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„Wir können Erfolg am Anfang nicht vorhersagen“ – SCE-Chef Klaus Sailer über falsche Startup-Logik

„Wir können Erfolg am Anfang nicht vorhersagen“ – SCE-Chef Klaus Sailer über falsche Startup-Logik

Kyrill Ring

Kyrill Ring

Viele Startups werden früh abgeschrieben – genau dort liegt laut Klaus Sailer im Pitch & People-Videocast aber oft das größte Potenzial. Der SCE-Chef erklärt, warum Unsicherheit ein Wettbewerbsvorteil ist, was Europas Startup-Ökosystem noch fehlt und weshalb der Kontinent dringend seinen eigenen unternehmerischen USP finden muss.

20. April 2026

PITCH & PEOPLE Folge 30: Klaus Sailer

Viele Startups werden früh abgeschrieben – genau dort liegt laut Klaus Sailer im Pitch & People-Videocast aber oft das größte Potenzial. Der SCE-Chef erklärt, warum Unsicherheit ein Wettbewerbsvorteil ist, was Europas Startup-Ökosystem noch fehlt und weshalb der Kontinent dringend seinen eigenen unternehmerischen USP finden muss.

AcceleratorExperte

Wer im Startup-Ökosystem nach Erfolg sucht, orientiert sich häufig an klaren Mustern: starke Teams, skalierbare Geschäftsmodelle, überzeugende Pitches. Doch genau diese Logik stellt Klaus Sailer infrage. Der Leiter des Strascheg Center for Entrepreneurship (SCE) in München beobachtet seit Jahren eine ganz andere Dynamik und bringt sie in unserem Videocast Pitch & People auf den Punkt:

„Wir haben festgestellt, dass viele Startups, an die niemand geglaubt hat, die besten werden. Wir können also am Anfang nicht wissen, wird das Startup erfolgreich oder nicht.“

Diese Perspektive ist die Grundlage für Sailers Arbeit und ein klarer Gegenentwurf zu einem Ökosystem, das versucht, Erfolg möglichst früh vorherzusagen und zu standardisieren.

Unsicherheit als Prinzip

Für Sailer ist Unsicherheit kein Problem, sondern Voraussetzung für Innovation. Seine eigene Prägung als Physiker hat ihn genau das gelehrt – und dieses Denken zieht sich bis heute durch seine Arbeit mit GründerInnen.

„Als Physiker lernt man schnell, manchmal sind die Dinge anders, als man sie sich denkt. Man lebt mit Unsicherheit, aber der Zustand von Unsicherheit bringt natürlich auch viele Chancen mit sich.“

Diese Haltung verändert den Blick auf Startups grundlegend. Statt Risiken zu minimieren, geht es darum, mit ihnen zu arbeiten. Statt schnelle Ergebnisse zu erzwingen, geht es darum, Entwicklungen zuzulassen. Gerade in der Frühphase bedeutet das vor allem eines: Geduld und die Bereitschaft, auch unperfekten Ideen Raum zu geben.

Europas fehlender USP

Während das SCE bewusst auf Offenheit und Vielfalt setzt, sieht Sailer auf einer größeren Ebene ein strukturelles Problem – insbesondere in Europa. Im globalen Vergleich fehlt aus seiner Sicht eine klare Positionierung.

„Die USA haben ihren USP gefunden. Die sagen, wir konzentrieren uns auf den einzelnen Entrepreneur. China hat seinen Weg auch gefunden, die denken ganz anders. Und ich glaube, hier in Europa schwanken wir immer zwischen den USA – wir brauchen mehr Venture Capital – und der Frage, ob wir es stärker staatlich steuern sollen.“

Genau dieses Pendeln verhindert laut Sailer, dass sich ein eigenständiges Modell entwickelt. Statt eigene Stärken auszuspielen, orientiert sich Europa an bestehenden Systemen – ohne deren Voraussetzungen vollständig zu haben. Seine Forderung ist deshalb klar: Europa braucht einen eigenen USP im Entrepreneurship.

Und dieser könnte genau dort liegen, wo Europa traditionell stark ist – im Zusammenspiel unterschiedlicher Akteure. Sailer denkt dabei an ein System, in dem Startups, etablierte Unternehmen, Politik und Hochschulen enger verzahnt sind und gemeinsam Innovation vorantreiben. Entrepreneurship wird damit nicht nur zum wirtschaftlichen Instrument, sondern zu einem gesellschaftlichen Hebel.

Infobox

Prof. Dr. Klaus Sailer ist Professor für Entrepreneurship an der Hochschule München und Geschäftsführer des Strascheg Center for Entrepreneurship (SCE). Der promovierte Physiker startete seine Karriere in der Industrie bei Infineon, bevor er selbst mehrere Unternehmen gründete und leitete. Seit rund zwei Jahrzehnten prägt er die Gründungsförderung in München maßgeblich. Neben seiner Arbeit am SCE engagiert sich Sailer in verschiedenen Initiativen und Netzwerken zur Stärkung von Entrepreneurship und gilt als einer der zentralen Akteure im Münchner Startup-Ökosystem.

Verantwortung für die Zukunft

Für Sailer endet Unternehmertum nicht beim wirtschaftlichen Erfolg. Es geht immer auch um Wirkung – und um Verantwortung. Gerade in Zeiten großer Herausforderungen wie dem Klimawandel sieht er Entrepreneurship als entscheidenden Faktor, um nachhaltige Lösungen zu entwickeln.

„Wenn du schon so ein mächtiges Mittel wie Entrepreneurship hast, musst du auch Verantwortung übernehmen. Was kannst du verändern in der Gesellschaft? Ist es etwas Gutes oder etwas Schlechtes?“

Diese Perspektive verbindet auch die beiden scheinbar gegensätzlichen Welten von Deep Tech und Social Entrepreneurship. Für Sailer sind sie keine Gegensätze, sondern zwei Seiten derselben Medaille – technologischer Fortschritt und gesellschaftlicher Nutzen müssen zusammen gedacht werden.

Am Ende läuft alles auf eine zentrale Erkenntnis hinaus: Weder Startup-Erfolg noch wirtschaftliche Zukunft lassen sich vollständig planen. Wer Innovation will, muss Unsicherheit zulassen – und wer als Kontinent bestehen will, braucht mehr als nur Kopien bestehender Modelle. Europas Chance liegt darin, seinen eigenen Weg zu finden. Und vielleicht auch darin, genau den Ideen eine Chance zu geben, an die heute noch niemand glaubt.

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