Munich Startup
Wem gehört das All? Münchens Rolle im New Space

Wem gehört das All? Münchens Rolle im New Space

Das Spacetech-Panel auf dem Munich Startup Festival

Credit: Munich Startup

Das Spacetech-Panel auf dem Munich Startup Festival – Credit: Munich Startup

Kyrill Ring

Kyrill Ring

Space klingt nach Raketen, Astronauten und Science-Fiction. Tatsächlich entwickelt sich längst ein gewaltiger Wirtschaftsmarkt und München spielt darin eine wichtige Rolle. Beim Munich Startup Festival diskutierten Investor Joram Voelklein, Delta-Vision-Gründer Alex Plebuch und Florian Dötzer vom TUM Venture Lab Aerospace & Defense mit Moderatorin Prof. Dr. Nadine Chochoiek über Münchens Chancen im neuen Space Race.

25. August 2026

7 Min. Lesezeit

Navigieren mit dem Smartphone, Kommunikation über Starlink, Logistik, Energieversorgung oder Satellitenbilder für Landwirtschaft und Waldbrandbekämpfung: Wer bei Raumfahrt nur an Raketenstarts denkt, unterschätzt längst ihre wirtschaftliche Bedeutung.

„Space ist jetzt schon essenziell für das Funktionieren der Wirtschaft“,

sagt Florian Dötzer, Leiter des TUM Venture Lab Aerospace & Defense, auf dem Munich Startup Festival. Gleichzeitig werde der Zugang zum Weltraum günstiger. Startups müssten heute nicht mehr zwangsläufig komplette Satelliten entwickeln, starten und betreiben. Sie können sich auf einzelne Technologien konzentrieren und andere Komponenten zukaufen.

Damit entstehen neue Geschäftsmodelle – von Satelliten und Launchern über Betankung im Orbit und Space Traffic Management bis zu Anwendungen in Landwirtschaft, Logistik und Sicherheit.

90 Millionen Euro für eine vermeintliche Nische

Wie real dieser Markt bereits ist, zeigt Alex Plebuch. Der Raketeningenieur arbeitete rund zwölf Jahre für größere Raumfahrtunternehmen und unter anderem an Antriebssystemen für die Ariane-Rakete, bevor er mit erfahrenen IngenieurInnen Delta Vision gründete.

Das Münchner Unternehmen begann bewusst mit einem vermeintlich kleinen Problem: Komponenten wie Ventile, Pumpen und Druckregler für Satelliten und Raketen. Aus der Berufserfahrung heraus hatten die Gründer Schwachstellen in der bestehenden Supply Chain erkannt.

Was zunächst nach „Nische in der Nische“ klang, hat inzwischen eine andere Dimension. Plebuch beziffert den Auftragsbestand für die Komponenten auf rund 90 Millionen Euro. Nur etwa zehn Prozent davon entfielen auf Agenturen, der Rest sei kommerzielles Geschäft.

Delta Vision beschäftigt nach Plebuchs Angaben mittlerweile 134 MitarbeiterInnen. Zudem hatte das Unternehmen unmittelbar vor dem Festival eine Seed-Finanzierung über 10,2 Millionen Euro bekanntgegeben. Der Weg dahin dauerte rund sieben Monate.

Dabei entschied sich das Unternehmen vor allem für Family Offices, ergänzt um VC-Kapital. Plebuch schätzt an dieser Konstellation unter anderem, dass die InvestorInnen selbst Erfahrungen mit dem Aufbau von Unternehmen mitbringen.

Der Investor, der das „Klumpenrisiko“ liebt

Einer, der Space nicht als Nische betrachtet, ist Joram Voelklein. Gemeinsam mit dem ehemaligen SpaceX-Manager Bülent Altan gründete er Alpine Space Ventures. Der VC investiert ausschließlich in Space-Unternehmen in Europa und den USA und verwaltet laut Voelklein mittlerweile mehr als 300 Millionen Euro.

Die These dahinter ist entsprechend groß:

„Space wird eine der größten, wenn nicht die größte Industrie auf der Welt werden. Und das in absehbarer Zeit.“

Alpine Space Ventures setzt dabei nicht primär auf die spektakulärsten Anwendungen, sondern auf die industrielle Basis des neuen Marktes – die „Hacken und Schaufeln“, wie Voelklein es nennt. Also auf jene Hardware und Infrastruktur, auf der spätere Anwendungen überhaupt erst entstehen können.

Auch beim Investieren geht Alpine ungewöhnliche Wege. Im ersten, 170 Millionen Euro schweren Fonds, befinden sich lediglich sieben Unternehmen. An zwei davon hält der Fonds laut Voelklein mehr als 45 Prozent.

„Das sind Zahlen, da rennen die meisten VCs eigentlich schreiend in die Berge“,

sagt Voelklein mit Blick auf das damit verbundene Klumpenrisiko. Seine Reaktion darauf:

„Wir lieben das.“

Der Grund: Space-Investments verlangen aus seiner Sicht besonderes technisches Verständnis und einen sehr genauen Blick auf die langfristige Entwicklung eines Marktes. Alpine setzt deshalb auf ein Team mit umfangreicher Raumfahrterfahrung und konzentriert sich auf wenige Beteiligungen.


Prof. Dr. Nadine Chochoiek moderierte das Panel. Foto: Munich Startup

Warum ausgerechnet München?

