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Svenja Lassen: „Einfluss nehmen und Innovationen fördern“

Svenja Lassen, Leiterin des Münchner Büros des österreichischen Startup-Investor-Netzwerks Primecrowd, hat 2020 zusätzlich das Female Investors Network (FIN) ins Leben gerufen. Lassen hatte nach dem Studium die Berliner Journalistenschule absolviert, und dann als ausgebildete Redakteurin lange über Business-Themen wie New Work, Gründerinnen etc. geschrieben. Zudem hat sie die supporther-Academy initiiert und ist an Hochschulen und in Unternehmen unter anderem als Pitch-und Präsentations-Trainerin tätig. Wir haben mit ihr zu FIN gesprochen.

Munich Startup: Stellt Euch bitte kurz vor!

Svenja Lassen: Das Female Investors Network (FIN) ist eine offene Anlaufstelle für investment-interessierte Frauen, die ihr Wissen erweitern, sich austauschen und voneinander lernen wollen. Das sind also sowohl aktive Business Angels, die bereits investiert haben als auch Frauen, die sich diesem Thema erstmals nähern und in Zukunft als Investorin tätig werden wollen. Verbindendes Ziel ist es, den gesamten Frauenanteil im Startup-Ökosystem zu erhöhen – also sowohl unter Investorinnen wie Gründerinnen. Wir bieten Services für beide Seiten und möchten diese miteinander vernetzen, weil Frauen gern in Gründerinnen investieren und diese unterstützen wollen.

Zu den Angeboten für Investorinnen gehören etwa monatliche ‚Lunch&Learn‚-Termine, bei denen wir durch Experten-Vorträge Wissen zu verschieden Prozessen des Investments vermitteln und Erfahrungen diskutieren. Wir vernetzen unsere Mitglieder, teilen relevanten Content und vermitteln Positionen, Jury- und Panel-Anfragen. Außerdem zeigen wir die Expertise der Frauen und schaffen Sichtbarkeit als Role-Models über mediale Kanäle.

Gründerinnen bieten wir neben der Prüfung ihrer Geschäftsidee und einer möglichen Finanzierung auch die Möglichkeit, ihre Idee vor den Investorinnen zu pitchen – und damit vor einer Zielgruppe, die sie sonst besonders schwer erreichen, da es noch zu wenige gibt. Wir unterstützen Female Founder aber auch mit Mentoring, Pitchtraining und der Vermittlung an unsere Partner und deren Programme und Services.

Mehr Investorinnen = mehr Kapital für Gründerinnen

Munich Startup: Was hat Dich zur Gründung von FIN motiviert?

Svenja Lassen: Die Tatsache, dass ich viel zu wenige Frauen auf VC-Events getroffen oder unter Kapitalgebern gesehen habe und auch wir zu wenige im Primecrowd-Netzwerk hatten. Dass die Anzahl der Gründerinnen seit Jahren bei nur knapp 16 Prozent liegt, war mir bewusst – dass Investorinnen mit ca. 8 Prozent aber noch viel seltener sind, wollte ich ändern. Weil ich der Überzeugung bin, dass sich beide Zahlen gegenseitig bedingen und mit mehr Investorinnen auch mehr Kapital für Gründerinnen zur Verfügung stehen würde.

Munich Startup: Hattest Du Vorbilder?

Svenja Lassen: Tatsächlich nicht und genau deswegen wollte ich etwas Neues schaffen. Natürlich konnten Frauen auch schon vorher investieren. Aber kein VC, Kapitalgeber oder Netzwerk in Deutschland hat sie gezielt, eigenständig und gemäß ihrer Bedürfnisse angesprochen. Wir haben durch unsere Studie festgestellt, dass Frauen aber genau das fehlt und daraufhin das Netzwerk gegründet, das diese Lücke schließt und Services bietet, die sich viele wünschen.

Munich Startup: Wie ist FIN mit Primecrowd verknüpft?

Svenja Lassen: Das FIN ist ein Unter-Netzwerk von Primecrowd, aber offen für alle interessierten Frauen. Mit Primecrowd bieten wir den Service des Startup-Screenings, der Auswahl, Prüfung und ‚Due Diligence‘ sowie das Poolen unserer InvestorInnen bei Finanzierungs-Kampagnen. Das FIN bietet darüber hinaus erweiterte Angebote zur Wissensvermittlung und Austausch in einem geschützten und vertrauensvollen Rahmen – auch zu ganz spezifischen Fragen der aktiven und zukünftigen Investorinnen. Sie bekommen bei uns die Transparenz und Hintergründe zum Investment-Prozess und können dann in unsere Startups investieren, aber natürlich auch eigenständig aktiv werden.

Austausch auf Augenhöhe

Munich Startup: Wieso braucht die Startup-Szene Euch?

Svenja Lassen: Weil es vorher noch kein Netzwerk dieser Art gab, in dem sich Gleichgesinnte auf Augenhöhe begegnen und offen austauschen können. Es gibt zwar Investorinnen-Gruppen, aber dort sind meist nur Frauen, die bereits Investment-Erfahrung haben. Mir geht es darum, generell über Startup-Investments aufzuklären, mehr Frauen für dieses Thema zu begeistern und die Hemmschwelle für den Zugang zu senken. Und dafür braucht es eine Anlaufstelle, in der jede Frage erlaubt ist und man sich gegenseitig ermutigt. Oder wie eine unserer Investorinnen mal sagte: “Startup-Investments zu starten, ist wie eine neue Sprache zu lernen. Man braucht ein wenig Vokabular und dann ein Umfeld, in dem man sich traut, miteinander zu sprechen.” Genau das bieten wir.

