um auf halber Strecke stecken zu bleiben.

Munich Startup: Der Trend des Jahres ist…

Michael Hochholzer: Unser Credo sind themenbezogene Investitionen. Wir verwenden einen beträchtlichen Teil unserer Zeit damit, Investmentthemen zu identifizieren und zu recherchieren, um ein tieferes Verständnis der zugrunde liegenden Triebkräfte und Auswirkungen zu erlangen. So können wir die Gewinner in jedem dieser Segmente besser auswählen.

Diese Themen benötigen ihre Zeit, um den richtigen Zuschnitt für den Markt zu finden und entwickeln sich in der Regel über mehrere Jahre. Wir konzentrieren uns lieber auf sie, als auf den „Geschmack des Monats“, der heute heiß, aber morgen irrelevant sein könnte.

Beispiele für Themen, die wir in letzter Zeit untersucht haben, sind die Tokenisierung von Vermögenswerten, dezentralisierte Identitäten und fortgeschrittene Datenschutztechnologien für Cloud-Umgebungen.

„Was noch fehlt, sind Investoren mit sehr großen Fonds“

Munich Startup: Was macht die Münchner Startup-Szene aus Eurer Sicht richtig? Was könnte hier besser laufen?

Michael Hochholzer: Damit eine bedeutende Startup-Szene entsteht, muss München eine entsprechende „kritische Masse“ haben. Das ist auf dem besten Weg: es gibt Top-Hochschulen als Talentquellen, große Firmen, die erste Kunden und Markt-Channels sein können, ein Angel- und Investor-Netzwerk, das stetig wächst. Die von uns Investoren geliebten „Repeat Entrepreneurs“, die schon ein, zwei, mehrere Startups aufgebaut haben, nehmen zu. Wir haben klasse und beachtete Events, wie Bits & Pretzels mit dem Coup, 2019 Präsident Obama als Keynote-Sprecher nach München zu holen.

Was noch fehlt, sind Investoren mit sehr großen Fonds – für die großen Wachstumsfinanzierungen brauchen wir immer noch die UK- und US-Fonds. Und als Investor wünscht man sich eine aktivere M&A-Szene. Es tut uns als Investoren weh, dass die Top deutschen Startups zum Großteil von Risiko-freudigeren US-Giganten gekauft werden und die Technologie dann in die USA abwandert.

Munich Startup: Vielen Dank für das Gespräch!