Forschung, Industrie, Kapital und Talente: Für Florian Dötzer kommen in München mehrere entscheidende Faktoren zusammen. Neben Hochschulen und Forschungseinrichtungen sieht Dötzer insbesondere die Mischung unterschiedlicher GründerInnen als Stärke. Im Aerospace-Bereich entstehen nicht nur klassische studentische Startups. Erfahrene MitarbeiterInnen großer Unternehmen treffen auf DoktorandInnen und Studierende, die wiederum völlig neue Ansätze ausprobieren.

Hinzu kommt die industrielle Basis in Süddeutschland, Österreich und der Schweiz. Mittelständische Hidden Champions können für Startups als Partner und Zulieferer dienen. Junge Unternehmen müssen dadurch nicht jede Technologie selbst entwickeln und können sich stärker auf ihre Kernkompetenzen konzentrieren.

Plebuch beschreibt das Münchner Ökosystem sogar als eine Art „Maschinerie“, die junge Unternehmen hervorbringen könne. Von Fördermöglichkeiten vor der Gründung über Accelerator-Programme bis hin zu einem Netzwerk anderer Space-GründerInnen gebe es Unterstützung in unterschiedlichen Unternehmensphasen.

Voelkleins Investmentbilanz unterstreicht die Münchner Konzentration: Von vier europäischen Beteiligungen von Alpine Space Ventures befinden sich nach seinen Angaben alle in Deutschland, zwei direkt in München und eine weitere mit einem Hub in der Stadt. Sein Urteil fällt entsprechend aus:

„Es kann kein Zufall sein, dass die meisten unserer Beteiligungen in München sind. Wir haben uns ganz Europa angesehen und hier sind einfach die besten Companies.“

„Die Zielmarke heißt USA und China“

Doch genau an diesem Punkt wird die Diskussion interessant. Denn Dötzer warnt davor, sich auf der starken Ausgangslage auszuruhen.

„Es hilft uns ja nichts, wenn wir uns jetzt hier zureden, wie gut wir sind“,

sagt er. Statt München mit Stuttgart oder Berlin und Deutschland mit Frankreich zu vergleichen, müsse Europa größer denken. Sein Anspruch:

„Wir müssen eigentlich zum Thema Space der Hub in Europa sein mit weltweiter Bedeutung. Die Zielmarke heißt USA und China.“

Dabei geht es längst nicht mehr ausschließlich um wirtschaftliches Wachstum. Raumfahrt wird zunehmend zu einer Frage kritischer Infrastruktur und europäischer Souveränität – etwa bei Launchern, Satellitenkommunikation oder Überwachung.

Plebuch sieht derzeit eine besonders gute Gelegenheit, Space- und Defence-Technologien in Deutschland aufzubauen. Eine Schwierigkeit bestehe allerdings weiterhin darin, jungen Unternehmen direkten Zugang zu den relevanten EntscheidungsträgerInnen zu verschaffen. Voelklein geht noch einen Schritt weiter. Klassische Defence-Plattformen entwickelten sich zunehmend zu Netzwerken. Große Verteidigungsunternehmen müssten deshalb künftig zwangsläufig auch Space-Unternehmen werden.

„Keiner wird mehr in der Lage sein, einen militärischen Konflikt zu gewinnen oder da die Oberhand zu haben, wenn sie nicht auch die Oberhand im Space haben“,

sagt der Investor.

Für ihn ist das Teil einer wesentlich größeren strukturellen Entwicklung. Space werde künftig in immer mehr Industrien eine zentrale Rolle spielen.

Die Voraussetzungen dafür sieht das Panel in München jedenfalls als außergewöhnlich gut an. Forschung, Talente, etablierte Industrie, spezialisierte InvestorInnen und immer mehr erfolgreiche Startups sind vorhanden. Die entscheidende Frage lautet damit vielleicht weniger, ob München beim neuen Space Race mitspielen kann, sondern wie groß die Stadt und Europa dabei zu denken bereit sind.

Die Panelisten im Kurzporträt

Dr. Florian Dötzer leitet das TUM Venture Lab Aerospace & Defense. Die Non-Profit-Organisation unterstützt Startups auf ihrem Weg zum erfolgreichen Unternehmen. Dötzer sieht insbesondere die Verbindung aus Forschung, Talenten, etablierten Unternehmen, Mittelstand und spezialisierten InvestorInnen als Stärke des Münchner Space-Ökosystems.

Alex Plebuch ist Raketeningenieur und Gründer sowie CEO der Münchner Delta Vision GmbH. Vor seiner Gründung arbeitete er rund zwölf Jahre in größeren Raumfahrtunternehmen in Deutschland und Europa, unter anderem an Antriebssystemen für die Ariane-Rakete. Delta Vision entwickelt und produziert unter anderem Komponenten für Satelliten und Raketen und beschäftigt nach Plebuchs Angaben mittlerweile 134 MitarbeiterInnen.

Joram Voelklein ist Mitgründer von Alpine Space Ventures, einem auf Space spezialisierten VC. Der Investor verwaltet laut Voelklein mehr als 300 Millionen Euro und investiert in Europa und den USA. Alpine Space Ventures setzt insbesondere auf die industrielle Basis der Raumfahrt und konzentriert sein Kapital auf vergleichsweise wenige Beteiligungen.

Prof. Dr. Nadine Chochoiek moderierte das Panel. Sie ist Professorin für Innovation und Entrepreneurship sowie Co-Founderin von Bright and Bold.

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