Das Netzwerk wirkt sich nachhaltig aus

Munich Startup: FIN gibt es seit dem Frühjahr 2020. Wie seid Ihr mit den Herausforderungen seit der Netzwerkgründung umgegangen? Wie hat sich FIN entwickelt?

Svenja Lassen: Geplant war, die Ergebnisse unserer Studie zu weiblichen Business Angels 2020 auf vielen Veranstaltungen und Podien vorzustellen. Doch alle Termine und Einladungen haben sich aufgrund der Pandemie zerschlagen. Das war natürlich bedauerlich, denn sonst hätten wir schnell ein großes Publikum erreicht. So war die Herausforderung, das Netzwerk digital und auf Distanz aufzubauen. Aber wir konnten im Sommer zumindest drei Hybrid-Events durchgeführt, auf denen sich ein Teil der Frauen live treffen konnte. Das war extrem bereichernd. Aber auch bei den monatlichen digitalen Events ist die Beteiligung hoch.

Das Netzwerk wächst stetig, mittlerweile haben wir 65 registrierte Mitglieder. Und ich führe jede Woche Gespräche mit neuen Interessentinnen. Außerdem bauen wir gerade eine digitale Plattform mit vielen Features auf, um verschiedene Prozesse zu automatisieren, wenn wir größer werden. Ein großer Erfolg war, dass FIN-Mitglieder in unseren Startup-Kampagnen 2020 mehr als doppelt so viel Kapital investiert haben wie Frauen in allen Kampagnen der fünf Jahre zuvor – ein deutliches Zeichen, dass Frauen vermehrt Einfluss nehmen und Innovationen fördern wollen und sich das Netzwerk nachhaltig auswirkt.

Svenja Lassen: „Impact ist ihnen wichtiger als reine Rendite“

Munich Startup: Unterscheiden sich Investorinnen von Investoren? Wenn ja, wie?

Svenja Lassen: Frauen wollen Gutes bewirken mit ihrem Geld, Impact ist ihnen wichtiger als reine Rendite. Die zählt natürlich auch, kam prozentual aber erst an dritter Stelle – nach den Wünschen, Einfluss zu nehmen und Gründerinnen zu unterstützen. Das zeigt, dass mehr Investorinnen auch gesellschaftlich einen Unterschied zum Positiven machen würden: mit ihnen gäbe es mehr Geld für Impact-Investments und Gründerinnen.

Außerdem habe ich in den Meetups zwischen Investorinnen und Gründerinnen eine sehr emphatische Stimmung wahrgenommen: Da wurde auch mal nach den familiären Hintergründen und persönlichen Herausforderungen gefragt. Das hat die Gründerinnen positiv überrascht, denn solche Fragen kannten sie von männlichen Investoren nicht.

Munich Startup: Was ist der größte Fehler, den ein/e InvestorIn machen kann?

Svenja Lassen: Das ist schwierig zu beantworten, weil jeder Mensch unterschiedlich ist und andere Maßstäbe ansetzt. Grundsätzlich glaube ich, sollte jeder neben der Prüfung aller relevanten Zahlen und Fakten auch auf sein Bauchgefühl im Bezug auf die GründerInnen vertrauen. Denn egal wie hochtechnologisch eine Lösung oder ein Produkt auch sein mag, es stehen immer Menschen dahinter. Denen sollte man zutrauen, ihre Vision erfolgreich umzusetzen.

Auf die eigenen Stärken besinnen

Munich Startup: Und was machen Startups mit Gründerinnen aus Sicht Deiner Sicht richtig? Was könnten sie besser machen?

Svenja Lassen: Sich auf ihre eigenen Stärken zu besinnen und diese deutlich zu zeigen, ist immer richtig und überzeugend. Ich würde mir wünschen, dass Gründerinnen dabei noch mehr Zuversicht entwickeln, selbstbewusst auftreten und sich nicht entmutigen lassen. Denn sie haben tolle Ideen und sind sehr offen für den Austausch sowie Input von MentorInnen und InvestorInnen. Ich würde mir wünschen, dass sie sich authentisch zeigen können und sich nicht auf eine allein männliche Zielgruppe konzentrieren müssen und dafür vielleicht verstellen. 

Munich Startup: Wie steht es um die Diversität in der Startup-Szene in 5 Jahren? Wie in 10 Jahren?

Svenja Lassen: Mein großer Wunsch ist natürlich, 2025 bereits 25 Prozent Frauen unter Startup-Investoren zu haben – und in zehn Jahren gar nicht mehr über Geschlechteranteile sprechen zu müssen. Unser Ziel bei Primecrowd und mit dem FIN ist Diversität, denn die führt zu mehr Erfolg. Gemischte Teams performen immer besser. Das gilt für Startups wie für Kapitalgeber. Von vielen unterschiedlichen Perspektiven können wir am Ende alle nur profitieren. 


Weitere Informationen gesucht? In einem früheren Interview gemeinsam mit Maike Wursthorn vom Werk1 zu One Mission hatte Svenja Lassen bereits Tipps für Startup-Gründerinnen gegeben.