Munich Startup: Was hat dich zur Gründung motiviert?
Leonie Wagner: Ich komme aus der Physik und bin über Robotik und Machine Learning bei Prognosemodellen gelandet. In Stanford habe ich an Neural Prophet geforscht, also daran, Zeitreihen vorherzusagen und diese Vorhersagen erklärbar zu machen. Genau das ist heute der Kern unseres Produkts, denn ein Batteriespeicher ist nur so gut wie die Prognose von Strompreis, Last und Wetter, auf der er betrieben wird. Nach Stanford bin ich sehr bewusst nach München zurück, weil Energie in Europa das drängendere Problem ist: hohe Preise, extreme Volatilität, eine Industrie unter Druck. Und dann haben wir gesehen, wie Unternehmen Speicher kaufen und danach nicht wissen, ob sich die Anlage rechnet. Geplant wird in Excel, betrieben wird nach starren Regeln, vermarktet wird gar nicht. Das war so konkret und so groß, dass sich nicht mehr die Frage gestellt hat, ob das jemand löst, sondern wer.
Munich Startup: Was hättest du gerne vor deiner ersten Gründung gewusst?
Leonie Wagner: Wie viele Menschen einen auf so einem Weg unterstützen. Man braucht ständig irgendetwas: ein Intro zu jemandem, einen Tipp, wie man etwas konkret umsetzt, ein gutes Wort an der richtigen Stelle. Und fast immer ist da jemand, der das einfach macht. Alte Freunde, neue Gesichter, Leute, die man erst vor zwei Wochen kennengelernt hat. Dass so viele Vertrauen und Zeit investieren, ist das Schönste am Gründen. Was ich gelernt habe: einfach fragen. Die meisten sagen ja.
Munich Startup: Wie ist dein Unternehmen bislang finanziert?
Leonie Wagner: Wir sind mit dem Exist-Gründungsstipendium über die TU München gestartet und hatten von Beginn an zahlende Kunden, inzwischen über hundert. Im Oktober 2025 kam die erste Finanzierungsrunde dazu, nachdem wir den Accelerator Neo in San Francisco durchlaufen hatten.
„Feedback is a gift“
Munich Startup: Wann und wo bekommst du die besten Ideen?
Leonie Wagner: Fast nie am Schreibtisch. Meistens auf dem Tennisplatz, im Wasser beim Schwimmen oder auf dem Fahrrad auf dem Weg ins Büro. Und die besten Produktideen kommen ohnehin nicht aus internen Workshops, sondern aus Kundengesprächen. Feedback is a gift und am größten ist das Geschenk, wenn es von Kunden kommt.
Munich Startup: Was sind deine 3 liebsten Arbeitstools?
Leonie Wagner: Claude, Codex und Superset in genau dieser Dreierkombination, weil sich damit in Minuten Dinge erledigen lassen, für die wir sonst Tage gebraucht hätten und man gleichzeitig einen guten Überblick über alle Agents hat.
Munich Startup: Dein Top-Tipp zum Thema „Pitchen“?
Leonie Wagner: Der erste Satz ist absolut entscheidend. Den einfach auswendig lernen, aber auch als einzigen Satz. Egal wie nervös man ist und egal wie das Publikum ist, der erste Eindruck sitzt dann. Der zweite Satz ist der zweitwichtigste: In den ersten 30 Sekunden muss das Problem so klar sein, dass es auch jemand versteht, der noch nie etwas mit Batteriespeichern zu tun hatte.
Munich Startup: Erscheint es dir gerade als eine gute Zeit, um zu gründen? Warum?
Leonie Wagner: Für Energie auf jeden Fall. Die Strompreise sind hoch und volatil, der Speicherzubau wächst massiv und die Regulatorik öffnet sich gerade für kleinere Anlagen. Gleichzeitig baut man heute mit KI-Tools zu fünft, wofür man vor drei Jahren zwanzig Leute gebraucht hätte.
Munich Startup: Auf welche Technologie oder Branche würdest du bei deiner nächsten Gründung setzen?
Leonie Wagner: Wieder dort, wo Software auf physische Infrastruktur trifft: Netz, Wärme, industrielle Prozesse. Diese Bereiche gelten als langsam und hochreguliert und genau deswegen sind sie interessant, weil der Vorsprung dort verteidigbar ist. Reine Software-Layer ohne Hardware-Integration sind heute in wenigen Wochen kopiert.
Mehr Events ohne Wettbewerbcharakter
Munich Startup: Was könnte aus deiner Sicht am Gründungsstandort München noch verbessert werden?
Leonie Wagner: Mehr Formate für richtig technische Leute und zwar ohne Wettbewerbsdruck. Es gibt viele Hackathons und Pitch-Events, aber wenig Orte, an denen man einfach zusammenkommt, um über Tech zu reden, ohne dass man am Ende des Abends etwas gewinnen muss. Genau deswegen haben wir im August zusammen mit Marble Cognition die Demo Night organisiert: Wer etwas gebaut hatte, konnte es zeigen, musste aber nicht. Keine Jury, kein Preis, kein perfekter Pitch sondern Bugs. Aus solchen Abenden entstehen Gespräche, die später zu Hires, Kooperationen und guten Ideen führen. Davon könnte München deutlich mehr haben.
Munich Startup: Welche Gründerin oder welchen Gründer würdest du gerne einmal persönlich treffen? Und was würdest du sie oder ihn fragen?
Leonie Wagner: Meine Vorbilder kamen bisher fast alle aus dem eigenen Umfeld: Freunde, die vor mir gegründet haben, frühere Manager, Leute, mit denen ich täglich arbeite. Wenn ich mir aber jemanden aussuchen könnte, mit dem ich einen Kaffee trinken gehe, dann Mira Murati. Beeindruckend finde ich dabei weniger die Technologie als die Rolle: Sie hat als CTO von Open AI eines der bekanntesten Tech-Unternehmen der Welt mit aufgebaut, in einer Führungsebene, die fast ausschließlich aus Männern bestand. Ich würde sie fragen, wie sie in so einem Raum ihren eigenen Führungsstil gefunden hat und welche Entscheidungen in ihrer Karriere die entscheidenden waren.











