Internationaler, voller und optimistischer: Wer in diesem Jahr durch die Hallen der Bits & Pretzels lief, bekam schnell den Eindruck, dass das Stimmungsbarometer in der Startup-Szene deutlich nach oben zeigt. Rund 7.500 TeilnehmerInnen und mehr als 200 SpeakerInnen kamen zur zwölften Ausgabe des Gründerfestivals nach München. Auffällig war dabei, wie international die Veranstaltung geworden ist. Auf den Gängen hörte man mehrheitlich Englisch, in den Pitching-Sessions kam ein großer Teil der Startups aus dem zumeist europäischen Ausland.
Auch die Zahlen des auf der Bits vorgestellten German Startup Monitor passen zur Aufbruchstimmung. Die Zahl der Neugründungen erreicht ein Rekordhoch. Zwischen Januar und September fließen acht Milliarden Euro Wagniskapital in deutsche Startups, das sind bereits 500 Millionen Euro mehr als im gesamten Vorjahr. Treiber sind insbesondere Deeptech, Energytech und Defence.
Alexander Hirschfeld vom Startup-Verband sieht die Branche deshalb deutlich besser aufgestellt als die deutsche Wirtschaft insgesamt. Auch die Unterstützung durch Hochschulen spielt eine wichtige Rolle: 51 Prozent der Startups erhalten Unterstützung von Universitäten.
„It matters and it works“,
fasste Hirschfeld zusammen. Gleichzeitig wächst die Zahl der Unicorns: 2026 kommen zehn weitere hinzu. Und sie entstehen zunehmend auch außerhalb der bisherigen Zentren Berlin und München.
„We have everything: talents, capital and industry“,
sagte Balázs Nagy, CEO und Co-Founder von Tytan Technologies. Nun müsse Deutschland diese Voraussetzungen stärker nutzen und mehr Kapital mobilisieren.
KI überall – und trotzdem „Human after all“
Das offizielle Motto der Bits & Pretzels lautete in diesem Jahr „Human after all“. Die VeranstalterInnen wollten damit bewusst einen Gegenpol zum KI-Hype setzen und den Fokus wieder mehr auf GründerInnen, persönliche Resilienz und menschliche Netzwerke schieben.
Tatsächlich fand sich der Gedanke an vielen Stellen wieder. Die Pitch Corner befand sich zentral im Ausstellungsbereich und gab GründerInnen mehr Sichtbarkeit. Gleichzeitig zeigte sich gerade hier, wie schwierig es geworden ist, über Startups zu sprechen, ohne über KI zu sprechen: In der Session „Operations & Future of Work“ setzten alle acht pitchenden Startups auf KI – ob für Schulverwaltung, Rechtsberatung, HR oder Unternehmenskommunikation.
Auch InvestorInnen beschäftigte deshalb die Frage, wo neben KI noch Chancen liegen. Anna Sophie Herken von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit und Yusuf Özdalga von QED Investors richteten den Blick beispielsweise auf Afrika als neu zu erschließenden Markt. Özdalga sah außerdem weiterhin Chancen in den Bereichen Fintech und Regtech. KI werde zwar überall Einzug halten, entscheidend blieben aber „speed, culture and brand“. Antoine Nussenbaum von Felix Capital brachte die menschliche Perspektive noch knapper auf den Punkt:
„We invest in people.“
Defence bekommt erstmals einen eigenen Bereich
Wie sich die Prioritäten der Branche verschieben, zeigte ein anderer Teil der Ausstellung besonders deutlich: Erstmals gab es einen eigenen Defence-Bereich. Der Sektor nahm damit auf der Bits ganz buchstäblich mehr Raum ein.
Auf dem Panel „Investing in Defence: Where’s the Opportunity, and Where’s the Line?“ wurde deutlich, dass InvestorInnen Defence inzwischen weniger als kurzfristigen Trend denn als strukturelle Entwicklung betrachten. So meinte Bernhard Gold vom Defense Tech Innovation Fund:
„Defence is much more than a trend, because it’s important.“
Gleichzeitig bleibt die Frage nach ethischen Grenzen präsent. Gold investiert nach eigener Aussage nicht in Waffen, betonte aber, dass Beteiligte im Krieg in der Ukraine letztlich immer Teil einer „kill chain“ seien. Prash Sharma von Airbus Defence & Space fordert deshalb weiterhin einen „human in the loop“. Menschen müssten die Kontrolle behalten, statt Entscheidungen vollständig an Technologie auszulagern. Für die wachsende Zahl an Defence-Startups erwartet er zugleich eine Konsolidierung:
„A lot has emerged, at some time there will be a consolidation.“
Trevor Noah füllt die Reihen
Dass große Namen der Bits guttun, zeigte sich am Montagnachmittag besonders deutlich. Die angekündigten Auftritte von Ministerpräsident Markus Söder und Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche entfielen kurzfristig. Für sie kamen die bayerische Gesundheitsministerin Judith Gerlach und der Parlamentarische Staatssekretär Stefan Rouenhoff. Während ihrer Beiträge leerten sich die Reihen sichtbar.
Wenig später waren die Plätze wieder besetzt: Joko Winterscheidt interviewte Trevor Noah. Der Comedian sprach über Optimismus, Scheitern und darüber, wie Menschen schwierige Erfahrungen bewerten. Gerade mit Blick auf KI stellte Noah schließlich eine Frage, die das Festivalmotto treffend zusammenfasst: Was passiert, wenn sich durch Technologie die Profession verändert, über die ein Mensch bislang seinen Wert definiert hat?
So hinterlässt die Bits & Pretzels 2026 ein durchaus widersprüchliches Gefühl. KI steckt längst in beinahe jeder Lösung, Defence wächst sichtbar und die Suche nach Kapital bleibt zentral. Gleichzeitig wird viel über Resilienz, Verantwortung und menschliches Urteilsvermögen gesprochen. Vielleicht funktioniert „Human after all“ deshalb gerade nicht als Gegenentwurf zum Technologieboom, sondern als Frage danach, welche Rolle der Mensch darin künftig noch spielen soll.






















